Freitag, 05. Juni 2020

Wenn sich Corona auf die Psyche schlägt ... - Das große Unbekannte

Ausgabe 2020.05
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Das große Unbekannte
Gleich mehrere Gründe zeichnen dafür verantwortlich, dass das Virus uns auch mental belastet: Einerseits ist es eine neue Situation, die wir so noch nicht kennen. „Fehlen die Vergleichswerte, fürchten wir uns“, so Schrank. Deshalb tragen auch Fakten und Statistiken über andere Gefahren wie die Grippe oder Verkehrsunfälle nicht zur Entlastung bei. Ebenso steigert das Gebot der Stunde „soziale Distanz“ unser Unbehagen. „Wir können zwar nachvollziehen, dass wir am besten helfen, indem wir uns isolieren, und wir können die Maßnahmen kognitiv gut verstehen, aber auf emotionaler Ebene verstehen wir sie nicht“, so Schrank. „Denn Menschen haben ein universelles Bedürfnis nach sozialer Nähe, nach Kontakten und Austausch.“ Schließlich belaste auch die ungewisse Zukunft, so die Psychotherapeutin. „Wir wissen nicht, wie lange wir auf diese Weise leben werden müssen und wie unsere persönliche Welt danach aussehen wird.“

Psychosoziale Folgen
Je länger dieser Ausnahmezustand anhalte, desto größer werden auch die psychosozialen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft sein, so die Fachärztin. Einen Ausblick darauf bieten erste Analysen über Wuhan, jener Stadt, in der die Erkrankung Covid-19 ihren Anfang nahm: Das Alumnifachnetz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) wertete die örtlichen Helpline-Anrufe aus, die im Februar 2020 getätigt wurden. Das Ergebnis: 47,3 Prozent der Anrufer hatten Angstzustände, 19,9 Prozent Schlafprobleme, mit 19,6 Prozent klagten fast ebenso viele über Angst, Unruhe und Schlaflosigkeit, verursacht durch Medienberichte und die Reaktion der Gesellschaft. Weitere Probleme: Panikgefühle, somatoforme Symptome – also körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursachen – und zwischenmenschliche Konflikte.

Strukturen helfen
All diese Sorgen und Ängste hört auch Dr. Schrank nun verstärkt von ihren Patienten und Klienten. Doch es gibt Gegenstrategien, die helfen, die mentale Belastung zu verringern und trotz Ausnahmezustandes eine Routine zu entwickeln. Ein erster Schritt dazu: „Schaffen Sie sich eine Tagesstruktur, auch wenn Sie derzeit keine benötigen“, so die Fachärztin. „Dazu zählt zum Beispiel, sich einen Stundenplan zu machen und den Tag in Arbeits-, Erholungs- und Freizeitphasen einzuteilen. Das führt zu einer Struktur, in der nicht alles ineinanderfließt.“

In Bewegung bleiben
Bei akuter Angst helfe Ablenkung, so Schrank. „Am besten durch Sport, egal ob draußen oder in ihren eigenen vier Wänden. Wichtig ist, dass Sie dabei außer Atem kommen.“ Bei Angst schüttet der Körper Stresshormone wie Cortisol aus. Diese stehen im Zusammenhang mit dem Impuls, zu flüchten. Geben wir dem Körper durch Bewegung das Signal, dass wir dem Fluchtimpuls nachkommen, fällt eine Beruhigung leichter. Wir schwitzen die Stresshormone buchstäblich weg.

Information mit Grenzen
„Informationen aus seriösen Quellen helfen uns dabei, die Situation rational besser zu verstehen und zu akzeptieren. Schaffen Sie aber bewusst auch Informationspausen“, rät Dr. Schrank. Dies gelte besonders für generell ängstliche Menschen. „Eine Flut an Katastrophenmeldungen steigert diese Ängste nur.“

Kontakt halten
„Soziale Kontakte sind ein universelles menschliches Bedürfnis“, so die Medizinerin. Deshalb mache uns gerade die soziale Distanz im Moment besonders zu schaffen. „Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr kommunizieren können. Rufen Sie Ihre Familie und Ihre Freunde an, bleiben Sie in Kontakt und sprechen Sie auch über Ihre Gefühle, Ihre Ängste miteinander.“

Hilfe annehmen
Auch in der Corona-Krise gibt es professionelle Hilfe für Sie! „Psychotherapie ist eine notwendige medizinische Leistung, deshalb sind auch jetzt Besuche in einer psychotherapeutischen Praxis möglich. Zusätzlich ist Beratung auch via Videochat oder Telefonat möglich“, erläutert Schrank, die ihre Klienten selbst auf diese Weise betreut (alle Informationen finden Sie unter beateschrank.com). Zudem bieten viele Hotlines Hilfe an.

