Mittwoch, 21. August 2019

Haustiere auf Rezept - Schnurrende Krisenhelfer

Ausgabe 2017.03
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Schnurrende Krisenhelfer. Aber auch Haustiere, die nicht ausgeführt werden müssen, wirken heilend auf den Körper des Menschen. Wer das Fell seiner Katze, eines Meerschweinchens oder Kaninchens streichelt, wird automisch ruhiger. Der Blutdruck sinkt, die Atmung wird tiefer, Verkrampfungen lösen sich. Je besser die Beziehung zum Tier, desto stärker sind die positiven Auswirkungen. Die Schwingungen von schnurrenden Katzen sorgen sogar dafür, dass Knochenbrüche schneller heilen, wie wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen. Katzen sind auch bei psychischen Problemen ein guter Katalysator. So hat der Psychologe Prof. Dr. Reinhold Bergler in einer Studie mit 150 Teilnehmern herausgefunden, dass Katzenbesitzer in schweren Krisen wie etwa Arbeitslosigkeit oder nach dem Verlust des Partners weniger psychotherapeutische Hilfe und Psychopharmaka brauchen und besser mit der Problembewältigung zurechtkommen als Menschen ohne schnurrenden Beistand. Warum? Katzen sind einfach da und spüren oft, wenn ihr Mensch „seelischen“ Beistand benötigt. Wer ein Problem hat, kann es mitteilen, sich ohne Hemmungen alles von der Seele reden und auch Tränen vergießen. Oder sich durch spielen mit ihnen ablenken und auf fröhlichere Gedanken bringen lassen. Laut Bergler würden Nicht-Katzenhalter ihre Probleme eher verdrängen, während Katzenfreunde sich aktiv um eine Krisenbewältigung bemühen. Katzen vermitteln durch ihre Anwesenheit Trost, weil sich der Mensch nicht alleingelassen fühlt. Die Katze dient durch ihre intensive Zuwendung als Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Bewältigung einer Krisensituation ist primär und entscheidend von der körperlichen Anwesenheit eines Lebewesens und von dem Erleben einer sympathischen Zuwendung ohne Wenn und Aber abhängig“, fasst Bergler die Quintessenz seiner Studie zusammen.

Vierbeinige Assistenten. Unbestritten ist auch, dass Kinder durch den Umgang mit Haustieren lernen können, auf die Bedürfnisse anderer Lebewesen einzugehen. Hund, Katz’ und Co sind Spielkameraden, bisweilen Seelentröster und sogar einfühlsame Pädagogen, wie Untersuchungen eindrucksvoll beweisen. In einer Studie des Psychologischen Instituts der Universität Wien wurde festgestellt, dass Kinder, die gemeinsam mit Tieren aufwachsen, wichtige Fähigkeiten wie Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl schneller und besser entwickeln. Das Zusammenleben mit Vierbeinern führt bei den Kids zu erhöhter Kontaktfreudigkeit und sogar zu einer besseren Bewältigung von Schulproblemen. Daher hat es sich der Verein Schulhund.at zur Aufgabe gemacht, in Kindergärten und Schulen altersgerechte Aufklärung rund um das Thema Hund zu leisten und etwaige Berührungsängste zu mindern. Bei Jugendlichen mit Essstörungen oder schwierigen Familienverhältnissen kann der Umgang mit Klein- und auch Nutztieren das Selbstwertgefühl steigern. In der sozial- und heilpädagogisch betreuten Wohngemeinschaft „Esperanza“ in Oberndorf bei Melk leben Jugendliche und junge Erwachsene mit „problematischer“ Vergangenheit, die hier auch eine dreijährige Lehre zum Tierpfleger absolvieren können. Ihnen zur Seite stehen neben den menschlichen Pädagogen auch Pferde, Esel, Alpakas, Schafe, Ziegen, Hängebauchschweine und Katzen.

Der Cinderella-Effekt

Ein Haustier muss her! Denn Haustiere geben Selbstvertrauen.

„Viele Menschen finden bei ihrem Tier, was ihnen Menschen nicht bedingungslos geben können“, erklärt Coach und Hundeliebhaberin Catharine Reichel. Die Besitzerin eines einjährigen Mischlingsrüden weiß: „Tiere sind grundsätzlich für einen da, sie sind ein ständiger Begleiter, der nichts infrage stellt.“ Aussehen, Status, Einkommen und Beruf: Für ein Tier spielt all das keine Rolle. Bei ihm fühlt man sich angenommen, wie man ist.

