Montag, 20. Mai 2019

Hilfe, ich habe Angst!

Ausgabe 2014.03
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Zu viel Angst macht krank. Angst betrifft alle Bevölkerungsschichten und gipfelt häufig in Panikattacken. Bei Frauen sind Ängste die häufigste psychische Störung.


Foto: vlue - canstockphoto

Das Herz rast, die Hände zittern. Es wird eng um die Brust, gleich glaubt man zu sterben. Ein Herzinfarkt? Ein Schlaganfall? Schnell noch die Rettung rufen, bevor es zu spät ist. Denn eines scheint klar: Der Tod steht vor der Tür. Wenn sich im Krankenhaus dann herausstellt, dass körperlich alles in Ordnung ist und bloß Puls und Kreislauf verrückt gespielt haben, dann weiß man: Man hat seine erste Panikattacke erlitten. Dabei entsteht eine Panikattacke keineswegs ohne Vorgeschichte. Meist hat man eine lange psychische Belastungssituation durchlebt, wie etwa eine berufliche Überlastung gepaart mit familiärem Stress, Scheidung, Todesfall, Schulden oder drohende Arbeitslosigkeit. Panikattacken treten auf, wenn lange schwelende Ängste in einer vermeintlich lebensbedrohenden Attacke gipfeln und explosionsartig zum Ausbruch kommen.

Werden Ängste immer mehr? Man geht davon aus, dass fast jeder zehnte Österreicher an krankheitswertigen Ängsten leidet. Angststörungen sind bei Frauen die häufigste psychische Störung, sie liegen daher noch häufiger vor als Depressionen. Bei Männern sind sie – nach dem Alkoholmissbrauch – immerhin die zweithäufigste psychische Störung. Ob Angsterkrankungen immer mehr werden oder ob einfach immer mehr Menschen zu ihren Ängsten stehen und sich behandeln lassen, ist umstritten. „Die sozialen Ängste werden immer mehr, weil es in unserer Leistungsgesellschaft immer mehr um das Funktionieren geht und Versagen als Schwäche gilt. Panikattacken sind oft nur die Spitze des Eisbergs und Ausdruck von Überforderung in Beruf und Privatleben“, sagt der Linzer Psychotherapeut Hans Morschitzky.

Druck erzeugt Angst. Ängste können viele Ursachen haben. Neben Leistungsdruck in Schule, Studium und Beruf spielt häufig die pure Existenzangst eine Rolle. Arbeitnehmer haben immer häufiger das Gefühl, dass ihr Arbeitsplatz als Grundlage ihrer Existenz nicht garantiert ist. Auch die Angst vor Krankheiten steigt. Die Menschen wurden noch nie so alt wie jetzt und fürchten sich mehr denn je vor Krankheiten. Einerseits bringt ein hohes Alter zwangsläufig Krankheiten mit sich, andererseits erwartet man von der Medizin Wunderdinge und fürchtet sich vor Leid und Gebrechen.

Medien haben Verantwortung. Auch manche Medien verstärken Angstgefühle. Obwohl das Leben in früheren Jahrhunderten viel stärker bedroht war als heute, nehmen die Menschen subjektiv immer weniger Sicherheit wahr. Jeder von uns ist im Zeitalter der medialen Globalisierung binnen Minuten über alle kleinen und großen Bedrohungen rund um den Globus informiert. Vor allem TV-Sendungen, die Tod und Gewalt in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung stellen, erzeugen unterschwellig ein ständiges Bedrohungsgefühl. „Das menschliche Gehirn generalisiert diese einseitigen Nachrichten und nimmt fälschlich an, dass das Leben gefährlich sei. Personen, die eine Neigung zu ängstlichem Verhalten haben, werden durch solche Informationen in ihrer Angst verstärkt“, sagt Mag. Marina Gottwald, Klinische und Gesundheitspsychologin und Psychotherapeutin an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg.

Beziehungen schützen. Auch gesellschaftliche Veränderungen tragen ihren Teil zur Steigerung von Angsterkrankungen bei. Durch die zunehmende Instabilität von Ehe und Beziehungen geht ein Schutzfaktor für mentale Gesundheit verloren. „Vereinzelung, soziale Entwurzelung und mangelnde Solidarität fördern Angsterkrankungen. Stabile Kontakte, Familie und gute Freunde wirken dagegen wie ein Schutzschild“, sagt Dr. Morschitzky. Auch die Erziehung spielt eine Rolle. „Ängstliche Kinder haben meist ängstliche Eltern“, sagt Mag. Gottwald. Eine überbehütende Erziehung, die zu Vermeidungsverhalten führt, ist genauso problematisch wie ein autoritärer und dominanter Erziehungsstil, der Ängste schürt.

