Montag, 20. Mai 2019

Wie bleibt Mann gesund?

Ausgabe 06/2009
Wir wissen es ja schon: Männer sind hart, draufgängerisch und lieben das Risiko. Aber sie erkranken öfter, haben mehr Unfälle und sterben statistisch betrachtet um 5,7 Jahre früher als Frauen.

Foto: Yuri Arcurs - fotolia.com
Männer sind Vorsorge-Muffel. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine Frau entdeckt am Morgen ein verdächtiges Muttermal. Wetten, dass sie innerhalb der nächsten, sagen wir mal zwei Wochen eine klare Diagnose hat, um welche Art von Hautveränderung es sich handelt? Und was macht der schlaue Adonis? Das Fleckchen wird mit höchster Kunstfertigkeit bagatellisiert, verdrängt und bis zum Abwinken ignoriert. „Zwar erkranken häufiger Frauen an einem Melanom, aber mehr Männer sterben daran, da sie deutlich später Hilfe in Anspruch nehmen“, bringt der Facharzt für Innere Medizin und Spezialist für Männermedizin Prof. Dr. Siegfried Meryn die Problematik auf den Punkt. Dass Männer gegenüber dem schwachen Geschlecht gesundheitlich ins Hintertreffen geraten, hat also ganz handfeste Gründe, die viel mit tradierten Rollenbildern und Tabus zu tun haben. Wenn Sie etwas daran ändern wollen, empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres Männer-ABC:

A KÖRPERBILD
Das Bild vom starken Mann
Haben Männer also Angst vor dem Arzt? Oder welche geheimnisvollen Gedankengänge halten sie vom Besuch einer Ordination ab? Spezialist Meryn: „Männer gehen grundsätzlich meist erst dann zum Arzt, wenn sie schon Schmerzen oder ernsthafte gesundheitliche Probleme haben. Zu spät also.“ Daher entwickeln sich viele Krankheiten häufiger und anders als bei Frauen. Dennoch beurteilen die meisten österreichischen Männer ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“. Kein Wunder also, dass Einrichtungen der Vorsorgeuntersuchungen nicht unbedingt von Männern gestürmt werden. Meryn: „Nur etwa 25 Prozent der Vorarlberger und 11 Prozent der Wiener nehmen das Angebot in Anspruch. Statistisch gesehen tun das eher höher gebildete Männer mit höherem Einkommen.“

Sorgen machen krank
Doch die gegenwärtige Wirtschaftslage lässt auch in puncto Gesundheit keine überragend positiven Aussichten zu. Meryn: „Es herrscht allgemein Sorge um den Arbeitsplatz. Viele nehmen sich keine Zeit für ihre Gesunderhaltung bzw. Vorsorge, einerseits weil sie tatsächlich im Dauerstress sind, andererseits auch, weil sie Angst haben, dass sie durch eine potenzielle Erkrankung den Job verlieren könnten.“ Angst, Schlafstörungen, Panikattacken, Migräne und Stress sind also zeitgeistige „Klassiker“, die die Lebensqualität von Männern stark beeinträchtigen; verbunden mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes geraten Männer leicht in eine Negativspirale. Schuld daran sei, dass sich Männer nach wie vor über ihren Beruf definieren, erklärt Meryn. Dem traditionellen Rollenbild entsprechend sind sie es, die das „Geld nach Hause bringen“.

Kluger Mann sorgt vor
Was also ist zu tun? Meryn: „Günstig wäre es, die Programme bereits in Kindergärten oder Schulen zu verstärken, denn die Prägung im Hinblick auf einen gesunden Lebensstil findet ja in der Kindheit statt.“ Väter sind also gefordert, hier ein positives Vorbild zu leben und –, so Meryn: „Man muss Männern auch klarmachen, dass eine Vorsorgeuntersuchung kein Zeichen der Schwäche, sondern ein Zeichen der Intelligenz ist.“

B MÄNNERLEIDEN
Worüber Mann nicht gerne spricht
Geht es um die Regionen abwärts der Gürtellinie, tun sich Männer häufig sehr schwer, gesundheitliche Warnsignale richtig und vor allem rechtzeitig zu dekodieren. Univ.-Doz. Dr. Eugen Plas, Leiter von MENDOC am Krankenhaus Hietzing: „Am häufigsten behandeln wir Männer mit Erektions- oder Libidostörungen, aber auch jene, die an vorzeitigem Samenerguss leiden.“

