Montag, 16. September 2019

Wenn die Seele weint

Ausgabe 11/2011
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„Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich kann nicht mehr aufstehen, nicht mehr essen, nichts mehr tun.“ Typische Worte eines Menschen mit Depressionen. Doch eines ist fix: Es gibt keinen Grund, sich für diese Krankheit zu schämen. Und es gibt fast immer Hilfe.

Foto: istock.com
Die Tage werden kürzer, die Sonne verbirgt sich hinter Nebel oder dichten Wolken und der Regen will manchmal gar nicht mehr aufhören. Während die einen die Farbenpracht der Bäume genießen oder glücklich sind, sich wieder öfters in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, pocht bei den anderen der „Blues“ vehement an die Tür. Wenngleich manche Menschen auch während anderer Jahreszeiten unter sogenannten saisonalen Depressionen leiden, treten diese vermehrt in den dunkleren Wochen und Monaten auf. Ein Zusammenhang mit dem Lichtmangel sei daher naheliegend, so Dr. Andreas Gruber, Facharzt für Psychiatrie in Dornbirn: „Man weiß etwa, dass in einigen Unternehmen in Skandinavien, wo ja zwischen Herbst und Frühling die Sonne zum Teil gar nicht aufgeht, der Tagesablauf mit seinen natürlichen Lichtverhältnissen simuliert wird. Und dies wirkt sich positiv auf Körper und Organismus aus.“

Krankheit mit vielen Gesichtern.

Ob es sich „nur“ um ein Stimmungstief oder doch um eine „echte“ Depression handelt, findet der Arzt durch konkretes Befragen heraus. „Es ist allerdings recht schwierig, zwischen einer saisonalen und einer klassischen Depression zu unterscheiden. Die Grenzen verlaufen fließend“, räumt Gruber ein.
  • Auf eine saisonale Depression deuten, vereinfacht gesagt, folgende Punkte hin: erhöhtes Schlafbedürfnis, übermäßiger Hunger nach Kohlenhydraten, vor allem nach Süßem, als Folge mitunter eine Gewichtszunahme.
  • Bei einer klassischen Depression kommt es hingegen typischerweise zu Schlafstörungen, Appetitmangel und Gewichtsreduktion. Ein Schicksalsschlag
  • beispielsweise der Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle Not, eine Trennung oder der Tod des Partners – verändert das Leben, kann aber auch zu einer sogenannten Belastungsdepression führen. Rund drei Viertel der Betroffenen erholen sich nach gut einem halben Jahr wieder vollständig und es bleibt bei einer einzigen Episode. Bei den restlichen können im weiteren Leben neuerlich Depressionen auftreten, im Fachjargon spricht man dann von wiederkehrenden depressiven Störungen.
  • Davon zu unterscheiden sind wiederum manisch-depressive Menschen, die zwar von Zeit zu Zeit depressive Phasen haben, jedoch auch Episoden durchleben, in denen sie überaktiv, extrem oder vielmehr unnatürlich lustig sind, manchmal aber auch gereizt.
  • Bei Personen, die über Jahre hinweg unter schwachen, dafür aber so gut wie durchgehenden Depressionen leiden, spricht die Medizin von einer Dysthymie (chronisch depressive Verstimmung).
  • Auch das Burnout, ein Zustand starker emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit, ist eine Variante der Depression.

Erkennen. Akzeptieren. Hilfe suchen!

Welche Form auch immer, Depressionen spiegeln kein persönliches Versagen wider. Zudem sind viele Schicksalsschläge schlichtweg unabwendbar. Betroffene sollten sich also auf keinen Fall für ihre Krankheit schämen. Das ist freilich leichter gesagt als getan, weiß auch Gruber: „Depressiven Menschen wird oft vorgeworfen, unwillig, faul und disziplinlos zu sein. Das ist natürlich falsch.“ Der erste Schritt muss darin bestehen, dass man selbst die Krankheit erkennt, akzeptiert und sich dann mit seinen Problemen an einen Arzt des Vertrauens wendet. Im besten Fall ist das der Hausarzt. Erstens, weil dieser seine Patienten medizinisch und persönlich gut kennt. Zweitens, weil er sofort einen Behandlungsansatz starten kann. Führt diese Therapie nicht zu einer Besserung, so wird er selbstverständlich an den Facharzt überweisen.

Depression: Sind sie gefährdet?

Im Stimmungstief oder doch depressionsgefährdet? Folgende Punkte können auf eine Depression hindeuten:

  • Traurig? Leichte bis mittelschwere Depressionen können Traurigkeit hervorrufen, Betroffene weinen oft; schwer depressive Menschen weinen dagegen fast nie, erleben bislang unbekannte Gefühlskälte.
  • Antriebslos? Oder angetrieben? Während sich manche (tagsüber) erschöpft, müde, energielos fühlen und sogar Alltägliches als anstrengend empfinden, sind andere rastlos, nervös, ängstlich und innerlich angespannt.
  • Kein Interesse? Selbst Dinge, die früher Spaß bereitet haben, machen keine Freude.
  • Schlafstörungen? Vor allem, wer in den frühen Morgenstunden vor lauter Grübeln nicht mehr einschlafen kann.
  • Stimmungsschwankungen? Morgentief und Stimmungsaufhellung gegen Abend.
  • Keinen Appetit? Und eventuell Gewichtsverlust?
  • Keine Lust? Oft ist auch die sexuelle Energie eingeschränkt.
  • Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen? Treten häufig auf.
  • Körperliche Beschwerden? z.B. Verstopfungen, Völlegefühl, unregelmäßiger, beschleunigter Herzschlag, Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, Engegefühl in der Brust.
  • Schuldgefühle? Betroffene fühlen sich für vergangene Ereignisse schuldig, befürchten, unverzeihbare Fehler zu machen, und/oder plagen sich mit Selbstvorwürfen. Kann sogar zu regelrechtem „Schuldwahn“, „Versündigungswahn“, „Verarmungswahn“, mitunter auch „hypochondrischen Wahn“ führen; wirkt für Außenstehende vollkommen übertrieben.
  • Verzweifelt und lebensmüde? Solche Gedanken sofort – auch wenn sie in der Nacht auftreten – mit einer Person des Vertrauens besprechen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wenn die Seele weint
Seite 2 Botenstoffe aus dem Lot

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