Donnerstag, 21. November 2019

Wenn der ganze Körper schmerzt

Ausgabe 05/2009
Menschen, die an Fibromyalgie erkrankt sind, kämpfen mit vielen Problemen: Die Krankheit wird oft jahrelang nicht erkannt, sie ist chronisch und wird häufig als Hypochondrie abgetan. Spezialisten können dennoch helfen.

Foto: Olly - fotolia.com
Alle Muskeln und Sehnen schmerzen, sie fühlen sich wie geschwollen an, und an manchen Stellen scheinen besonders schmerzhafte Knötchen zu liegen. Der Schmerz ist überflutend und nichts kann ihm beikommen. Man fühlt sich elend, krank und depressiv: Fibromyalgie!

Alles nur geträumt?
Das rätselhafte Leiden, das in seiner Verbreitung und in seinen Auswirkungen noch weitgehend unterschätzt und vielfach unbekannt ist, stellt zwar keine Lebensbedrohung dar, ist aber mit einer massiven Einschränkung der Lebensqualität und oft auch mit Behinderung verbunden. Fibromyalgie-Patienten kämpfen mit vielen Problemen: ganz besonders oft mit dem, nicht ernst genommen zu werden, weil keine offensichtliche organische Ursache für das Leiden festzustellen ist. „Wir können die genauen Schmerzursachen bei diesem Syndrom bis heute nicht benennen“, sagt der Schmerzspezialist Univ.-Prof. DDr. Hans Kress von der Medizinuniversität Wien. „Fibromyalgie tritt gehäuft in Familien auf. Bis jetzt ist aber nicht klar, ob dies auf Vererbung oder auf bestimmte Umweltbedingungen zurückzuführen ist. Oft beginnen die Beschwerden in Stresssituationen, nach einer Krankheit oder einem Unfall. Auch dies weist darauf hin, dass eine Vielfalt von Faktoren Einfluss auf die Entstehung und individuelle Ausprägung der Beschwerden hat – psychische, soziale, genetische, hormonelle oder in der Schmerzleitung der Nerven liegende.“ Geschätzte zwölf Millionen Menschen sind in Europa betroffen. Viele haben oft eine jahrelange Odyssee durch zahlreiche medizinische Institutionen hinter sich, bevor sie endlich die richtige Diagnose und damit auch eine adäquate Therapie erhalten.

Von Schmerz zu Schmerz
Die Erkrankung beginnt meist um das 35. Lebensjahr, 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Wesentliche Symptome sind chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen über mehr als drei Monate und schmerzhafte Druckpunkte an speziellen Ansatzstellen von Muskeln und Sehnen – den sogenannten Tender Points. Spezialist Kress: „Menschen mit Fibromyalgie haben eine herabgesetzte Schmerzschwelle. Sie verspüren Schmerz schon bei viel leichteren Reizen als andere. Die chronischen Schmerzzustände werden oft von Müdigkeit, Schlafstörungen, Morgensteifigkeit und sogar kognitiven Defiziten, aber sehr häufig auch von Depression und Angststörungen begleitet. Auffällig ist auch das gemeinsame Auftreten mit anderen, wiederkehrenden chronischen Schmerzen wie Regelschmerzen, rheumatischen Erkrankungen, Gesichtsschmerzen oder Rückenschmerzen.“

Was hilft?
Fatal ist, dass das rätselhafte Leiden nicht auf herkömmliche entzündungshemmende Schmerzmittel anspricht. Auch Krankengymnastik und Massage können zwar bei manchen Patienten helfen, bei anderen aber das Krankheitsbild sogar noch verschlimmern. Am erfolgreichsten sind noch kombinierte Therapieansätze mit psychosomatischer Therapie, physikalischen Anwendungen und einer intensiven Patientenschulung. Dafür empfehlen sich stationäre Aufenthalte in auf diese Erkrankung spezialisierten Kliniken. Zudem können bestimmte Antidepressiva eine Besserung bringen, und dies vor allem dann, wenn sie als Einmalgabe vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Vielversprechende Ergebnisse zeigt auch die bei neuropathischem Schmerz eingesetzte Substanz Pregabalin. In den USA ist sie bereits für die Behandlung der Fibromyalgie zugelassen. Eine Zulassung für Europa dürfte laut Experten relativ bald zu erwarten sein.
Davon abgesehen können psychologisches Schmerzbewältigungstraining, Verhaltenstherapie, Akupunktur und Entspannungstechniken wertvolle Hilfe leisten, wenn sie in ein umfassendes Behandlungskonzept eingebunden sind. Nachweislich nützt zudem auch Bewegung, vor allem Ausdauertraining wie z.B. Schwimmen oder Walking.

Vertrauen Sie nur Spezialisten
Eines muss leider auch gesagt sein: Die Fibromyalgie ist in den meisten Fällen nicht heilbar. Dennoch sollte man unbedingt versuchen, eine Chronifizierung der Schmerzen zu vermeiden. Das bedeutet: rechtzeitig zum richtigen Arzt gehen und sich vor allem nicht auf dubiose Versprechungen einlassen. Schmerzspezialist Kress: „Meiden Sie wissenschaftlich völlig unbelegte Heilungsversprechungen – leider bieten ja gerade schwer behandelbare Krankheitsbilder ein breites Feld für Scharlatanerie: So werden neben anderen unwirksamen Behandlungsmethoden mancherorts sogar Operationen angeboten, für die keinerlei Wirkbeleg vorliegt.“

FibromyalgieFoto: Max Tactic - Fotolia.co
Fibromyalgie – Hilfe
zur Selbsthilfe

Auf der Homepage der Österreichischen Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe finden Sie umfassende Informationen zu Krankheitsbild und Therapie (Medikamenten, physikalischer Therapie, Infusionen, Naturheilmitteln) sowie Erfahrungsberichte von Betroffenen. Weiters gibt es eine Liste spezialisierter Ärzte und Kliniken. Einloggen lohnt sich für Betroffene und Angehörige unter: members.aon.at/fibromyalgie

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