Mittwoch, 18. September 2019

Wenn der Vierbeiner Probleme macht

Ausgabe 10/2009
Zerstörungswut, ungestümes Verhalten an der Leine oder das gefürchtete Pinkeln ins Bett: Bisweilen wissen Haustiere nicht, wie sie sich angemessen zu benehmen haben. Tierpsychologen bieten professionelle Hilfe.

Foto: Orec Zvonimir - fotolia.com
"Normale“ Menschen
haben meist normale Haustiere. Aber wer kann heute schon von sich behaupten, ganz „normal“ zu sein? Leistungsdruck, Liebeskummer oder auch die allgegenwärtige Krisenstimmung drücken bisweilen ganz schön auf das menschliche Gemüt. Genauso wie sich Psychiater und Psychologen auf die kleinen und großen „Verrücktheiten“ bei Menschen spezialisiert haben, können eigens dafür ausgebildete Tierexperten Hundeund Katzenbesitzer bei Verhaltensproblemen ihrer Schützlinge unterstützen, wenn eigene Erziehungsmaßnahmen nicht mehr fruchten. „Früher wurden problematische Tiere in vielen Fällen eingeschläfert oder abgegeben“, meint die steirische Tierärztin Andrea Irina Joch. „Heutzutage ist die persönliche Bindung zum Vierbeiner stärker, der Tierarzt wird zunehmend auch als möglicher Berater bei Verhaltensauffälligkeiten konsultiert.“

Unerwünschtes Bellen & Beißen
Die häufigsten Probleme in Jochs tierpsychologischer Praxis: Hunde unterschiedlichster Rassen, die ein aggressives Verhalten gegenüber Menschen oder anderen Hunden zeigen. „Aggressive Hunde bellen, knurren, fletschen die Zähne und beißen ihre Familienmitglieder, z.B. wenn sie dem Futter oder dem Lieblingsspielzeug des Hundes zu nahe kommen“, so die Tierärztin. Wobei die Ursachen sehr oft bei den – nicht selten unerfahrenen – Hundehaltern liegen: „So können eine unklare Rangordnung in der Familie, mangelhafte Erziehung, aber auch traumatische Erlebnisse dieses unerfreuliche bis gefährliche Verhalten auslösen.“ Die angemessene Therapie richtet sich nach den individuellen Gegebenheiten und reicht von bewusst strukturierten Tagesabläufen bis zu gezieltem Training als Beschäftigungstherapie.

Bolfo allein zu Hause
Oft werden zudem Hunde mit Trennungsängsten in Jochs Sprechstunde gebracht: „Die Besitzer sind verzweifelt, weil ihre Tiere die Einrichtung zerstören, in den vier Wänden pinkeln, Kot absetzen oder unerträglich laut und lange bellen, heulen und winseln – auch wenn sie nur für kurze Zeit allein gelassen werden.“ Die Diagnose ist in diesem Fall einfach, die Hauptursache bekannt: „Zumeist hat der Hund als junger Hund nicht gelernt, allein zu sein.“ Die Methode der Wahl heißt laut Joch sanfte Loslösung: „Als Hilfsmittel dient dabei ein gemütlichen Ruheplatz in Form einer Box oder einer Schlafhöhle, mit dem das Alleinebleiben in kleinen Schritten trainiert wird.“ Tierspezifische Duftstoffe, sogenannte Pheromone, können dabei hilfreich sein.

Panik bei Blitz & Donner
Auch die häufige Angst vor Gewitter und Geräuschen kann mit fachmännischer Unterstützung und Geduld abtrainiert werden. Wobei wieder das richtige Verhalten entscheidend ist: „Streichelt man den Hund bei Anspannung, z.B. bei Blitz und Donner, verstärkt diese vermeintlich beruhigende Maßnahme die Angst nur noch.“ Zielführender ist eine Stärkung des Vertrauens des Hundes in den Besitzer in Verbindung mit der Gabe von Pheromonen.

