Dienstag, 17. September 2019

Wenn̓s im Ohr klingelt

Ausgabe 2016.06/07

Immer mehr Menschen leiden an Tinnitus, also an permanent störenden Ohrgeräuschen. Diese können stark negative Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen haben.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - halfpoint

Tinnitus aurium (lat. „Klingeln der Ohren“) wird von Ärzten und Gesundheitsorganisationen zunehmend als globales gesundheitliches Problem erkannt: Immerhin zehn Prozent aller Erwachsenen weltweit haben ein permanentes oder zumindest zeitweiliges Klingeln im Ohr, ganze 40 Prozent stellen zumindest einmal im Leben ein derartiges Ohrgeräusch fest. In Österreich leiden rund 100.000 Menschen an chronischem Tinnitus. Männer und Frauen sind dabei gleich häufig betroffen, mehrheitlich Menschen ab dem 50. Lebensjahr. „Es gibt allerdings eine Tendenz, dass immer mehr Jugendliche von der Krankheit betroffen sind“, so Dr. Michael Stach, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Wiener Krankenhaus der Barmherzigen Brüder.

Definition. Unter dem Krankheitsbild versteht man, so der Experte, jede Art von Ohr- und Kopfgeräuschen, die auf keinen äußeren akustischen Reiz zurückzuführen sind. „Der Betroffene hört entweder auf einem, auf beiden Ohren oder im gesamten Kopfbereich meist kontinuierliche Töne und Geräusche“, erklärt Stach. „Diese Geräusche können unterschiedlicher Art sein, die Palette reicht von Brummen, Surren, Sausen, Zischen und Knarren, aber auch Dröhnen, Pumpen, Klopfen, Rauschen, Pfeifen oder gar Zwitschern.“ Mehrere dieser Geräusche können auch gleichzeitig auftreten. Die Lautstärke kann dabei variieren, erklärt Stach: „Diese wird von Mensch zu Mensch zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich empfunden: vom leisen, fast angenehmen Säuseln von Blättern bis zum Dröhnen von Düsenjets oder Pressluftbohrern.“ Grundsätzlich unterscheidet man zwischen einem objektiven Tinnitus, bei dem das Ohrgeräusch nachweisbar ist (zum Beispiel in Form von Gefäßverengungen im Halsbereich oder Tumore im Ohr; der Ton ist auch für andere hörbar) und einem subjektiven Tinnitus: Dieser tritt sehr viel häufiger auf, nur der Betroffene allein nimmt das Geräusch wahr. Zudem unterscheidet man einen akuten von einem chronischen Tinnitus (Beschwerden länger als drei Monate vorherrschend). Der akute Tinnitus geht meistens mit einem plötzlichen Hör-sturz einher.

Ursachen. Da der subjektive Tinnitus das Symptom einer Störung des auditorischen Systems ist, sind die Ursachen vielfältig. „Das Ohrgeräusch entsteht nach einer akuten Schädigung so gut wie immer in den Haarzellen des Innenohrs, insbesondere den äußeren Haarzellen“, erklärt Stach. „Trotzdem ist die weitere Verarbeitung der zentralen Hörverarbeitung sowie die Vernetzung mit anderen Hirnarealen der entscheidende Faktor, der dazu führt, dass der Tinnitus einen eigenen Krankheitswert bekommt.“  Auch Stress, psychische Belastungen oder chronische Lärmbelastung können einen subjektiven Tinnitus auslösen. Die Ursachen für einen akuten Tinnitus beziehungsweise des Hörsturzes sind jedoch nach wie vor unbekannt. Apropos: Ein Hörsturz klingt zwar beängstigend, ist jedoch „kein Notfall, der sofort therapiert werden muss“, beruhigt Stach. Innerhalb weniger Tage können sich die Beschwerden wieder zurückbilden. „Bei ausgeprägtem Hörverlust, vorgeschädigten Ohren oder zusätzlichen Gleichgewichtsbeschwerden wird allerdings eine unmittelbare Behandlung empfohlen.“

Therapie. Grundlegend gilt: Ein wiederholtes Geräusch im Ohr sollte ärztlich abgeklärt werden. Dies geschieht mittels verschiedener Hörtestungen sowie bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, CT oder MRT. Während ein akuter Tinnitus meist in Form einer systematisch hoch dosierten Kortisontherapie therapiert wird, ist ein chronischer Tinnitus nicht heilbar. Stach: „Das Therapieziel liegt hier darin, den Patienten zu helfen, den Umgang mit dem Ohrgeräusch deutlich zu verbessern und damit vor allem wieder gute Lebens- und Hörqualität zu erlangen. Man spricht hier von einer tinnitusspezifischen kognitiven Verhaltenstherapie.“ Denn ein permanentes Ohrgeräusch kann enorme Auswirkungen auf die Psyche und das seelische Wohlbefinden des Betroffenen haben: Häufig entwickeln Patienten psychische Begleiterscheinungen wie Angststörung, Depression oder Schlafstörung, die mitunter auch behandelt werden müssen. Auch sollte, so der Experte, den Betroffenen beispielsweise die Angst genommen werden, der Tinnitus könne Ausdruck eines Hirntumors oder eines sich anbahnenden Herzinfarkts oder Schlaganfalls sein. „Ein subjektiver Tinnitus wird dann richtig gefährlich, falls dadurch Berufsunfähigkeit oder sogar eine Selbstmordgefahr entsteht“, betont Stach. 

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-09 130x173

Aktuelles Heft 09/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 4. Oktober

 

Unsere Ausgabe 07-08/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Hand aufs Herz – wie nutzen Sie Ihr Handy?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information