Wundermittel Cannabis

Ausgabe 2018.06

Cannabis erlebt derzeit in der Medizin eine Renaissance. Die seit Jahrtausenden erprobten Substanzen des Hans können bei Krebs, neurologischen Erkrankungen, aber auch bei Tinnitus oder Allergien Wunder wirken.


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Es scheint ein regelrechter Hype zu sein: Hier eröffnet ein Hanfshop, dort weitet ein bereits bestehender sein Angebot um CBD-Tröpfchen und -Salben aus. Und im World Wide Web bieten immer mehr Online-Shops Nahrungsergänzungsmittel und andere Hanf-Produkte an. Dabei gilt es freilich, zwischen rezeptfreien Präparaten und der, wenn man so will, eigentlichen Cannabismedizin zu unterscheiden. Letztere kann auf eine jahrtausendealte Tradition zurückblicken und erfährt derzeit eine Renaissance. Der Grund: „Die Menschen wollen natürliche sowie nebenwirkungsarme Medikamente, die dennoch eine gute Wirkung haben. Und sie wollen einen engen Kontakt zu ihrem Arzt. Das alles ist in der Hanfmedizin möglich“, weiß Dr. Kurt Blaas, Arzt für Allgemeinmedizin und so etwas wie der Doyen oder zumindest einer der Vorreiter der heimischen Cannabismedizin.

Cannabis: Bei welchen Erkrankungen wirksam?

Seit über zwei Jahrzehnten setzt der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Kurt Blaas auf Cannabis. Laut seiner „hauseigenen Statistik“ leiden rund 35 Prozent seiner Patienten an Krebs – vom Gehirntumor über Prostata- und Brustkrebs bis zu onkologischen Bluterkrankungen. Darüber hinaus kann die Behandlung mit Cannabinoiden bei folgenden Erkrankungen auf Erfolge verweisen:

  • neurologische Erkrankungen: Polyneuropathie, morbus Parkinson, multiple Sklerose, Epilepsie (immer öfter auch bei Kindern).
  • Tourette-Syndrom, ADHS, Depressionen, Fibromyalgie, Schlafstörungen
  • Drogenabhängigkeit, Alkoholentzug
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
  • chronisch-rheumatoide Erkrankungen
  • Tinnitus
  • Allergien

Wirkungsvolle Pflanze. Seit mehr als 20 Jahren behandelt Blaas seine Patienten mittels Cannabismedizin, die bei ihm jedoch keine exklusive Monotherapie ist, wie er betont: „Es gibt Patienten, die alleine mit Cannabinoiden auskommen, und solche, die zusätzlich schulmedizinische Medikamente brauchen – beispielsweise onkologische Patienten. Das eine schließt das andere nicht aus, vielmehr können sie sich bestens ergänzen.“ Zur Erklärung: Unter Cannabinoiden versteht man eine Gruppe von Substanzen, die im Pflanzenreich ausschließlich in Hanf auftreten. Die Cannabispflanze enthält weit über hundert unterschiedliche Cannabinoide. Im Hinblick auf die Behandlung verschiedenster Erkrankungen sind vor allem Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zu erwähnen, die innerhalb des Hanfs wie Gegenspieler fungieren. THC hat bei höherer Dosis eine psychoaktive Wirkung. Im Gegensatz dazu zeigt CBD sogar eine antipsychogene, ja sogar antipsychotische Wirkung und ist nur in höheren Dosen „stimmungsaktiv“. Das ist auch ein Grund, warum CBD legal ist und somit von Hanfshops und anderen Anbietern vertrieben werden kann. Im Gegensatz dazu unterliegt THC dem Suchtmittelgesetz und darf somit ausschließlich von Ärzten verschrieben werden.


 

