Donnerstag, 23. Mai 2019

Wunder Darm

Ausgabe 2019.04
Seite 1 von 2

Sie schleppen sich von Infekt zu Infekt? Fühlen sich oft müde und ausgelaugt? Da könnte es sein, dass Ihr Darm nicht so funktioniert, wie er sollte. GESÜNDER LEBEN zeigt, welchen Einfluss die Darmflora auf unsere Gesundheit hat, und gibt Tipps, wie Sie mehr Energie und Wohlbefinden erlangen können.


Foto: © iStock_ man_at_mouse

In unserem Darm wuselt es – und zwar gewaltig. Billionen von lebenden Mikroorganismen – Bakterien, Pilze, Viren, Hefen etc. –, die aus Tausenden Arten bestehen, treffen hier täglich aufeinander, rotten sich zusammen und bilden gemeinsam das sogenannte Darmmikrobiom. Diese Mischung aus „guten“ und „schlechten“ Mikroben ist hochdynamisch, entwickelt sich seit der Geburt und passt sich im Laufe des Lebens ständig an körperliche Veränderungen und Umweltbedingungen an. Und nicht nur das: Sie ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck und spiegelt viel über einen Menschen wider: ob er beispielsweise natürlich oder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist, gestillt wurde, wie seine Ernährung aussieht, ob es vorangegangene Infektionen gab oder er oft Arzneimittel eingenommen hat. „Das Darmmikrobiom ist nicht nur für Verdauungsprozesse und die Aufnahme von Nährstoffen verantwortlich, sondern schützt vor Krankheiten, indem schlechte Bakterien abgewehrt werden. Neben dem Training des Immunsystems gibt es außerdem viele Stoffwechselfunktionen, die von Bakterien ausgeübt werden. Sie synthetisieren viele der Enzyme, Vitamine und Hormone, die wir nicht selbstständig herstellen können“, weiß Assoc.-Prof. Dr. Christoph Steininger, Infektiologe an der Medizinischen Universität Wien und Präsident der „Austrian Microbiome Initiative“. Zudem entscheidet das Darmmikrobiom, ob sich Krankheiten, für die eine erbliche Veranlagung besteht, ausbrechen.

Neue Forschungsansätze
Grundsätzlich gilt: Je vielfältiger das Mikrobiom, desto besser können all diese Aufgaben erfüllt werden. „Wie ein ,optimales‘, möglichst gesundes, Mikrobiom-Profil aber aussehen muss, ist noch Gegenstand der Forschung“, erläutert Steininger. „Dazu müssen erst zahlreiche Mikroorganismen, die bis dato unbekannt waren, identifiziert und riskante Grenzwerte – ähnlich wie zum Beispiel beim Bluthochdruck – definiert werden, um Zusammenhänge zwischen veränderter Darmflora und bestimmten Erkrankungen zu erkennen. Hier gibt es spannende Entwicklungen.“ In den letzten Dekaden konnten sehr viele Erkenntnisse im Bereich des Mikrobioms gewonnen werden. Mit dem technologischen Fortschritt im Jahr 2005, der anhand einer einzigen Testprobe den Nachweis aller Bakterien ermöglichte, begann eine Aufbruchsstimmung. Wissenschafter haben beispielsweise festgestellt, dass sich das Darmmikrobiom bei Darmkrebspatienten anders zusammensetzt. Daher gibt es aktuell Bestrebungen, anhand von Stuhlproben Darmkrebs frühzeitig zu diagnostizieren, um rechtzeitig zu therapieren. „Man wird sehen, was die Zukunft bringt“, so Steininger.

Unliebsame Störfaktoren
Eines ist schon jetzt sicher: Zahlreiche Faktoren können das bakterielle Gleichgewicht stören, also zur Reduktion gesunder (z. B. Laktobazillen) und zur Steigerung schlechter (z. B. Clostridien) Mikroben führen.
Dazu zählen:

• Antibiotika
• nichtsteroidale Entzündungshemmer
• Hormone
• Infekte
• Fieber
• einseitige Ernährung inklusive Ballaststoffmangel
• gechlortes Trinkwasser
• Alkohol, aber auch
• anhaltender Stress


„Im Mausmodell konnte zudem nachgewiesen werden, dass sich auch künstliche Süßstoffe negativ auf unser Darmmikrobiom auswirken und zur Entstehung von Diabetes Typ II beitragen“, erklärt Steininger. Wer Zucker mit der Hilfe von Süßstoffen einsparen möchte, tut sich also langfristig nichts Gutes. Dennoch besteht kein Grund zur Panik: Im Regelfall führt ein facettenreiches Mosaikstück an Ursachen zum klinischen Bild der Dysbiose (gestörtes Mikrobiom), die sich wiederum auch von Patient zu Patient mit unterschiedlichen Symptomen äußern kann: unregelmäßiger Stuhlgang inklusive Verstopfung und Durchfall, Mundgeruch, Zahnfleischerkrankungen, Haarausfall, Heißhungerattacken, Gewichtszunahme und extreme Müdigkeit, aber auch häufige vaginale Infekte, Hauterkrankungen, Kopfschmerzen und Nahrungsmittelintoleranzen. Weiters konnte bewiesen werden, dass ein aus der Balance geratenes Darmmikrobiom zu Stoffwechselproblemen führen kann und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sowie das Reizdarmsyndrom und Dünndarmfehlbesiedelungen begünstigt. Vermutet wird auch ein Zusammenhang zwischen der Mikrobiom-Zusammensetzung und dem Auftreten von Autoimmun- und Krebserkrankungen. Darüber hinaus existiert die Idee, dass eine Dysbiose Einfluss auf unser Gehirn ausübt und somit für das Entstehen von Alzheimer oder Depressionen sorgen kann. „Dazu gibt es Untersuchungen, aber eindeutige Beweise fehlen und ich stehe dieser Vorstellung grundsätzlich skeptisch gegenüber“, so Steininger.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wunder Darm
Seite 2 Neubesiedelung des Darms

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