Donnerstag, 23. Mai 2019

Wenn sich plötzlich alles dreht

Ausgabe 2014.05

Wie oft hören wir „Mir ist schwindelig“! Das kann harmlos sein – aber auch auf eine ernste Erkrankung hindeuten. Was steckt hinter einer gestörten Gleichgewichtswahrnehmung und wie wird sie behandelt?


Foto: ©CanStockPhoto_Inc. - honored

 

Beim Schwindel spricht man manchmal auch von einer Dysbalance im System“, so Prim. Univ.-Doz. Dr. Antonius Kierner, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Im Gleichgewicht befindet sich das „menschliche System“ aufgrund mehrerer Faktoren: Erstens dank des Gleichgewichtsorgans im Ohr. Zweitens wegen der Augen, dem sogenannten Visus. Drittens aufgrund der Wahrnehmung im Körper bzw. aufgrund kleiner Rezeptoren, die sich in unseren Muskeln und Gelenken befinden und die uns ständig sagen, ob wir gerade stehen, gehen, sitzen oder liegen. Der vierte Input kommt vom Großhirn, quasi der Rechner, der alles zusammenführt. „Liegt nun bei einem dieser vier Faktoren eine Störung vor, kommt es zu einem Sinneskonflikt und in der Folge zum Schwindel“, erklärt der Experte, der in Wien eine Praxis für Schwindelerkrankungen betreibt (www.vertigomed.com).

Schwindelig – aber wie? Die Charakteristik des Schwindelempfindens weist darauf hin, wo das „schwindelige Problem“ seinen Ursprung hat. Ist etwa das Gleichgewichtsorgan im Ohr beeinträchtigt, berichten Patienten oft von einem Drehschwindel, so als würden sie ständig Karussell fahren. Rührt der Schwindel von einem Augenproblem her, geht dies zum Beispiel mit dem Sehen von Doppelbildern einher. Funktioniert die Wahrnehmung des eigenen Körpers nicht richtig, könnte es mit dem Bewegungsapparat bzw. den Muskeln und Gelenken zusammenhängen. Hängt es mit dem Großhirn zusammen und liegt dem Schwindel unter Umständen eine neurologische Erkrankung zugrunde, zeigt sich das oft dadurch, dass die Betroffenen schwankend gehen. Laut Kierner ist dies „glücklicherweise nur bei rund zehn Prozent der Fall. Dann allerdings ist rasches Handeln angesagt, denn ist der zentrale Rechner betroffen, kann der Schwindel auch auf einen Schlaganfall hinweisen.“ Generell rät der Vertigo-Experte („vertigo“= lateinisch für Schwindel), dass sich Betroffene nicht schämen, sondern vielmehr schon beim ersten Anzeichen eines Schwindelgefühls einen HNO-Arzt aufsuchen oder ins Krankenhaus gehen. Einerseits weil etwas Ernsteres, wie erwähnter Schlaganfall, dahinterstecken könnte. Andererseits weil die Symptomatik während der Akutphase viel über die Ursache verrät. Abgesehen davon beruhen 80 Prozent der Diagnosestellung auf der Anamnese, so Kierner: „Ein ausführliches Patientengespräch ist zwar sehr zeitintensiv, macht aber sehr wohl Sinn. Erst im Anschluss werden Tests durchgeführt.“

Gut behandelbar. Nach wie vor werden Betroffene nicht immer ernst genommen. Und das, obwohl es heutzutage sehr wohl möglich ist, Schwindel zu behandeln. Medikamente spielen dabei übrigens keine allzu große Rolle, einzig in der Akutphase, in der oft beruhigende Substanzen verschrieben werden. „Das ist“, betont Kierner, „keine langfristige Lösung, weil diese Präparate zum einen erhebliche Nebenwirkungen haben. Zum anderen wird so aber nur das Symptom behandelt.“ Und was hilft auf lange Sicht? Das hängt freilich von der Ursache ab und die hängt oft mit Wirbelsäulenerkrankungen zusammen, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule. Kierner: „Mit gezielter Physiotherapie, manueller Therapie oder Osteopathie lässt sich ein wirbelsäulenbedingter Schwindel gut in den Griff bekommen.“ Liegt es tatsächlich am „klassischen Gleichgewichtsorgan“, kann es sich beispielsweise um einen gutartigen Lagerungsschwindel handeln. Dazu kommt es, wenn sich Kalziumkristalle, die auf Beschleunigungsrezeptoren im Innenohr sitzen und in einer gallertartigen Flüssigkeit im Ohr gelagert sind, aus eben dieser Substanz lösen und frei herumschwimmen. „In solchen Fällen lagern wir den Patienten auf einer speziellen Liege, die dann gedreht wird, wodurch die Kristalle wieder zurückkatapultiert werden. Klingt toll und ist es im Grunde auch, weil der Patient gewissermaßen spontan geheilt ist“, so Kierner. Dass sich die Kristalle überhaupt lösen, kann entweder an einem Trauma, also etwa einem Schlag aufs Ohr, liegen oder daran, dass man zu wenig trinkt. Mitunter kommt es auch aufgrund einer Viruserkrankung zu einem einseitigen Ausfall der Gleichgewichtswahrnehmung und folglich zu einem heftigen Drehschwindel. Nach mehreren Tagen beruhigt sich das System wieder, entweder weil sich das Ohr wieder erholt oder weil das Gehirn seine Funktion kompensiert. Das kann von selbst passieren oder durch Physiotherapie bzw. Mobilisation beschleunigt werden – schließlich ist das Hirn ebenso ein Muskel. In seltenen Fällen verursacht der Morbus Menière den Schwindel: „Bei dieser schweren Innenohrerkrankung geht der Drehschwindel mit einem Ohrgeräusch, Druckgefühl und Übelkeit einher. Mithilfe von invasiven Maßnehmen am Ohr ist es möglich, dass wir bei bis zu 80 Prozent der Patienten eine Beschwerdefreiheit erzielen können“, so Kierner.

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