Freitag, 22. Februar 2019

Achtung scharfer Hund!

Ausgabe 07-08/2011
Aggression gehört zum natürlichen Verhalten eines Hundes. Ob er in einer Stresssituation auch zubeißt, hängt aber nicht zuletzt von seinen Umwelt- und Haltungsbedingungen ab.

Foto: istockphoto.com - Linda Kloosterhof
Kampfhund verletzt Kind!“ „Frau von Rottweiler angefallen!“ In jüngster Zeit scheinen sich die Negativschlagzeilen rund um aggressives Hundeverhalten zu häufen. Da wundert es nicht, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für Rasse­listen, Hundeführerschein, aber auch
rigorosen Leinenzwang und strenge Maulkorbpflicht stark macht. Schließlich könnte ja gerade der quirlige Tierheim-Mischling von nebenan ein potenzieller Beißer sein.

Aggression als Botschaft  
Auf welche Weise diese Problematik zu verhindern bzw. zu minimieren ist, vermitteln zwei deutsche Hundeverhaltensexperten auf der aktuellen Vortragstour von „Happy Dog“ (www.happydog.de). Wolf-Forscher Günther Bloch und Zoologe Dr. Udo Gansloßer erklären bei ihren Vorträgen, warum aggressives Verhalten für Hunde überlebenswichtig ist und daher nicht zwangsläufig unterbunden werden muss. Schließlich wird auf jeder Hundewiese zur besseren Verständigung unter Artgenossen bisweilen gebrummt, die Lefze angehoben oder auch heftig geknurrt. Zumeist vermitteln diese Gebärden einfache Botschaften wie „Komm mir nicht zu nahe“, „Lass mich jetzt in Ruh’“ oder „Das ist aber mein Revier“ – so werden gröbere Streitereien von vornherein vermieden.

Probleme recht selten
In Österreich leben rund 750.000 „Kumpels mit der kalten Schnauze“. Obwohl sich ihre Zahl seit den 1960er Jahren verdoppelt hat, kommt es insgesamt zu weniger gefährlichen Zwischenfällen. Leider nimmt auch das Verständnis für den vierbeinigen Hausgefährten immer mehr ab. Oft wird Bellos Verhalten falsch interpretiert und nicht selten zu Unrecht bestraft. „Viele Leute haben die Illusion, dass ein Hund jederzeit nett zu sein hat, ohne jegliches Aggressionspotenzial ist, sozusagen top-gemanagt von seinem Halter“, so Hundeexperte Bloch. Doch das ist schlicht und einfach unrealistisch. „Ein Hund, der bei Bedrängung durch Abwehrmaßnahmen wie Knurren zeigt, dass es ihm zu viel wird, reagiert biologisch völlig normal“, betont Zoologe Gansloßer. „Erst wenn sich er sich nach Wegfall des störenden Reizes und einiger Zeit nicht beruhigt hat, kann man von einer Verhaltensauffälligkeit sprechen.“

Ursachen für Konflikte
Wenn sich Hunde „aggressiv“ verhalten, hat das zumeist nachvollziehbare Gründe und sollte nicht sofort als abnorme Reaktion verurteilt werden. Hier einige Beispiele aus dem Alltag:
  • Selbstschutz und Selbstverteidigung. „Hunden an der kurzen Leine wird Ausweichen oder gar Fliehen unmöglich gemacht. Aus dieser mangelnden Kontrollfähigkeit können sich Konflikte ergeben, sofern der Halter seinem Hund nicht vermitteln kann, dass der Mensch die Führung innehat und ohnehin für den Hund einsteht“, so Gansloßer.
  • Jungtierverteidigung: „Gerade gut angepasste Familienhunde sehen ihre Babysitter-Rolle als Daseinsberechtigung und verteidigen den menschlichen Nachwuchs bei vermeintlicher Bedrohung“, erklären die Experten. „Auch hier liegt es an der sozialen Kompetenz des Menschen, dem Hund zu zeigen, dass er diese Aufgabe nicht wahrnehmen muss.“
  • Wettbewerbsaggression: Zu den Auslösern zählen neben Eifersucht und Rangordnung auch die Futterverteidigung. „Tiere, die unter ungünstigen, gefährlichen oder anderweitig eingeschränkten Bedingungen aufwachsen, wie zum Beispiel in Massenzuchten oder im Rudel scheuer Straßenhunde, zeigen dieses Verhalten zumeist schneller und häufiger als solche, die als Welpe früh und oft Kontakt zu anderen Hunden und verschiedenen Menschen hatten“, informiert Bloch.

Signale sehen & verstehen
Wissenschaftliche Beobachtungen im Rudel zeigen, dass ungezügelte Aggression ein sehr seltenes Verhalten ist und als letztes Mittel bei Versagen aller vorhergehenden Warnsignale eingesetzt wird. Diese Signale wie Hinlegen, Gähnen, zur Seite drehen, Wegschauen, Lefzen, Schlecken usw. zählen zu Bellos natürlicher Körpersprache und werden häufig unter dem Begriff „Beschwichtigungssignale“ zusammengefasst. „Um sie besser verstehen zu können, teilen wir diese Signale zusätzlich in echte Beschwichtigungssignale, Versöhnungssignale, Abbruchsignale, Beruhigungssignale und Übersprungsverhalten ein“, meint Gansloßer. „Ein Hundehalter, der die momentane Stimmungslage (s)eines Hundes richtig deuten und dann durch das eigene Verhalten korrekt beantworten will, sollte diese Spielarten sozialer Kommunikation unterscheiden können.“ Optimalerweise lernen das bereits Kinder auf spielerische Art durch engen, aber kontrollierten Kontakt zu Haustieren.

Selbst ernannte „Experten“
Dass es gar nicht so einfach ist, professionelle Unterstützung für die richtige „Erziehung“ seines Vierbeiners zu bekommen, zeigt ein Fallbeispiel aus Gansloßers aktuellem Buch (s. Kasten). Es beschreibt die Odyssee von Tierheimhund und Angstbeißer Rollo, dessen neue Familie hintereinander vier Hundeprofis konsultieren muss, bis sich endlich eine „gesunde“ Mischung aus deren Patentrezepten als geeignet erweist und bei Rollo auch langfristig zum Erfolg führt. Die Botschaft dahinter betrifft nicht nur Hundebesitzer: Mit mehr Toleranz, Verantwortung, Zeit und Einfühlungsvermögen ließe sich vielleicht so mancher schmerzlicher Zwischenfall mit dem treuesten Freund des Menschen vermeiden.


Buchtipps:
Expertenwissen für Hundefreunde

  • U. Gansloßer (Hrsg.), G. Bloch: Natürlich aggressiv, Filander Verlag 2011, € 20,50; beleuchtet sehr informativ u.a. das aktuelle Thema: „Hund und Kind – Gewinn oder Gefahr?“
  • G. Bloch: Der Wolf im Hundepelz: Hundeerziehung aus unterschiedlichen Perspektiven, Kosmos Verlag, € 19,95

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