Freitag, 24. Mai 2019

Wenn der Magen Hilfe braucht

Ausgabe 2014.10

Sodbrennen ist mehr als nur lästig – es kann die Lebensqualität massiv verschlechtern und schwere Krankheiten auslösen.  Doch es gibt (rasche) Abhilfe!


Foto: © Can Stock Photo Inc. - CITAlliance_retusch 4

Völlegefühl und Sodbrennen gelten als typische Erscheinung unserer Wohlstandsgesellschaft. Fette Stelzen, ein paar Gläser Weißwein und eine deftige Nachspeise zu später Stunde – wer regelmäßig kulinarisch über die Stränge schlägt, kennt diese Symptome nur zu gut. „Etwa ein Drittel aller Westeuropäer klagt über unangenehmes Brennen in der Speiseröhre“, sagt Prof. Dr. Martin Riegler, Leiter des Reflux-Medical-Zentrums in Wien. Unter schwangeren Frauen beträgt die „Brandquote“ sogar bis zu 80 Prozent. So breit wie die Verteilung ist auch die Palette der möglichen Ursachen. Diese reichen von vergleichsweise harmlosen Ernährungsfehlern über Funktionsstörungen des Schließmuskels bis hin zu Gastritis oder Geschwüren der Magenschleimhaut. „Am häufigsten entsteht Sodbrennen aber durch unser Essverhalten: Wir essen nicht nur ungesund, sondern auch zu viel, weshalb der Magen nach den Mahlzeiten ständig überdehnt wird. Man kann in unseren Breiten durchaus schon von einer Volkskrankheit sprechen“, erklärt Riegler. Auslöser des Sodbrennens ist überschüssige Magensäure, die in die Speiseröhre bis hinauf zur Mundhöhle gelangt. Ist der Schließmuskel geschwächt oder gar defekt, kann die Speiseröhre gegenüber dem Magen nicht mehr vollständig geschlossen werden. Es kommt zu einem regelmäßigen Rückfluss von Säure in die Speiseröhre, der medizinisch „Reflux“ genannt wird. Süße und fette Nahrungsmittel sowie Pfefferminz, Kaffee und Alkohol schwächen den Schließmuskel im Ausgang der Speiseröhre, im Fall von Übergewicht und Schwangerschaft erhöht sich der physikalische Druck in der Bauchhöhle. Bei werdenden Müttern führt der veränderte Hormonstatus zusätzlich zu einer vermehrten Entspannung des Schließmuskels.

„Zündstoffe“ vermeiden

Häufig reicht ein Verzicht auf scharfe und fette Speisen sowie auf koffein-, alkohol- und kohlensäurehaltige Getränke aus, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Auch Milch und Milchprodukte sollten nur in geringen Mengen genossen werden, auch wenn sie gerne zur Linderung akuter Beschwerden herangezogen werden. Durch das enthaltene Fett stellt sich zwar schnell eine vermeintliche Besserung ein. Diese weicht nach ein bis zwei Stunden allerdings verstärkten Symp-tomen.

Wichtig wäre zudem eine Reduktion der auf den Magen drückenden Körperlast durch Kostumstellung und Sport. Und auch die Vermeidung von Stress kann das Auftreten von Sodbrennen bzw. Refluxsymptomen deutlich mindern. Prof. Riegler: „Ich empfehle generell, Süßes und Fettes zu meiden und Wasser anstatt Alkohol, Fruchtsäften und Energydrinks zu trinken sowie psychologische Hilfe bei Stress und belastenden Situationen in Anspruch zu nehmen.“

Die häufigsten Reflux-Auslöser:
• Alles aus der Bäckerei, Konditorei, dem Milch- und Käseregal
• Nüsse, Chips
• Alkohol, Nikotin
• Fruchtsäfte, Energydrinks
• Stress, Sorgen (Burn-out)

