Dienstag, 19. Februar 2019

Wenn Urlaub krank macht

Ausgabe 07-08/2012
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Die Vorfreude auf den Urlaub oder das Wochenende ist groß, doch dann der Schock: krank gleich zu Beginn der freien Tage. Dieses Phänomen nennt sich „Leisure Sickness“ oder „Freizeitkrankheit“. Wir verraten Ihnen, welche Ursachen dahinter stecken und wie sie sich vermeiden lassen. Plus: So übersteht Ihre Beziehung den gemeinsamen Urlaub!


Nach etlichen anstrengenden Arbeitswochen ist er endlich da: der wohlverdiente Urlaub. Freizeit und Entspannung sind zum Greifen nahe. Die Koffer sind gepackt, die Familie in freudiger Erwartung. Und dann? Plötzlich tut der Kopf weh, der Hals kratzt, die Glieder schmerzen, die Temperatur ist erhöht. Gerade dann, wenn man im Urlaub ist. Sie kennen das? Dann leiden Sie an der weitverbreiteten „Leisure Sickness“ oder „Freizeitkrankheit“. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder sind davon betroffen.

Aus den Niederlanden kommt es. Dem bekannten Phänomen einen Namen gegeben haben niederländische Forscher, die 2003 rund 2.000 Männer und Frauen zwischen 16 und 87 Jahren zu den Themen Arbeit und Freizeit befragt haben. Drei Prozent gaben an, regelmäßig krank zu werden, wenn Entspannung ansteht. Egal, ob Topmanager oder Supermarktkassierer, Single oder Ehepartner, Raucher oder Vegetarier: Sie alle wiesen eine höhere Anfälligkeit für Infekte und Viruserkrankungen im Urlaub auf. Eines hatten sie jedoch alle gemeinsam: Beruflich fühlten sie sich durchwegs überfordert und gestresst.

Krank machende Daueranspannung. Mit diesem Ergebnis stimmt auch Coach und Experte Roman Braun (www.trinergy.at) überein. „Es gibt Leute, die niemals krank werden“, schmunzelt Braun. „Laut Studien sind das jene, die emotional am stabilsten sind.“ Von der Freizeitkrankheit am meisten betroffenen sind jedoch diejenigen, die sich in der Arbeit immer mehr Stress aufbürden, nicht Nein sagen können. Diese Menschen tun sich schwer, abzuschalten, sind auch in ihrer Freizeit mit ihren Gedanken ständig bei der Arbeit. Daraus resultiert nicht nur eine große innere Anspannung, sondern auch eine nichtexistente „Freizeitkultur“. Heißt: Naht der Urlaub, die Entspannung, wird anstatt Freude vor allem eine große Leere empfunden. Experten sprechen hier von einer „krank machenden Daueranspannung“.

Wenn Vorfreude zum Stress wird. Braun geht jedoch noch einen Schritt weiter und sieht den Hauptgrund für die Freizeitkrankheit in unserem Nervensystem, gepaart mit der Art und Weise, wie wir kurz vor dem Urlaub unsere Arbeit erledigen, verankert. Das Nervensystem besteht aus dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Ersterer ist jener Teil, der uns aktiv und extrovertiert macht. Er ist tagsüber dominant, während abends die Sinuskurve nach unten kippt – ab hier übernimmt der Parasympathikus, jener Teil, der für unsere Ruhebedürftigkeit und Entspannung verantwortlich ist. So der normale Rhythmus des Menschen. „Arbeiten wir unter Höchstleistung, kippt die Sinuskurve immer weiter nach oben, das heißt, der Parasympathikus gibt nicht mehr jenes Maß an Erholung ab, wie er sollte und wir es brauchen“, erklärt Braun. Ist dann auch noch Urlaub in Sicht, so der Experte, arbeiten wir voraus und nehmen auch noch das eine oder andere Zusatzprojekt an. Vielleicht delegieren wir unsere Arbeit – „aber auch das ist eine Zusatzaufgabe“, gibt Braun zu bedenken. Während wir uns auf diesem extrem hohen Stresslevel befinden, verschiebt sich unsere Sinuskurve komplett über die Nulllinie. Gibt man dann das Projekt ab, ist man im Urlaub, wird man sofort krank. Braun: „Weil der Körper den Urlaub nützt, um seine Sinuskurve wieder auszupendeln, also in den warmen Bereich zu manövrieren. Mit anderen Worten: Unser Körper holt das auf, was er in den vorangegangenen Wochen versäumt hat.“

urlaub2Foto: Can Stock Photo Inc. - lunamaria

Vielfältige Symptome. Ist es dann so weit, zeigt sich die Freizeitkrankheit auf verschiedene Arten. „Der Körper verwendet das, was viral gerade am Markt ist“, erklärt Braun. Das Spektrum umfasst einen einfachen Schnupfen oder Husten, aber auch Müdigkeit, Migräne, virale Infekte und allgemeine Immunschwäche bis hin zu Erbrechen und manifesten Depressionen. „Der Körper meldet uns so, dass er endlich eine Erholungsphase braucht“, so Braun. Was aber kann man gegen die Freizeitkrankheit tun? Wie kämpft man richtig dagegen an, um beim nächsten Urlaub nicht wieder sofort krank zu werden? Der erste wichtige Schritt ist, während der Arbeit öfter Pausen einzulegen – bestenfalls alle 90 Minuten zu je fünf bis zehn Minuten. Dies nennt man „ultradiane Pausen“. „Während dieser Erholungsphasen soll man sich bewegen, an die Frischluft gehen, sich mit Kollegen unterhalten – aber nicht über die Arbeit!“, betont Braun. Besser wäre es auch, so der Experte, anstatt vieler Kurzurlaube einen längeren Urlaub zu machen. Die ideale Urlaubszeit beträgt drei Wochen – alles darunter bedeutet oftmals mehr Stress als Erholung. Wichtig dabei ist, ergänzt Braun, sich vorzustellen, man sei eine Woche zusätzlich auf Urlaub, also vier anstatt drei Wochen. Sprich: sich schon eine Woche zuvor in der Arbeit auf den Urlaub einstellen und das Arbeitspensum senken. „So reduziert man den Kulturschock“, lacht Braun.

Zwischen Spannung und Entspannung. In der Praxis ist dies natürlich nicht immer ohne Probleme umsetzbar. Deshalb rät Braun, sich „im Alltag die Freiheit zu nehmen, zwischen Spannungs- und Entspannungsphasen zu pendeln. Gönnt man sich Entspannung, freut man sich regelrecht auf den nächsten Stress!“ Wie aber am besten entspannen, vor allem nach einem hektischen Arbeitstag, der noch lange im Kopf nachhallt? Die einfachste Lösung, so Braun: täglich zehn bis dreißig Minuten zu meditieren. Lernen kann dies jeder, denn: „Meditation ist unser Geburtsrecht. Wir haben nur verlernt, mit unserem Körper zu kommunizieren.“ Bei den Meditationsübungen geht es darum, den eigenen Körper zu spüren, zu beobachten. Am wertvollsten sind solche Übungen am Übergang zwischen Tagesgeschehen und Freizeit, also zwischen Arbeit und Privatleben – so wird der Wechsel angenehmer und weniger abrupt gestaltet. Ernst nehmen sollte man Meditationsübungen auf jeden Fall, denn Braun gibt zu bedenken: „Wer sich keine Zeit nimmt für sein Glück, wird sich Zeit nehmen müssen für sein Unglück.“

Übersicht zu diesem Artikel:
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