Montag, 20. Mai 2019

Zähne im Hormonkarussell

Ausgabe 2016.09

Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre: Vor allem der weibliche Körper unterliegt ständigen hormonellen Schwankungen. Davon sind auch die Zähne betroffen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie diese ein Leben lang gesund erhalten können.   


Foto: Can Stock Photo Inc. (4x: racorn, Artranq, kryzhov, monkeybusiness)

Vom Wachstum über unsere Verdauung bis hin zum Denken, Fühlen und gesamten Verhalten werden sämtliche Körperfunktionen von Hormonen beeinflusst. Der Hormonhaushalt ist eine Art „Regulationssystem“ des Körpers, das auch manchmal ins Schwanken kommen kann. In diesem Hormonkarussell sind auch unsere Zähne gefangen, auch wenn der Zusammenhang vielen Betroffenen nicht bewusst ist. „Sowohl in der Schwangerschaft als auch in der Pubertät und in den Wechseljahren zeigen Schwankungen im Östrogenspiegel erhebliche Wirkung auf den Mundraum“, erklärt die Wiener Kinderzahnärztin Dr. Irene Zifko.

Kampf der Geschlechter. Zahlreiche Studien haben mittlerweile belegt, dass Frauen von Grund auf eine schlechtere Zahngenetik besitzen als Männer, was Forscher verstärkt auf die Schwankung im Östrogen- und Progesteronspiegel zurückführen, aber auch darauf, dass bereits kleine Mädchen früher in den Zahnwechsel kommen (von Milch- zu den zweiten Zähnen) als Burschen und die Zähne somit länger potenziell schädlichen Bakterien ausgesetzt sind. Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Meta-Studie, ausgehend von der Universitätszahnklinik Mainz (Deutschland), hat 48 internationale Studien aus den letzten 30 Jahren ausgewertet und zeigt: Obwohl Frauen mehr auf ihre Mundhygiene achten, offener für Ratschläge des Zahnarztes sind und sich gesünder ernähren als Männer, weisen sie ein deutlich höheres Risiko für Zahnverlust auf. Zwischen 35 und 44 Jahren haben Männer durchschnittlich 14 geschädigte Zähne, bei Frauen sind es 15,1. Bereits mit 20 Jahren haben Frauen statistisch einen Zahn weniger als gleichaltrige Männer. Am augenfälligsten sind die Unterschiede im Alter: Während männliche Senioren zwischen 65 bis 74 Jahren durchschnittlich 13,3 Zähne verloren haben, sind es bei gleichaltrigen Frauen im Durchschnitt bereits 15 Zähne. „Frauen neigen eher zu Karies und Kiefergelenkserkrankungen als Männer“, bestätigt auch Zifko, betont aber: „Natürlich haben auch Männer Probleme mit ihrer Zahngesundheit: Bei ihnen sind verstärkt Paradontalerkrankungen oder Schädigungen des Zahnschmelzes zu beobachten. Auch Malignome (Tumore) im Mundbereich kommen bei Männern häufiger vor als bei Frauen.“

Schwangerschaft. Besonders die Schwangerschaft ist eine Zeit, in der die Hormone verrücktspielen. In Bezug auf die Zähne zeigt sich das besonders mit Zahnfleischbluten, auch „Schwangerschafts-Gingivitis“ genannt. „Aufgrund der hormonellen Unterstützung kommt es zu einer erhöhten Durchblutung des Zahnfleisches, zugleich lockert sich das Bindegewebe“, erklärt Zifko. „Bakterien und Keime haben es dadurch leichter, sich einzunisten.“ Zudem sinkt der ph-Wert des Speichels, so die Expertin weiter. Die Folge: Seine ursprünglich neutralisierende und reinigende Wirkung wird herabgesetzt, das Risiko für Karies, Zahnfleischentzündung und Zahnschmelzschädigungen steigt. Auch wenn es in Expertenkreisen umstritten ist, gibt es Studien, die eine Verbindung zwischen der Mundgesundheit der Mutter und den Zahnproblemen von Kindern (bis ins Jugend- und Erwachsenenalter) aufzeigen. Als bewiesen gilt, dass Paradontitis während der Schwangerschaft zu Frühgeburten führen kann. Raucht die werdende Mutter, kann sich dies ebenfalls negativ auf den Zahnhalteapparat des Kindes auswirken. Ein weiteres No-Go während der Schwangerschaft: Bleaching und das Austauschen von Amalgam-Füllungen.

