Sonntag, 19. Mai 2019

„Wir könnten 90 Prozent aller Darmkrebs­er­krankungen verhindern“

Ausgabe 2017.12/2018.01
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GESÜNDER LEBEN sprach mit Univ.-Prof. Dr. Monika Ferlitsch, Univ.-Prof. Dr. Harald Vogelsang und Univ.-Prof. Dr. Sebastian F. Schoppmann  vom AKH Wien über die medizinischen Entwicklungen, die ihren Fachbereich in den vergangenen 25 Jahren geprägt haben.


Foto: MedUni Wien /Matern; Franz Pfluegl; privat

GESÜNDER LEBEN: Welche sind die häufigsten Darmkrankheiten?
Harald Vogelsang: Die häufigsten Beschwerden verursacht der Reizdarm. Darunter versteht man funktionelle Erkrankungen, die hauptsächlich den Dickdarm betreffen. Bei Betroffenen passiert der Nahrungsbrei den Magen-Darm-Trakt entweder zu schnell oder zu langsam. Die Folgen sind entweder Durchfälle oder Verstopfung und Bauchschmerzen, die durch vermehrt gebildete Darmgase und Überempfindlichkeit des Darms entstehen können. Es handelt sich grundsätzlich um ein gutartiges Krankheitsbild, das jeden im Laufe des Lebens einmal betreffen kann. Die auslösenden Faktoren sind vielfältig –  etwa nicht behandelte Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Darminfektionen. Insbesondere wiederkehrende Stresssituationen können das Entstehen begünstigen. In solchen Fällen hilft die sogenannte Darmhypnose, eine Behandlungsmethode, die aus Manchester stammt und zur Entspannung des Magen-Darm-Traktes beiträgt. Was die medikamentöse Therapie betrifft, hat sich in den vergangenen 25 Jahren leider nicht sehr viel getan. Größere Fortschritte gibt es bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

GL: Welche Krankheiten stecken hinter diesem Begriff?
Vogelsang: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) unterscheiden sich von anderen Darmerkrankungen durch wiederkehrende und teils anhaltende kontinuierliche entzündliche Krankheitsschübe, die auch ohne einen äußeren Anlass beginnen können. Die beiden häufigsten Vertreter sind Morbus Crohn, eine Entzündung, die im gesamten Verdauungstrakt auftreten kann, und die Colitis ulcerosa – eine chronische Entzündung, die den Dickdarm befällt.

GL: Welche medizinischen Fortschritte gab es hier im letzten Vierteljahrhundert?
Vogelsang:  Der größte Fortschritt ist die Entwicklung von Biologika. Das sind im Wesentlichen Antikörper-Substanzen, die gezielt gegen bestimmte biologische Moleküle gerichtet sind. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen neutralisieren die Biologika den sogenannten Tumornekrosefaktor-alpha, der im Krankheitsprozess eine wesentliche Rolle spielt. Den Beginn machte die Entdeckung des Anti-TNF-Antikörpers Mitte der 90er-Jahre. Dadurch ergab sich eine völlig neue Behandlungsmethode, die einer Revolution gleichkam. Noch in den 80er-Jahren standen nur wenige Medikamente wie Kortison und Mesalazin zur Verfügung, mittlerweile gibt es bereits drei zugelassene Anti-TNF-Antikörper und zwei weitere Biologika. Mit ihrer Hilfe gelingt es, viele Patienten in Remission zu bringen. Betroffene benötigen nun weniger oder keine Operationen mehr und haben die Chance auf ein normales Alltagsleben. Bis dahin ging die Diagnose einer CED mit Folgen wie Inkontinenz, dem Verlust von Darmteilen, Abszessen, Thrombosen, Invalidität bis hin zur Frühpension einher.

GL: Wie entstehen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen?
Vogelsang: Heute weiß man etwas mehr über die Entstehung der Krankheit. Man kennt nun über 250 Gene, die zu einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung führen können. Nach heutiger Ansicht entwickeln sich die Krankheiten auf Basis einer erblichen Anlage in Kombination mit bestimmten äußeren Faktoren. Was dieser Auslöser, auch als „Second hit“ bezeichnet, sein kann, weiß man noch nicht zu 100 Prozent. Vermutlich spielen die Lebensweise, der Konsum von Tabak, vermehrte Hygiene oder Stresssituationen eine Rolle. Worin sich Experten aber einig sind: Beide Erkrankungen beeinflussen das Mikrobiom im Darm negativ.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 „Wir könnten 90 Prozent aller Darmkrebs­er­krankungen verhindern“
Seite 2 Darmmikrobiom
Seite 3 Darmkrebsvorsorge

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