Durch die häusliche Isolation, den geänderten Alltag, finanzielle und berufliche Sorgen und die unsichere Zukunft nimmt auch häusliche Gewalt zu, so Schrank. „Setzen Sie in diesem Fall bitte sofort klare Grenzen und verständigen Sie die Polizei!“ Viele soziale Einrichtungen wie Frauenhäuser sind auch in der Krise verfügbar.

Solidarisch bleiben
„In unsicheren Zeiten tendieren Menschen oft auch dazu, egoistischer zu werden. „Das hat sich zum Beispiel an den Hamsterkäufen gezeigt. Ich habe aber einen ganz wichtigen Appell“, betont die Expertin: „Wenn sich das Gefühl von Überlebensangst in Ihnen breitmacht, halten Sie bewusst inne und machen Sie sich klar, dass Sie in einem der sichersten und reichsten Länder der Welt leben und dass wir es uns leisten können, solidarisch zu bleiben und anderen zu helfen.“ Dies sei auch für die gesamte Gesellschaft wichtig, um gut aus dieser Krise herauszukommen.

Positiv denken und ablenken
Besonders in Krisenzeiten blicken wir ängstlich und negativ auf die Welt. Es sei aber wichtig, diese negative Gedankenspirale zu durchbrechen, etwa mit Gedanken an die Zukunft. „Schmieden Sie schon ganz konkrete Pläne, was Sie machen möchten, wenn diese Krise überstanden ist. Wen möchten Sie treffen, was möchten Sie feiern“, rät Dr. Schrank. Auch Ablenkung helfe dabei, das Gedankenkarussell zu stoppen. „Wenn es möglich ist, nutzen Sie die Zeit jetzt für Dinge, die Sie schon immer ausprobieren wollten und die auch zu Hause möglich sind.“ Das könne etwa ein neues Rezept sein, ein gründlicher Hausputz oder das Lernen einer neuen Sprache mittels Onlinekurs.

Toleranz füreinander
Viele sitzen nun unfreiwillig zu Hause, müssen Home-office, Haushalt, virtuelles Klassenzimmer oder die Betreuung von kleineren Kindern unter einen Hut bringen. „Dadurch entstehen zwangsläufig Konflikte.“ Wichtig: sich dennoch Zeit für sich zu nehmen. „Das geht schon manchmal durch das Wechseln des Zimmers. Vereinbaren Sie auch ein Codewort für eskalierende Konfliktsituationen“, rät Schrank. Fällt dieses, bedeutet das: Ich brauche jetzt kurz Ruhe, ich kann jetzt nicht angesprochen werden.“„Das schafft Zeit, abzukühlen“, so die Expertin.

Geduld mit Kindern
„Kinder sind auch in einer belastenden Situation. Bedenken Sie immer mit, dass sich der Alltag auch für sie geändert hat“, so Schrank. Keine Schule oder kein Kindergarten, der Verzicht auf Freunde und Großeltern, dazu die Verunsicherung, die auch Kinder verspüren – all das belastet. „Seien Sie deshalb noch toleranter, als Sie es schon üblicherweise sind. Reden Sie mit Ihren Kindern und erklären Sie ihnen die Situation altersgerecht. Und ganz wichtig: Schaffen Sie Raum für Bewegung!“ Das Auspowern klappt auch im Innenhof oder mit kleinen Wettkämpfen zu Hause – und befriedigt den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern.

Aktiv werden
Die aktuelle Krise vermittelt vielen ein Gefühl der Ohnmacht. „Vielen hilft es, nun selbst aktiv zu werden.“ Wer etwa bei heimischen Geschäften online bestellt, trägt schon jetzt etwas zur wirtschaftlichen Situation bei. Ebenso bieten viele Restaurants Gutscheine an, die man jetzt kaufen und später einlösen kann. Aktives Handeln ist aber auch ohne finanzielle Ausgaben möglich: Melden Sie sich bei Personen, die allein leben. Bieten Sie älteren Bekannten, Nachbarn, Alleinerziehenden an, die Einkäufe zu erledigen. Merken Sie, dass sich jemand auch innerlich zurückzieht oder besonders an der Situation leidet? Fragen Sie nach und hören Sie zu! „Allein über Probleme sprechen zu können, hilft schon“, so Dr. Schrank.

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