Diskussion um den PSA-Wert
Generell empfiehlt der Facharzt für Urologie und Andrologie urologische Vorsorgeuntersuchungen ab dem 45. Lebensjahr. Wenn Prostatakrebs in der Familie aufgetreten ist, ist eine Untersuchung ab 40 günstig, mit Blasenultraschall, Prostata-Untersuchung (in Kombination mit Tastbefund!) und einer PSA-Wert-Bestimmung. „Männer kommen noch immer leider erst, wenn sie bereits krank sind“, so der Mediziner. Sie fürchten sich vor der Untersuchung, doch diese ist nötig und kann Leben retten. Im Hinblick auf den viel diskutierten PSA-Test rät Plas: „Jeder Mann, der einen erhöhten PSA-Wert hatte und bei dem daraufhin ein Karzinom entdeckt wurde, ist heilfroh, dass es diese Untersuchung gibt. Auch wenn es eine Reihe neuer Marker gibt, die wissenschaftlich untersucht werden, ist der PSA-Wert immer noch die sicherste Methode zur Abklärung von Prostataerkrankungen.“

Männer, Sex & Hormone
Ein erfülltes Sexualleben bleibt für viele Männer heute ein Wunschtraum. Doch erektile Dysfunktionen oder ein vorzeitiger Samenerguss sind häufige Störungsbilder, mit denen Männer sich an den Facharzt wenden. Plas: „Auch hier kann die Medizin helfen – wie seit mehr als zehn Jahren mit der blauen Pille und ihren Nachfolgern. Auch im Falle eines vorzeitigen Samenergusses gibt es medikamentöse Hilfe, eine Pille mit der Wirkung eines Serotonin- Wiederaufnahme-Hemmers, die bei Bedarf – etwa ein bis drei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr – eingenommen wird.“

Sind Prostata, Blase und Sexualleben im Lot, können immer noch Hormonveränderungen für Probleme sorgen. Plas: „Viele Männer leiden an einem Testosteronmangel, er kann effizient behandelt werden. Eine Hormonersatztherapie ist heute kein Grund zur Sorge. Man(n) muss schließlich nicht alle Befindlichkeitsstörungen als naturgegeben akzeptieren, sondern kann mit Hilfe einer individuellen Behandlung bestimmte Störungen eindämmen.“

C SEELE & PSYCHE
Der große Blues
Männer haben häufiger Probleme, ihre Gefühle zu äußern. Auch soziale Faktoren spielen hier eine wesentliche Rolle. So etwa sind Trennung, Scheidung, Stress am Arbeitsplatz oder Jobverlust wesentliche Kriterien, die zu einem Anstieg der Mortalität führen. Waren Depressionen früher eher weiblich besetzt, sind heute zusehends auch Männer davon betroffen.

Aggressiv statt traurig
„Männer agieren ihre Befindlichkeiten aber anders aus“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Simhandl, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Betroffene können extrem reizbar und aufbrausend sein, Wutanfälle, Ärger und eine geringe Stresstoleranz lassen ebenfalls auf Depressionen schließen. Simhandl: „Viele, die im Alltag kämpfen, wenden sich dann oft Alkohol oder anderen Drogen zu, oder es manifestiert sich eine antisoziale Persönlichkeitsstörung – charakteristisch dafür sind vor allem junge Männer, die sich nur in Extremen spüren, etwa bei riskanten Sportarten.“ Depressionen sollten jedoch unbedingt behandelt werden, da sie vor allem bei Männern auch im höheren Lebensalter ein hohes Suizidrisiko mit sich bringen.

