Samstag, 21. September 2019

Wenn der Körper mit uns spricht …

Ausgabe 2016.12-2017.01
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Stößt es Ihnen gelegentlich sauer auf? Sitzt Ihnen die Angst im Nacken? Oder haben Sie endgültig die Nase voll? Dann könnte Ihnen Ihr Körper eine Seelenbotschaft schicken. Ein GESÜNDER LEBEN-Blick auf psychosomatische Beschwerden.


Foto: Can Stock Photo - wrangler

Leidet der Leib, muss die Seele mitbehandelt werden“ – das wusste bereits der griechische Philosoph Sokrates. Und auch mehr als 2.000 Jahre später ist an der Erkenntnis, dass seelische Konflikte, innere Anspannung oder Überlastung körperliche Beschwerden verursachen können, nicht zu rütteln. Ganz im Gegenteil: Diese Weisheit wurde sogar ergänzt. „Zu den modernsten und anerkanntesten Krankheitsmodellen zählt heute das biopsychosoziale Modell, das nicht nur biologische und psychologische, sondern auch soziale Faktoren wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit in die Entstehung von Krankheiten einbezieht“, weiß Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP).

Auf den Zahn gefühlt. Psychosomatische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Österreichweit nehmen jährlich, so der Psychotherapeut, etwa 80.000 Menschen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch; 75 Prozent davon sind weiblich. „Frauen sind oft die achtsameren Wesen, nehmen körperliche Veränderungen schneller wahr und konsultieren häufiger Ärzte“, erklärt Stippl. „In den vergangenen drei Jahrzehnten war ein rasanter Anstieg von psychischen Erkrankungen als Ursache für Frühpensionierungen zu verzeichnen. 2013 erfolgten bereits 35 Prozent aller Neuzugänge zur Frühpension aufgrund von psychischen Erkrankungen. Bei den befristeten Neuzugängen lag der Wert bei über 50 Prozent. Damit sind enorme Kosten für die Sozialversicherungen verbunden.“ Darüber hinaus muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele von uns an die Macht der Seele nicht so recht glauben wollen, bei anhaltenden Beschwerden lieber eine Odyssee an Arztbesuchen starten bzw. sich über Verdauungsprobleme, Herzrasen, Atemnot oder Gelenkschmerzen eher „den Kopf zerbrechen“ oder „zähneknirschend“ zur Kenntnis nehmen. Dabei weist bereits ganz richtig der Volksmund in vielen Redensarten auf die Interaktion von Körper, Geist und Seele bewusst hin: Wir haben oft „viel um die Ohren“ oder nehmen uns „Dinge zu Herzen“.

Ihr Körper spricht mit Ihnen! „Zu den häufigsten Ursachen psychosomatischer Beschwerden zählen seelische Krisen und Sorgen, chronische Anspannung, Ängste, finanzielle Not, ein psychisches Trauma, Verlust von Angehörigen oder andere belastende Gefühle und Lebensereignisse“, fasst Stippl zusammen. Diese Gründe können unseren Körper innerlich in Alarmbereitschaft, in eine Stresssituation, versetzen, die dazu führt, dass unsere Steuerungszentrale automatisch – und evolutionsbedingt – auf „Kampf“ oder „Flucht“ schaltet. „Wenn leise Hinweise nicht genügen, entwickeln sich eben heftigere Beschwerden. Das vegetative Nervensystem steht dauerhaft ,unter Strom’, bewahrt uns im letzten Moment vor schwereren negativen Folgen und ist dafür bereit, im Dienste der Gesamtpersönlichkeit zu leiden“, so Stippl. Die möglichen Folgen: Unruhe, Anstieg der Herztätigkeit, Anspannung, Infektanfälligkeit, Abgeschlagenheit, Schlaf-, Konzentrationsstörungen, Depressionen, sexuelle Unlust – und auch Schmerzen. Dabei sind konstante Schmerzempfindungen wie beispielsweise Rückenbeschwerden, aber auch „wandernde“ Schmerzen möglich: Einmal macht sich der steife Nacken, dann der dröhnende Kopf und ein anderes Mal der rebellierende Magen bemerkbar.