Wenn alles Angst macht. Experten unterscheiden zwei Gruppen von Angsterkrankungen: die Panikstörung und die generalisierte Angststörung einerseits und die Phobien (Agoraphobie, soziale Phobie, spezifische Phobien) andererseits. Menschen mit einer generalisierten Angststörung machen sich ständig Sorgen über die alltäglichen Dinge des Lebens. Im Mittelpunkt der Sorgen steht meist das Wohl der anderen, der Eltern, des Partners, der Kinder. Die Betroffenen befürchten Krankheiten, Unfälle oder einfach unangenehme Situationen im Alltagsleben. Typisch sind auch übertriebene Sorgen um die Leistungsfähigkeit der Kinder in Schule und Beruf. Auch unbegründete Geldsorgen rauben den Schlaf. Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer solchen Angststörung, Tendenz steigend. Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Patienten werden häufig nicht angemessen behandelt. Dr. Morschitzky: „Die Betroffenen werden meist nur mit Medikamenten gegen Schlafstörungen und Nervosität behandelt. Die Angsterkrankung wird aber übersehen.“

Die Angst vor anderen. Sozialphobiker fürchten sich vor dem Urteil bestimmter Menschen. Es ist ihnen wichtig, dass diese positiv über sie denken. Sie fürchten sich vor Kritik und Ablehnung. Hinter jeder Angst steht ein Wunsch. Sozialphobische Menschen wünschen sich, bei anderen gut anzukommen, gleichzeitig glauben sie nicht daran, dass das der Fall ist. Diese Angst ist kein unabänderliches Schicksal, sondern lässt sich gut behandeln.

Große Zahl spezifischer Phobien. Einzelne Phobien, die sich nur auf eine bestimmte Situation oder auf ein bestimmtes Ding/Tier beziehen, sind zwar weit verbreitet, aber wenig gefürchtet, da sie nur kleine Teilbereiche des Lebens betreffen. Es besteht eine große Vielfalt spezifischer Phobien, etwa die Angst vor Dunkelheit, tiefem Wasser, Höhen, bestimmten Tieren, Blut etc.

Wann sollte man seine Ängste behandeln lassen? Ob man sich behandeln lässt, ist meist das Resultat einer Abwägung: Kostet es ständig enorme Kraft, mit der Angst zu leben, wird man diesen Schritt in Erwägung ziehen. Ist das Leid und die Beeinträchtigung dagegen eher gering, wird man mit diesem Problem einfach weiterleben. Leidet man unter seinen Ängsten und engen sie das Leben ein, sollte man sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden. Bei Angststörungen stehen zwei Therapieformen im Vordergrund: die Psychotherapie, also Behandlung in Gesprächsform, und in schweren Fällen zusätzlich die medikamentöse Therapie, also die Einnahme von Psychopharmaka, zumeist in Form von Antidepressiva. Medikamente sollen eine Chronifizierung der Probleme in Richtung Depression oder Alkoholprobleme verhindern. In vielen Fällen ist eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten hilfreich. Ziel einer Psychotherapie ist es, mit der Angst klarzukommen und sie zu minimieren, mehr Vertrauen zu sich und zu anderen Menschen und in die Zukunft zu gewinnen. „Es stehen viele verschiedene Arten der Psychotherapie zur Auswahl, durch Studien am besten abgesichert sind die Erfolge der Verhaltenstherapie, die viele konkrete Strategien im Umgang damit entwickelt hat“, so Morschitzky.

Hypnose und Selbsthilfe. Auch Hypnose wird bei Angsterkrankungen erfolgreich eingesetzt, das hat nichts mit Magie oder faulem Zauber zu tun. Wichtig ist es, dass der Arzt oder Therapeut über eine entsprechende und fundierte Zusatzausbildung verfügt. Die Auswahl unter den Ärzten ist freilich gering, Hypnotherapie wird leider nur selten angeboten. Bei Alltagsängsten, die die Lebensqualität nicht massiv beeinträchtigen, helfen auch Selbsthilferatgeber zum Thema Angst sowie das Praktizieren von Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Imaginationsübungen, Achtsamkeitsübungen, Meditationstechniken und Yoga.

 

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