Dienstag, 19. November 2019

Sanfte Therapeuten

Ausgabe 02/2010
Streicheln, Spielen, Kuscheln – Tiere sind Freunde, aber auch Therapeuten auf vier Pfoten. Sie lindern Seelenleid und machen kranke Menschen wieder mobil.

Fotos: Linda Kloosterhof - istockphoto
Bea ist zehn Jahre alt, seit ihrer Geburt blind und Spastikerin. Manchmal schafft sie es, zwei kurze Schritte ohne Stütze zu gehen, ansonsten ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Zusätzlich leidet das Mädchen zeitweise unter epileptischen Anfällen. Trotz dieser schweren Behinderung hat Bea Freude am Leben. Und eine besondere vierbeinige Freundin: Den Flat Coated Retriever Kyra, eine ausgebildete Therapiehündin mit schwarzem, kuscheligem Fell und freundlichen Augen. Einmal wöchentlich dürfen Bea und Kyra miteinander „spielen“: Zur Kräftigung ihrer Armmuskulatur wirft Bea einen Ball, den die geduldige Kyra immer wieder holt und auf Beas Schoß legt. Mit der Schnauze stupst die Hündin Beas Hand zum Ball. Da Bea sehr schnell ermüdet, benötigt sie immer wieder Ruhepausen zwischendurch und legt manchmal sogar ein kleines Schläfchen auf dem Rücken von Kyra ein. „Das dreistündige Training und die Tatsache, dass Bea die einzige in ihrer Klasse ist, die einen Therapiehund hat, stärken natürlich auch das Selbstbewusstsein,“ freut sich Helga Widder von der Organisation „Tiere als Therapie“ (TAT), für die Kyra und ihr Frauchen ehrenamtlich tätig sind.

Auf vier Pfoten ins Krankenhaus
„In den angelsächsischen Ländern werden Tiere schon seit Langem in der Therapie von kranken Menschen eingesetzt“, erklärt Widder, die akademisch geprüfte Fachkraft für tiergestützte Therapie ist. In Österreich gestalteten sich die ersten Versuche trotz dieser erfolgreichen Vorzeigeprojekte eher schwierig: „Ende der 80er Jahre schien es beinahe unmöglich, mit einem Tier in einen krankenhausähnlichen Bereich vorzudringen. Hygienevorschriften, Angst vor möglichen Beißunfällen und ähnliche Bedenken wurden vorgebracht.“

Der TAT-Gründerin Dr. Gerda Wittmann und einigen freiwilligen Helferinnen gelang es jedoch, im Jahr 1988 ein Tierbesuchsprogramm im Gartenareal des damaligen Wiener Pflegeheims Lainz einzuführen. Nach und nach durften die Tiere auch in die Räumlichkeiten des Pflegeheims. Widder: „Jetzt stört es niemanden mehr, wenn die Tiere auch im Bett von Patienten liegen.“ Derzeit betreuen die 250 TAT-Teams mit ihren Vierbeinern österreichweit rund 150 Institutionen wie Behinderten- und Seniorenheime, psychiatrische Krankenhäuser, Sonderschulen für geistig und körperbehinderte Kinder, Einrichtungen für verhaltensauffällige Kinder und Kindergärten, aber auch Einzelpersonen wie die zehnjährige Bea.

Große & kleine Helfer
Bei der tiergestützten Therapie werden nicht nur Hunde oder Katzen „gestreichelt“. Auch Kleintiere wie Mäuse, Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten oder Vögel und sogar große Nutztiere, wie z.B. Lamas, Schafe, Schweine, Esel oder Rinder erweisen sich als sensible Kumpane. „Durch optimale Haltung, respektvollen Umgang und fachgerechtes Training können auch diese Tiere vertrauensvoll auf den Menschen zugehen und ihre Aufgabe als Therapietier erfüllen“, erklärt Silke Scholl vom Österreichischen Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL). Sie betreut mit ihrem Team sieben Pilotprojekte auf Bauernhöfen und den Ausbildungslehrgang „Fachbetreuer/in für tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen am Bauernhof“, der vor allem für engagierte Landwirte gedacht ist. Diese Art der Therapie bewährt sich bei Kindern mit Lernschwierigkeiten und sozialen Problemen, verhaltensauffälligen Kindern bzw. Jugendlichen, Menschen mit psychischen Störungen und psychosomatischen Erkrankungen und auch bei Senioren, erzählt Scholl: „Die Tiere helfen dabei, wieder auf eigene Fähigkeiten zu vertrauen, ruhig zu werden und Kraft zu schöpfen. Spielerisch werden Körperfunktionen mobilisiert und auch Aggressionen auf positive Weise abgebaut.“

Pferde als Animateure
Egal ob Pony, Haflinger oder Spring-Ass außer Dienst: Vor allem Pferde vereinen viele positive Eigenschaften, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen zugute kommen. Bei der sogenannten Hippotherapie (Hippo = Pferd auf griechisch) beweisen die wiehernden Gefährten nicht nur Geduld, sondern auch eine große Portion Sensibilität: „Ein Pferd wertet nicht und ist frei von Vorurteilen, reagiert aber artgerecht und instinktiv auf gute oder schlechte Behandlung und setzt somit natürliche Grenzen“, weiß Pädagogin Barbara Bartal aus Wolfsthal. Bei der Hippotherapie werden einerseits die rhythmischen, sich ständig wiederholenden Bewegungen als physiotherapeutische Maßnahme eingesetzt, um bei behinderten Kindern und Erwachsenen den Spannungszustand der Muskulatur günstig zu beeinflussen und so Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen zu verbessern. Andererseits wirkt das entspannte Reiten auch stressmindernd auf die Psyche. Bartal hat sich mit ihren eigenen Pferden auf heilpädagogisches Voltigieren mit verhaltensauffälligen bzw. behinderten Kindern spezialisiert. „Bei meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass sich Symptome wie Kontaktarmut, vermindertes Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit, Aggressivität oder Hyperaktivität durch die emotionale Kontaktaufnahme zum Tier und die gezielten Übungen auf dem Pferd positiv beeinflussen lassen.“

Tiergestützte Therapie – Kontakt & Infos

Sie wollen mehr über Einsatzmöglichkeiten, Ausbildungen von Mensch und Tier und Kosten der einzelnen Therapieformen erfahren? Hier liegen Sie richtig:

- Verein Tiere als Therapie – TAT
Veterinärmedizinische Universität Wien, Veterinärplatz 1 1210 Wien, Gebäude AE,
Tel: 01/250 77/3340 DW, www.tierealstherapie.at

- Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung – ÖKL
Gußhausstraße 6, 1040 Wien, Tel: 01/505 18 91,
www.oekl.at und www.bauernhof-therapietiere.at

- Therapiepferde – Hippotherapie
Barbara Bartal, 2412 Wolfsthal, Tel: 0676/7316465
www.oktr.at (Österr. Kuratorium für Therapeutisches Reiten)
www.handicapkids.at (Wien, Wien-Umgebung)
www.hippotherapie.at (Mistelbach/NÖ)
www.reiten-und-therapie.at (Kottingbrunn/NÖ)
www.therapeutische-begleiter.at (Feldbach/ST)
www.aks.or.at (Bregenz/V)

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