Das Glück in die Hand nehmen. Gerade jetzt, in der kalten Jahreszeit, treten Stresssymptome gehäuft auf. Warum, liegt auf der Hand: „Wir nehmen weniger Tageslicht auf und bewegen uns seltener als sonst. Dadurch wird die Produktion des Glückshormons Serotonin gedrosselt“, erklärt Stippl. Serotonin gehört aber zu den wichtigsten Nervenbotenstoffen des menschlichen Organismus und wird für die Verarbeitung von Belastungen, aber auch zur Bewältigung neuer Aufgaben oder traumatischer Erlebnisse benötigt. Ein Mangel kann daher verständlicherweise fatal sein und für ein Ungleichgewicht sorgen.
Besonders häufig können dadurch organische Beschwerden entstehen – und zwar ohne eine ausreichend organmedizinische Erklärung zu finden. Grundsätzlich können alle Organe betroffen sein. „Die Kette reißt jedoch am schwächsten Glied“, betont Stippl. „Und diese individuellen Schwachstellen sind eine Kombination aus Lebensführung und Genetik.“ Die Organwahl oder das Organsystem kann übrigens auch das Thema betreffen, um das es im Hintergrund geht – und das der Volksmund meist gut benennen kann. Wenn jemand etwa dazu neigt, sich konstant „viele Lasten aufzubürden“, kann er dadurch tatsächlich chronische Rückenschmerzen entwickeln. Aber es gibt auch andere Formen des seelischen und körperlichen Zusammenspiels. Welche das sind, zeigen wir hier. Voraussetzung ist in jedem Fall natürlich der Ausschluss eines organischen Leidens.

„Es nimmt mir den Atem“
Wer erschrickt, muss nach Luft schnappen. Auch wer sich ängstigt oder in Panik gerät, kennt dieses Phänomen. Die Atmung schwingt also zweifelsohne mit psychischen Ereignissen mit. Anhaltende Überlastung, aber auch ungelöste Konflikte oder Traumatisierungen in der Vergangenheit machen sich vielfach mit Symptomen wie Brustenge und Atemnot bemerkbar, die wiederum massive Angstzustände begünstigen. In Folge atmet man noch hektischer und verstärkt den unerwünschten Zustand. Experten führen diese Reaktion mitunter auf Angst vor dem Verlassenwerden oder vor Einsamkeit zurück bzw. verstehen sie als Ausdruck des Mangels an Konfliktfähigkeit.

„Mir dreht sich der Magen um“
Somatoforme Störungen des Magens und des Darms wie Übelkeit, Völlefühl oder Sodbrennen, aber auch Verdauungsprobleme können ebenfalls psychische Ursachen haben. „Stress spielt hier eine besonders große Rolle“, ergänzt Stippl. „Wer gestresst ist, befindet sich in Flucht- oder Kampfbereitschaft. Da ein voller Magen sowohl beim Flüchten als auch beim Kämpfen hinderlich ist, scheidet der Körper entweder unnötigen Ballast aus oder entwickelt ein übertrieben hohes Maß an Magensäure.“ Betroffen sind vielfach „dünnhäutige“ Menschen mit einer Tendenz, die Dinge kontrollieren zu wollen – es aber nicht können. Kleine Aufregungen über Ungerechtigkeiten, Unpünktlichkeit oder Kränkungen werden, wie Dr. Manfred Stelzig in seinem Buch „Krank ohne Befund“ beschreibt, mit einem „unaufschiebbaren Stuhldrang“ beantwortet. Mögliche Ursachen reichen von chronischem Stress bis zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wenn der Körper mit uns spricht …
Seite 2 Das Glück in die Hand nehmen

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