THC und CBD. THC ist in gewisser Weise ein Tausendsassa, immerhin kann die Substanz ein breites Wirkungsspektrum aufweisen. In erster Linie hat THC eine appetitanregende Wirkung, weshalb es etwa bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen und Appetitmangelsyndromen (z. B. bei HIV, Aids) eingesetzt werden kann. Damit verbunden, unterdrückt der Wirkstoff Übelkeit und Brechreiz, was einmal mehr den Einsatz als Begleitmedikation im Rahmen einer Chemo- bzw. Strahlentherapie rechtfertigt. Bei neurologischen Erkrankungen (Morbus Parkinson, Restless-Legs-Syndrom, multiple Sklerose etc.) ist die muskelentspannende Wirkung zu erwähnen. Hinzu kommen eine schmerzstillende, entzündungshemmende, angstlösende bzw. stimmungsaufhellende sowie bei höherer Dosierung eine schläfrig bis müde machende Wirkung. CBD weist ebenfalls äußerst interessante Behandlungsergebnisse auf. So entfaltet der Wirkstoff vor allem eine antiepileptische Wirkung, insbesondere bei Kinderepilepsien (Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom etc.), die mithilfe von herkömmlichen Medikamenten kaum zu behandeln sind. Außerdem hat es eine positive Wirkung auf das Immunsystem, wirkt angstlindernd und – im Gegensatz zu THC – auch antipsychotisch, wodurch es seiner Rolle als Gegenspieler des THC gerecht wird. Und wenngleich bis dato lediglich Ergebnisse aus dem Tiermodell vorliegen, konnte im onkologischen Bereich eine antitumoröse Wirkung nachgewiesen werden. Nichtsdestotrotz warnt Blaas davor, ab sofort nur mehr auf rezeptfreie CBD-Produkte zu setzten, denn Fakt ist: Der Kunde erhält Produkte, von denen er nicht weiß, was sie tatsächlich können und wie er sie anwenden soll: „Auskünfte über Einnahme und Wirkung dürfen die Anbieter keine geben. Und einen Beipackzettel sucht der Käufer meist vergeblich. Und falls doch einer zu finden ist, sind die Informationen äußerst vage formuliert.“
Eine weitere Problematik besteht darin, dass man nach wie vor nicht weiß, ob der Körper CBD in THC umwandelt – schließlich ist es eine Vorstufe von THC. Außerdem steckt in einem Produkt, das zwischen 5 bis 10 % oder manchmal sogar mehr CBD enthält, auch häufig mehr als 0,3 % THC, in Einzelfällen wurde bis zu 1 % THC gefunden. „Diese Präparate sind somit nicht verkehrssicher, egal ob der Körper nun das CBD in THC umwandelt oder nicht. Abgesehen davon wäre man bei einer Verkehrskontrolle THC-positiv“, so der Experte.

Maßgeschneiderte Therapie. Blaas selbst würde seinen Patienten am liebsten immer beide Substanzen geben – und gerne auch die natürliche Pflanze, denn: „Je mehr Cannabinoide zusammenarbeiten, desto besser wirken sie. Das nennt man den sogenannten Entourage-Effekt. Allerdings darf ich weder die Pflanze selbst noch den Auszug der Blüte verschreiben.“ Bei manchen Patienten reiche es, wenn sie lediglich mittels THC behandelt werden. Ist das nicht der Fall, verschreibt Blaas zusätzlich CBD. „Und um die Wirkung noch weiter zu verbessern, bekommt der Patient manchmal zudem Hanfblütentee verschrieben, weil dort sämtliche Cannabinoide enthalten sind.“  Wichtig ist freilich, dass sowohl die Therapie im Ganzen als auch das einzelne Medikament auf den jeweiligen Patienten maßgeschneidert angepasst wird. In den meisten Fällen kommen Tropfen in Form von Sesamölmischungen zur Anwendung. Diese träufelt der Patient direkt auf die Zunge und lässt sie ein paar Minuten im Mund wirken, bevor er sie schluckt. Es gibt überdies Kapseln, Zäpfchen oder die Möglichkeit, eine Lösung mithilfe eines Vaporisators zu inhalieren.

Keine Suchtthematik. Kurt Blaas kommt aus der Drogenmedizin. Als der ausgebildete Drogentherapeut Mitte der 1990er-Jahre seine Praxis eröffnete, sind ihm viele seiner Patienten nachgefolgt. Die „Suchtthematik“ hat mit der Hanfmedizin allerdings nichts zu tun – das seien zwei Paar Schuhe, sagt Blaas, fügt jedoch hinzu: „Cannabinoide sind psychoaktive Substanzen und das kann man natürlich spüren. Es ist jedoch eine Frage der Dosierung und entsprechend ist es von großer Wichtigkeit, dass die Behandlung und somit die Dosis genau auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten wird.“ In der Hanfmedizin wird außerdem das Prinzip „start low, go slow“ verfolgt: Niedrige Dosis zu Beginn und langsame Steigerung bei engmaschiger Überwachung. Das Erste, was die meisten spüren, ist ein Heißhunger auf Süßes. „Für den behandelnden Arzt ist das ein Zeichen, dass das Präparat wirkt und beim Patienten ankommt“, so Blaas. Als Nebenwirkungen können Schwindel, Gangunsicherheit, trockener Mund, Müdigkeit oder auch Herzstolperer auftreten. Spätestens dann weiß Blaas, dass die Dosis nicht mehr gesteigert werden darf. Aufklärung ist für Dr. Blaas entscheidend:„Es ist nicht damit getan, Patienten durch die Ordination zu schleusen. Bei uns gibt es ein Vorbereitungsgespräch in der Gruppe, danach ein Einzelgespräch. Erst dann wird entschieden, ob und wie behandelt wird“, erklärt Blaas, der jedem empfiehlt, die Option Cannabismedizin mit dem Arzt seines Vertrauens zu besprechen und danach zu fragen, ob es im jeweiligen Fall sinnvoll wäre.

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