Medikamente sind nicht die ideale Lösung. Rezeptfreie Säurehemmer aus der Apotheke in Form von Tabletten oder Kaugummis versprechen bei Bedarf Erleichterung ohne Nebenwirkungen und können daher auch in der Schwangerschaft eingenommen werden. Sie enthalten neutralisierende Mineralstoffverbindungen wie Kalzium- und Magnesiumkarbonat, die Magensäure sofort bei Kontakt neutralisieren. Langfristig gesehen sind diese sogenannten Antazida zwar unbedenklich, sie können aber ernsthafte gesundheitliche Probleme verschleiern. „Sodbrennen ist nicht so harmlos wie Schluckauf“, warnt Riegler. Während die Magenschleimhaut naturgemäß gegen die Magensäure geschützt ist, wird die der Speiseröhre durch die aggressive Flüssigkeit angegriffen: „Ignoriert man die typischen Beschwerden über längere Zeit, kann es so zu einer Entzündung der Speiseröhre kommen.“ Und: Mit den genannten Säurehemmern wird zwar der Magensaft neutralisiert, nicht aber die eventuell beteiligte Gallenflüssigkeit, die vom Zwölffingerdarm in den Magen zurückfließt. Riegler: „Gelangt Galle als Reflux in die Speiseröhre, kann sie neben Reizungen auch einen bösartigen Tumor, das Barrett-Karzinom, entstehen lassen.“ Und das auch noch beinahe unbemerkt: „Durch die Einnahme von Säurehemmern spürt der Betroffene bis auf einen säuerlich-bitteren Mundgeruch nichts von der Gallenflüssigkeit.“

Heiserkeit, Reizhusten, Asthma.  Viel häufiger als diese bösartige Krebsart ist allerdings der Umstand, dass die Magensäure in der Nacht durch die Liegeposition im Bett bis in den Kehlkopf und von dort aus weiter in die Atemwege vordringen kann. „Die entsprechenden Beschwerden reichen von Halsweh, Heiserkeit, Globusgefühl im Hals, Schluckstörungen und Reizhusten bis hin zu Asthma und Erstickungsanfällen“, so der Facharzt. Nicht selten sind auch besonders sportliche Menschen, von diesem Phänomen betroffen – ohne die Ursache zu ahnen, wie Riegler betont: „Durch die Dauerbelastung beim Bergwandern oder Laufen wird die Magenflüssigkeit hinaufgedrückt. Die Betroffenen bekommen dann nach etlichen Kilometern einen Asthmaanfall und wissen nicht, warum.“

Langer Weg zur Diagnose. Häufig durchlaufen Patienten mit atypischen Symptomen mehrere Stationen respektive Arztpraxen, bis die wahre Ursache ihres Problems erkannt wird. „Ich habe Patienten, bei denen ein Brennen im linken Brustbereich fälschlicherweise als Herzproblem wie Angina pectoris interpretiert wurde“, so Riegler. Zur Diagnose der so- genannten gastrooesophagealen Reflux-erkrankung (oesophagus = Speiseröhre), kurz GERD, dient die Gastroskopie. Mit ihrer Hilfe können Veränderungen im Magen, im Zwölffingerdarm und in der Speiseröhre nachgewiesen werden. Dabei werden auch Schleimhautproben aus diesem Gebiet entnommen, um veränderte Zellen, die auch Krebsvorstufen sein können, zu entdecken. Alternativ kommt auch ein Röntgen zum Einsatz, wobei mit einem Kontrastmittel Probleme beim Schlucken dokumentiert werden. Riegler: „In manchen Fällen sind die Reflux-Messung über 24 Stunden und eine Druckmessung der Speiseröhre angezeigt.“

Individuelle Therapie. Zur Standardtherapie bei Reflux zählt eine Ernährungsberatung bzw. -umstellung, wie Riegler betont: „Oft können die Symptome allein durch bewussteres Essen gelindert werden.“ Rieglers Tipp: stündlich ein paar Gurkenscheiben oder ein Viertel von einem Granny-Smith-Apfel, jeweils mit der Schale, knabbern – das beruhigt den Magen. Zur Behandlung werden auch sogenannte Protonenpumpen-Hemmer (PPI) eingesetzt. Aber: Bei Langzeiteinnahme von PPI steigt durch die verminderte Säure-Schutzfunktion das Risiko für Lungenentzündungen und in Spitälern die Infektion mit Problemkeimen. Weiters muss man bei längerer Einnahme mit einem erhöhten Risiko für Osteoporose, Veränderungen der Schleimhaut und einer vermehrten Anfälligkeit für Allergien rechnen. „Ist die Ursache des Reflux ein Zwerchfellbruch und helfen weder Diät noch Medikamente, kann ein operativer Eingriff Abhilfe schaffen“, meint Riegler. Der Chirurg ist einer jener Spezialisten, die die Operation minimalinvasiv mittels „Knopfloch-Chirurgie“ durchführen.

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