Wissenschafter nennen diesen stressmindernden Einfluss den „Cinderella-Effekt“. Zudem funktioniert die Kommunikation Mensch-Tier einfach und doch sehr subtil: „Es ist eine reine Sender-Empfänger-Beziehung. Natürlich können sie Sprachbotschaften nicht wirklich entschlüsseln. Dafür reagieren Tiere äußerst sensibel auf Stimmungen. Gerade Hunde haben eine Begabung, die Signale von Menschen zu verstehen. Sie riechen auch besser als wir, erkennen dadurch etwa Angst sehr viel schneller“, so Reichel.

Studien belegen, dass Kinder von Haustieren gesundheitlich profitieren:
Weniger Infektionen: Babys, die in Gesellschaft von Haustieren leben, werden seltener krank: Eine im Fachmagazin „Pedriatics“ veröffentlichte Studie zeigt, dass der Kontakt zu Hunden das Immunsystem der Kleinen im ersten Lebensjahr stärkt. Auch Katzen haben eine ähnliche Wirkung auf Babys. Für die Studie an der finnischen Universität Kuopio wurden 397 Babys in einem Alter von neun Wochen bis zu ihrem ersten Geburtstag beobachtet. Demnach zeigten die in Gesellschaft eines Hundes oder einer Katze aufwachsenden Kleinkinder ein um 30 Prozent verringertes Risiko, an Atemwegsinfektionen zu erkranken. Mittelohrentzündungen und andere Ohrinfektionen reduzierten sich um die Hälfte.

Tierkontakt in der Schwangerschaft: Regelmäßiger Kontakt von Schwangeren zu Nutztieren, aber auch Katzen reduziert laut einer Studie der Universität Zürich das Risiko für das Kind, in den ersten beiden Lebensjahren an Neurodermitis zu erkranken. Je intensiver Tierkontakt stattfand, desto besser war die schützende Wirkung.

Wissen rund ums Tier: Auf der Homepage des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) finden Interessierte detaillierte Informationen zum Thema „Kinder und Tiere“ sowie Näheres zum Projekt „Schulhund.at“.www.iemt.at

Schnecken bei ADHS-Kindern. „In den angelsächsischen Ländern werden Tiere schon seit Langem in der Therapie von kranken Menschen eingesetzt“, erklärt Helga Widder, Geschäftsführerin des Vereins „Tiere als Therapie“ (TAT). In Österreich gestalteten sich die ersten Versuche trotz dieser erfolgreichen Vorzeigeprojekte allerdings eher schwierig: „Ende der 1980er-Jahre schien es in Österreich beinahe unmöglich, mit einem Tier in einen krankenhausähnlichen Bereich vorzudringen.“ Der TAT-Gründerin Dr. Gerda Wittmann gelang es jedoch, im Jahr 1988 ein Tierbesuchsprogramm im damaligen Wiener Pflegeheim Lainz einzuführen. Nach und nach durften die Tiere auch in die Räumlichkeiten des Pflegeheims. Widder: „Jetzt stört es niemanden mehr, wenn die Tiere auch im Bett von Patienten liegen.“ Derzeit betreuen die gut 250 TAT-Teams mit ihren Vierbeinern österreichweit rund 150 Institutionen wie Behinderten- und Seniorenheime, psychiatrische Krankenhäuser, Sonderschulen für geistig- und körperbehinderte Kinder, Einrichtungen für verhaltensauffällige Kinder und Kindergärten, aber auch Einzelpersonen. Neben den Hunden sind bei TAT übrigens sogar Achatschnecken im Einsatz: „Das sind große, schöne Schnecken, die sehr oft bei ADHS-Kindern eingesetzt werden.“ Ganz neue Wege geht der innovative Verein auch in der tiergestützten Flüchtlingsbetreuung. In Kooperation mit dem Wiener Gemeindebezirk Liesing, werden im Flüchtlingshaus Ziedlergasse vor allem Kinder mit Hunden betreut und dadurch spielerisch gefördert und gestärkt.

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