Depressionen erkennen
Dieses „andere Verhalten“ bei Depression hängt eng mit dem männlichen Selbstbild zusammen, das so häufig mit unpassenden Bildern wie „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ idealisiert wird. Diesem Rollenbild entsprechend kommt hier der Gedanke „ich habe versagt“ oder „ich bin nicht mehr der Starke“ auf. Erst wenn der Druck zu groß wird, nehmen Männer Hilfe in Anspruch. Doch nur ein versierter Facharzt kann feststellen, ob es sich tatsächlich um eine Depression handelt. Er stellt gezielt Fragen wie z.B.:
  • Können Sie sich noch freuen wie früher?
  • Verfolgen Sie noch dieselben Interessen?
  • Können Sie Entscheidungen treffen?
  • Wie steht es um Ihre Konzentrations- und Denkfähigkeit?“
Auch der trendige Begriff „Burnout“ steht heute eng im Zusammenhang mit Männermedizin. „Wobei ich keinen Unterschied zwischen einem Vollbild eines Burnouts und einer Depression sehe“, sagt Simhandl. „Wenn die Individualität verloren geht, der persönliche Einsatz nicht mehr geschätzt wird, kommt es leicht zu emotionaler Erschöpfung und Depersonalisation. Die Kurzlebigkeit in der Arbeitswelt wird zur Belastung, ein enormer Druck entsteht, weil der Betroffene auch mit der eigenen Leistung unzufrieden wird. Spezialist Simhandl: „Wir und unsere Nachkommen müssen lernen, dass der Arbeitsplatz nicht der ideale Ort zur persönlichen Selbstverwirklichung ist.“

Doch all diese negativen Entwicklungen haben eines gemeinsam – sie sind beeinflussbar. Und vor allem durch ein vernünftiges Gesundheitsmanagement zu stoppen. Daher: Der kluge Mann sorgt vor!


Kontakt , Infos & Webbtipps:
M.E.N. Gesundheitszentrum, WHO Modellprojekt, Kaiser Franz Josef-Spital, Wien; Tel.: 01 / 60 191-54 54;
www.men-center.at
MENDOC, Ambulanz für Männergesundheitsfragen, Krankenhaus Hietzing, Tel: 01 / 801 10-2283; www.mendoc.at

Links :
www.uro.at
Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie
www.andrologie.at
Arbeitskreis Andrologie und sexuelle Funktionsstörungen der Österreichischen Gesellschaft für Andrologie
www.urologisch.at
Berufsverband der Österreichischen Urologen
www.der-gesunde-Mann.at
Männermedizin by Pfizer


Mann sorgt vor
Schlaue Männer sorgen vor – diese Untersuchungen helfen bei der Früherkennung von Krankheiten.

  • Basis-Vorsorge
Vorsorgeuntersuchung durch die Sozialversicherung ab 35 Jahren, auf die Mann und Frau alle zwei Jahre Anspruch haben. (Untersuchung von Herz, Lungen, Gelenken, Reflexen, Bauch, Lymphdrüsen, Haut, Urin und Blut, ab 40 auch Augen)

  • Harnbefund & Blutabnahme
Der Harnbefund ist die Grundlage für weitere Untersuchungen. Ist der PSA-Wert (Prostataspezifisches Antigen) erhöht, kann dies ein Hinweis auf Prostatakrebs sein, muss aber nicht. Die Beurteilung muss daher durch einem erfahrenen Facharzt für Urologie und Andrologie erfolgen.

  • Tastuntersuchung von Hoden & Prostata
Die Tastuntersuchung ist vielen Männern zwar unangenehm, doch ist sie unerlässlich. Nur so kann der Arzt feststellen, ob die Prostata auffällig hart ist und ob eine Erkrankung auszuschließen ist.

  • Ultraschalluntersuchung
Von Nieren, Harnblase und Prostata (Restharn). Der Arzt untersucht Lage, Form, allfällige Veränderungen und manchmal auch Funktionen der betroffenen Organe.

  • Ab 50 Jahren – Darmkrebs-Früherkennung
Einmal jährlich sollte durch ein Abtasten des Mastdarms mit dem Finger und mit Hilfe eines Schnelltests auf okkultes Blut im Stuhl untersucht werden. Ab dem 55. Lebensjahr sind innerhalb von zehn Jahren zwei Darmspiegelungen vorgesehen. Durch die Koloskopie können Polypen und Geschwülste im Darm festgestellt werden, aus denen sich bösartige Tumoren entwickeln können.

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