Übertragung von Karies. „Kinder kommen keimfrei auf die Welt, Karies bzw. Karies verursachende Keime werden von den Eltern auf das Kind übertragen“, warnt Expertin Zifko. Dies geschieht zum Beispiel durch das Ablecken des Löffelchens, des Schnullers oder auch beim „Probieren, ob das Flascherl eh nicht zu heiß ist“. Die Vermeidung von frühkindlicher Karies liegt also nicht zuletzt bei der Mundgesundheit der Mutter selbst: „Wir raten Schwangeren, etwaige kariöse Zähne sanieren bzw. während der neun Monate zweimal eine professionelle Mundhygiene durchführen zu lassen“, so Zifko. Wenn das Zahnfleisch blutet oder angeschwollen ist, sollte man zu einer Zahnbürste mit weichen Borsten greifen, empfiehlt Zifko, auch das Ausspülen mit Salbeitee kann helfen. „Und ausreichend Wasser trinken, um den Speichelfluss anzuregen!“, so die Expertin. Die Angst vor fluoiridhaltigen Zahnpasten sei unbegründet, beruhigt die Expertin: „Keinerlei Auswirkungen auf das ungeborene Kind!“ Nach dem Erbrechen sollte man Wasser trinken und eine halbe Stunde warten, bevor man sich die Zähne putzt, um den Zahnschmelz nicht noch zusätzlich anzugreifen.

Pubertät. Das nächste Hormonkarussell beginnt mit circa 13 Jahren, wenn die Pubertät einsetzt: Der Östrogenspiegel steigt an, weshalb auch jugendliche Mädchen häufiger mit Karies zu kämpfen haben als gleichaltrige Buben. Zudem ist in diesem Alter der Zahnschmelz noch nicht vollständig ausgebildet, die Zähne von Pubertierenden sind deshalb empfindlicher. Der Hauptgrund für Zahnprobleme von Jugendlichen liege aber woanders, ist Zifko überzeugt: „Mädchen und Burschen lassen sich in diesem Alter nichts sagen, der Einfluss der Eltern ist sehr gering. Ungesunde Ernährung – vor allem Fast Food und Softdrinks –, Rauchen, Alkohol und eventuell auch Piercings haben in diesem Alter Hochsaison und wirken sich negativ auf die Zahngesundheit aus.“ Auch die Zahnpflege selbst wird während der Pubertät eher vernachlässigt. „Ich habe immer wieder bereits 15-Jährige in meiner Praxis, denen ich Zähne ziehen muss“, räumt Zifko mit dem Vorurteil auf, Zahnverlust sei ausschließlich eine Frage des Alters. Eine gründliche Mundhygiene (zweimal täglich Zähne putzen, das Verwenden von Zahnseide und Zwischenraumbürsten, Mundspülungen) ist das Um und Auf, um die Zähne bereits im jungen Alter gesund zu erhalten. Ein Zahnarztbesuch kann auf mehr als eine Art Wunder wirken, meint Zifko mit einem Augenzwinkern: „Oft hören Jugendliche auf den Rat des Zahnarztes eher als auf jene der Eltern!“

Wechseljahre. Die letzte große hormonelle Veränderung im Leben einer Frau sind die Wechseljahre. Wenn der Organismus weniger Östrogen produziert, werden die Schleimhäute trockener, die Produktion von Speichel lässt nach (auch hier: genügend Wasser trinken!). Wie in der Schwangerschaft ist der Zahnschmelz weniger geschützt, die gesamte Mundflora gerät aus dem Gleichgewicht. Zahnfleischbluten und verstärkte Parodontitis können die Folgen sein. „Es sollte auf keinen Fall der Fehler gemacht werden, aus Angst vor Blutungen weniger zu putzen, denn das verschlimmert die Erkrankung nur!“, warnt Zifko. Viele Betroffene berichten über ein Kribbeln oder Brennen der Zunge, in diesem Fall sollten stark gewürzte und saure Speisen vermieden werden. Sinkt der Östrogenspiegel, kann sich das auch auf die Knochendichte auswirken – ob dies allerdings auch einen Rückgang des Kieferknochens bewirkt, ist bis dato noch nicht ausreichend erforscht. Einige Studien weisen darauf hin, dass Osteoporose ein Risikofaktor für Parodontitis sein könnte. „Pflegen Sie Ihre Zähne bis ins hohe Alter!“, rät Zifko abschließend.



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