Das ständige Ziehen an der Leine zählt ebenfalls zum Leidwesen vieler „Gassigeher“. Ein hausgemachtes Verhaltensproblem, das nicht nur an den Armen sondern bald auch an den Nerven des Hundehalters zerrt. Bei diesem Dilemma verordnet die Verhaltensexpertin konsequentes Gehorsamstraining, um die Aufmerksamkeit wieder auf den Besitzer zu lenken.

Toil-Etikette für Katzen
Erziehungsmängel und Langeweile können auch bei Katzen aggressives (Spiel-) Verhalten gegen Herrchen und Frauchen auslösen, was ähnlich wie bei den bellenden Freunden mit Beschäftigungstherapie verschiedener Formen angegangen wird. Viel öfter passiert es freilich, dass die ansonst so auf Reinlichkeit bedachte Samtpfoten in Stresssituationen ihre Blase scheinbar nicht mehr unter Kontrolle haben: „Bisweilen ist unerwünschtes Markieren Ausdruck einer Erkrankung der Harnwege, in vielen Fällen allerdings ein Zeichen für belastende Situationen in der Umwelt wie Zuwachs in der Familie, Umzug, andere Katzen im Haushalt“, erklärt Tierärztin Joch.

„Normal ist das Verhalten bei jungen, unkastrierten Katern, die so ihr Territorium markieren.“ Ist das Problem nicht wie in letzterem Beispiel mit einer Kastration zu beheben, analysiert Joch die „Wohnsituation“ der Katze, um mögliche Störfaktoren zu finden. Bisweilen fühlt sich die Katze einfach nur vernachlässigt oder kann sich nicht mit der neuen Katzenstreu anfreunden. Weitere Lösungsansätze reichen von neu geschaffenen Ruhezonen über ein Umstellen der Katzenklos bis hin zu Pheromonen. In hartnäckigen Fällen kommen auch Medikamente wie Antidepressiva zum Einsatz.


Miez & Mops auf der Couch
Ablauf einer Verhaltenstherapie bei Tierärztin Andrea Irina Joch:

  • Zuerst wird ein ausführlicher Fragebogen ausgewertet und ein individueller Therapieplan erstellt, den der Besitzer für zuhause erhält.“ Darin sind Tipps für den täglichen Umgang mit dem Tier sowie für die Einteilung des Tages in Fress-, Übungs-, Spiel-, Auslaufs- und Ruhezeiten enthalten.
  • Für das spezielle Problem erarbeitet die Verhaltensexpertin noch ein eigenes Trainingsprogramm.
  • Die Therapie wird mit dem Besitzer und seiner Familie besprochen, und einige Übungen werden mit dem Tier praktisch geübt. Dann geht die Familie mit dem Tier zuhause das Programm durch.
  • In der zweiten Sitzung werden noch bestehende Probleme gesondert angesprochen. In der Regel reichen zwei Sitzungen für die Beseitigung des Problems aus.

Duftstoffe gegen Stress
  • Pheromone sind wichtige Botenstoffe für Hund und Katze. Sie sorgen z.B. dafür, dass Tierbabys die Zitzen der Mutter finden, werden auch in den Drüsen zwischen den Zehen produziert und machen so den Weg für Artgenossen „lesbar“. Selbst im Katzenurin finden sich diese Stoffe, die auf den „Ausscheider“ beruhigend wirken. Das ist oft der Grund für das Urinieren bei Stress.
  • Pheromone sind für Menschen nicht wahrnehmbar, und sie haben keine Nebenwirkungen für Mensch und Tier. Für Hunde gibt es sie in Form von Sprays und Halsbändern, bei Katzen in Form von Sprays und in Diffusorform, der ähnlich wie ein Gelsenstecker mit Strom funktioniert. So kann das Pheromon gut in der Wohnung verteilt werden und trägt zur Stressreduktion bei.

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