Mittwoch, 18. September 2019

Wenn der Schmerz zur Krankheit wird

Ausgabe 2019.04
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Chronische Schmerzpatienten haben nicht nur mit körperlichen Beschwerden, sondern auch mit psychischen Problemen zu kämpfen. Die größte Herausforderung: die Seele selbst! Manchmal kann Schmerz aber auch zum unbewussten Hilfsmittel werden.

 


Foto: iStock-smartboy10

Im Rahmen unserer Arbeit an der GESÜNDER LEBEN-Reihe „Mein Leben mit ...“, in der Betroffene über ihren Umgang mit einer – oftmals lebensverändernden – Krankheit erzählen, werden wir regelmäßig Zeugen, wie sich Optimismus und Humor positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. „Geh mit der Kraft des Lächelns durchs Leben!“, erzählte uns zum Beispiel Elfi Jirsa, die bereits seit 30 Jahren mit der Diagnose Multiples Myelom lebt (siehe Seite 46). „Die Psyche spielt eine wesentliche Rolle, wenn es um die Wahrnehmung, Verarbeitung sowie Bewältigung von Schmerzen geht“, bestätigt auch Dr. Michael Bach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und ärztlicher Leiter des Therapiezentrums Justuspark (OÖ). „Vor allem bei chronischen Schmerzen und bei Schmerzen ohne körperliche Ursache, nimmt die psychische Anamnese des Patienten einen hohen und entscheidenden Stellenwert ein.“

Mit Cannabis gegen Schmerzen

Dr. Martin Pinsger, Leiter eines multiprofessionellen Schmerzzentrums in Bad Vöslau

Cannabinoide werden in der Medizin, allen voran in der Schmerztherapie, bereits seit Jahren als wirksames Schmerzmittel eingesetzt. Hier unterscheidet man zwischen Tetrahydrocannabinol (THC; bereits gut erforscht) und Cannabidiol (CBD; Forschung steht noch am Anfang). „Cannabinoide greifen direkt in das körpereigene Rezeptorensystem ein“, erklärt Dr. Martin Pinsger,
Leiter eines multiprofessionellen Schmerzzentrums in Bad Vöslau. „Eine Cannabinoid-Therapie versucht nicht, etwas Synthetisches zu erzeugen, sondern packt dort an, wo unser Körper selbst regulierend eingreifen kann.“ THC zeigt in niedrigen und kontrollierten Dosierungen eine schmerzstillende, leicht euphorisierende und entspannende Wirkung. Verabreicht wird in Form von Kapseln oder Ölen. Eine Abhängigkeit ist aufgrund des langsamen Anstiegs nicht gegeben, betont Pinsger. Die Herausforderung für die meisten Ärzte: „Cannabinoide wirken nicht gegen eine einzelne Beschwerden, vielmehr muss ein individuelles Beschwerdeprofil des Patienten erstellt werden.“

Schmerz: Es ist kompliziert!
Jeder Schmerz besteht aus einer biologischen (körperlichen), psychischen und sozialen (Verhältnis zum Partner, Geldsorgen etc.) Komponente. Im Fachjargon spricht man vom „bio-psycho-sozialen Schmerzkonzept“. Bei der Schmerzverarbeitung, erklärt Bach, unterscheidet man die sensorische Schmerzkomponente, die den Schmerz nach Charakter (z. B. klopfend, stechend oder ziehend), Intensität und Ort verarbeitet, die emotionale Schmerzkomponente, die für die Verarbeitung des Schmerzes zuständig ist (empfinden wir ihn als belastend, lärmend, lästig oder nörgelnd?), sowie die kognitive Komponente: Fühle ich mich dem Schmerz ausgeliefert oder kann ich damit umgehen? All diese Aspekte greifen ineinander und fügen sich zum Schmerz, wie wir ihn kennen, zusammen.

Wenn es chronisch wird
„Eine Gefahr der Chronifizierung des Schmerzes besteht dann, wenn beim Betroffenen aufgrund ausbleibender Behandlungserfolge Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Frustration aufkommen und er sich in der Folge sozial zurückzieht“, erklärt Bach. „Dazu kommt die Angst vor den Schmerzen, weshalb eine Schonhaltung und eine körperliche Passivität eingenommen wird, was aber wiederum den körperlichen Zustand verschlechtert. Ein Teufelskreis beginnt.“ Beim chronischen Schmerz steht der emotionale Schmerzaspekt im Vordergrund, der Schmerz ist nicht mehr Warnsignal, sondern stellt stattdessen eine Fehlfunktion dar. „Der Schmerz selbst wird zur Krankheit“, fasst Bach zusammen. Der Experte betont, dass das Schmerzerleben aufgrund der verschiedenen Schmerzkomponenten zwar durchaus subjektiv, aber niemals eingebildet ist: „Schmerz ist Schmerz. Wenn ich Schmerzen habe, dann ist das eine reale Wahrnehmung, ein reales Erlebnis.“ Eine Stigmatisierung von Schmerzpatienten sei also fehl am Platz, obwohl das Schwert auch in diesem Fall zweischneidig ist: „Viele Patienten fühlen sich nicht ernst genommen und reagieren mit Ablehnung, wenn der Arzt von psychosozialen Schmerzfaktoren spricht.“ Bei einer Gallup-Umfrage 2014 sprachen 46 Prozent der befragten Schmerzpatienten von einer starken Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Psychische Belastungen landeten dabei auf Platz zwei, nur geschlagen von den erlebten „körperlichen Einschränkungen“. Dass chronischer Schmerz eine Persönlichkeit verändert, sei durchaus nachvollziehbar, sagt Bach betont: „Schmerz ist letztendlich immer eine Herausforderung. Schmerz stellt viele Fragen. Warum ich? Warum gerade jetzt? Was soll ich jetzt tun? Er löst Angst, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Mutlosigkeit und Verzweiflung aus. Schmerzpatienten sind in ihrer Gesamtpersönlichkeit permanent gefordert.“ Sozialer Rückzug und Beziehungsverluste seien nicht selten, führt Bach weiter aus. Persönliche Interessen werden vernachlässigt, viele Betroffene neigen zudem zu Gereiztheit, Aggressivität, Katastrophen-Denken und fühlen sich bedroht. Eine nachhaltige Entspannung ist nicht mehr möglich. „Der Schritt zur klinischen Depression ist oft nur ein kleiner.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wenn der Schmerz zur Krankheit wird
Seite 2 Gefährliches Hilfsmittel

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