Gassigehen mit Wau-Effekt

Ausgabe 06.2014

Hundebesitzer haben es fein: Egal ob Sonne oder Wetterkapriolen – sie müssen mit dem Liebling nach draußen. Und tun sich damit selbst etwas Gutes.


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Spaziergang ist nicht gleich Spaziergang. Unabhängig von der Hunderasse oder dem Alter zählt auch hier: Qualität statt Quantität. Beherrscht vom Alltagsstress können sich die täglichen Runden mit dem Vierbeiner schnell auf ein lästiges Pflichtprogramm reduzieren. „Wer es schafft, einen langweiligen Streifzug in ein gemeinsames Erlebnis zu verwandeln, fördert die Bindung zu seinem treuen Begleiter“, erklärt DDr. Karin Rigo, Tierärztin in Wien.

Als Hundebesitzer Rücksicht nehmen!

Spazierengehen mit dem Hund gilt als „Führen eines Hundes in der Öffentlichkeit“. Da immer der Hundehalter haftbar ist, sollten er und auch der Hund nach Möglichkeit gute Manieren an den Tag legen. Die Rechtsprechung bezüglich Leinenpflicht ist unterschiedlich und wird zum Teil sogar je nach Gemeinde unterschiedlich festgelegt. Rücksichtnahme ist auf jeden Fall zu erwarten – denn nicht jeder Spaziergänger ohne Hund freut sich über Begegnungen mit ungezügelten Vierbeinern.

Keine Ausreden finden. Jeder Hundebesitzer kennt das „Schlechtwetterphänomen“: Bei strahlendem Sonnenschein begegnet man alle paar Meter einem Mensch-Hunde-Gespann, auch die Hundezonen werden eifrig frequentiert. Doch kaum pfeifen Regen und Wind um die Ohren, sieht die Situation anders aus. Die häufigste Ausrede: „Bei Regen mag er gar nicht raus.“ Laut Tierärztin ist das allerdings eher eine anerzogene Marotte, die durch unsere Bequemlichkeit gefördert wird: „Erfahrene und gewissenhafte Hundehalter teilen eher das Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Auch bei Regen sieht man viele Hunde, die interessiert die vielen Gerüche der Umgebung aufnehmen – und denen das Wetter relativ egal ist.“

Der Hund ist ein Bewegungstier. Die Natur des Hundes verlangt nach täglicher Bewegung. Wobei man sich für erfüllende Spaziergänge schon etwas überlegen muss. Hundezonen sind für eine schnelle Gassirunde akzeptabel, stellen aber nur eine Notlösung dar. Ebenso wie der Spaziergang an der kurzen Leine. „So können Hunde langfristig keinen Ausgleich finden“, so Rigo. „Wenn der Mensch zum lästigen Anhängsel wird, sind Frust, erhöhte Reizbarkeit und früher und später auch Verhaltensprobleme programmiert.“ Wird er endlich einmal von der Leine gelassen, wittert der gelangweilte Vierbeiner natürlich seine Chance, seine aufgestauten Energien loszuwerden und sucht womöglich auch noch das Weite. „Leinenführigkeit und Abrufbarkeit sind zwar eine Frage des Grundgehorsams und sollten regelmäßig geübt werden. Trotzdem ist es nicht gerechtfertigt, zu erwarten, dass ein Hund immer und überall bedingungslos funktionieren muss.“

Führen mit Verantwortung. Natürlich soll man seinem Weggefährten auch keine grenzenlosen Freiheiten erlauben. „Jeder Hundehalter hat eine Vorbildfunktion. Wer während des Gassigehens telefoniert und geistig abwesend ist, kann nicht rechtzeitig auf das Verhalten reagieren. So braucht man sich nicht zu wundern, wenn einem der Hund früher oder später auf der Nase herumtanzt“, so die Expertin. Unkontrolliert herumlaufende Hunde nützen die Unachtsamkeit ihrer Besitzer meist dazu, um sich ihre eigene Beschäftigung zu suchen. „Ein führungsloser Hund verliert die Aufmerksamkeit für seinen zweibeinigen Begleiter.“ Der Ausweg: ein Spaziergang, der den Ansprüchen des Hundes gerecht wird und gleichzeitig die Bindung zum Menschen festigt. Die Voraussetzung dafür ist laut Rigo, „dass wir bereit sind, den täglichen Ausflug bewusst zu gestalten und bewusst mitzuerleben“. Abstand vom Alltag zu gewinnen gelingt am besten in der Natur. Da geht es dem Herrl/Frauerl nicht anders als dem Hund. Hier gibt es viel zu schnüffeln und zu entdecken sowie jede Menge Platz. „Am Anfang eines Ausflugs sollte ein Hund optimalerweise seinen Grundbedürfnissen nachkommen können – mit maximal möglichem, aber kontrolliertem Freiraum.“ Wenn es nicht anders erlaubt ist, kann Bello an der langen Schleppleine mit Brustgeschirr seinen Bewegungsdrang abbauen, sich lösen und die Umgebung erkunden.

Abwechslung macht Freude. Die größte Herausforderung liegt wohl darin, herauzufinden, wie viel Freiraum und Führungshilfe der Hund benötigt. Diese Ansprüche können sich im Lauf seines Lebens auch verändern. „Gemeinsames Erleben ist auch nicht unbedingt eine Frage der Kondition“, meint die Tierärztin. „Es muss nicht immer ‚Action’ sein.“  Natürlich hat jeder Hund seine Vorlieben, aber zwei Dinge mögen fast alle: „Nasenarbeit und Bewegungsspiele“, so die Tierärztin. „Hunde lieben auch Überraschungen. Wenn man öfters von der gewohnten Route abweicht, Schleichwege sucht und über Baumstämme klettert, ist der Hund sicher mit Begeisterung dabei.“ Übungen wie „Hier!“, „Sitz!“ und „Platz!“ kann man zwischendurch einbauen. „Wichtig ist aber, dass der Hundebesitzer ebenfalls mit Euphorie dabei ist. Denn Hunde merken sehr schnell anhand der Körpersprache, ob die Begeisterung nur einseitig ist.“

Gemeinsam lernen. Wichtig ist auch, dass man seinen Hund nicht mit ständigen Kommandos nervt – sonst wird er diese irgendwann ganz ignorieren. Rigo: „Stattdessen sollte man lernen, wie man die Aufmerksamkeit des  Vierbeiners spielerisch auf sich lenken kann. Ein Konzept, das in vielen modern denkenden Hundeschulen praktiziert wird.“ Ebenso bedeutsam für eine intensive Hund-Mensch-Beziehung ist auch die Fähigkeit, gemeinsam entspannen zu können. Bewusst eingelegte Pausen bieten auch sehr aktiven Junghunden die Möglichkeit, einen Spaziergang nicht jedes Mal als Dauerbespaßungsprogramm zu sehen. Rigo: „Gemeinsam auf einer grünen Wiese im Schatten zu liegen und die Natur zu beobachten, ist für beide Seiten eine wohlverdiente Auszeit – Ihr Hund wird sie zu schätzen wissen.“

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