Sonntag, 29. November 2020

Wenn der Darm gereizt ist

Ausgabe 2020.04

Blähungen, Völlegefühl, Durchfall – wenn der Darm gereizt ist, sind auch wir gereizt. Nicht selten aber bringen selbst zahlreiche Untersuchungen keine konkreten Ergebnisse, die erklären, was in unserem Bauch tatsächlich los ist. In diesem Fall spricht man von einem Reizdarm-Syndrom.


Foto: © iStock - LaylaBird

Rund 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden mindestens einmal im Leben unter reizdarmähnlichen Symptomen, bei Menschen mit Magen-Darm-Beschwerden sind sogar circa die Hälfte Reizdarm-Patienten. Meist treten die Beschwerden das erste Mal zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf, aber auch Kinder können betroffen sein. Das Reizdarm-Syndrom tritt bei Frauen rund doppelt so häufig auf als bei Männern.

Das hilft bei Sodbrennen

Sodbrennen ist der Rückfluss (Reflux) von Magensäure in die Speiseröhre oder gar bis in den Mund und zeigt sich durch unangenehme Beschwerden. Ungefähr jeder zweite Österreicher leidet daran. Diese Tipps können helfen:

• Essen Sie mehrere kleine Mahlzeiten am Tag.
• Jede Stunde zwei bis drei Gurkenstücke essen, hilft, die Magensäure zu regulieren.
• Kaugummi kauen reduziert Reflux.
• Nehmen Sie sich Zeit fürs Essen und kauen Sie gut!
• Nehmen Sie das Abendessen spätestens drei Stunden vor dem Schlafengehen zu sich.
• Eine erhöhte Liegeposition verhindert nächtliches Husten.
• Vermeiden Sie Speisen, die Beschwerden verstärken können: Fettiges, Süßes, Scharfes, Hülsenfrüchte, frisches Brot, Kaffee, Alkohol, säurehaltige Getränke.
• Eiweißreiche Nahrung unterstützt die Schließmuskelfunktion.
• Bei Übergewicht ist eine Gewichtsreduktion sinnvoll.
• Tragen Sie keine enge Kleidung und lockern Sie Ihren Gürtel.

Gestörte Gehirn-Darm-Achse
Obwohl die Symptomatik also recht häufig auftritt, tappt man immer noch im Dunkeln, was einen Reizdarm tatsächlich auslöst. „Die Ursachen sind nach wie vor nicht ganz geklärt“, sagt Prim. Priv.-Doz. Dr. Arnulf Ferlitsch, Facharzt für innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie am Wiener Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. „Als gesichert gilt aber, dass die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm – unser ‚Bauchhirn’ – bei Reizdarm-Patienten gestört ist“, erklärt der Experte. „Zwischen Gehirn und Darm werden ununterbrochen Informationen mittels Neutrotransmittern, beispielsweise Serotonin oder Dopamin, ausgetauscht. Ist dieser Austausch der Botenstoffe, besonders von Serotonin, im Ungleichgewicht, kommt es zu einer erhöhten Empfindlichkeit im Darm.“ Heißt: Reizdarm-Patienten empfinden die (normale) Dehnung der Darmwand als schmerzhaft, auch die Schleimhautbarriere scheint bei ihnen weniger gut zu funktionieren. Manchmal werden Gase im Darm langsamer abtransportiert, was zu Blähungen führt. Und: „Die Zusammensetzung der Darmbakterien ist bei Reizdarm-Patienten eine andere als bei gesunden Menschen!“, so Ferlitsch. Gründe dafür können auch eine Antibiotika-Behandlung, Infektionen, einseitige Ernährung oder ein Übermaß an Alkohol- und Tabakkonsum sein. „Auch psychische Belastungen und lang anhaltender Stress führen oft zu einem Reizdarm!“, ergänzt der Facharzt.

Reizdarm ist nicht gleich Reizdarm
Je nach Art der Erkrankung stehen unterschiedliche Symptome im Vordergrund: Manche Betroffene leiden vor allem unter Blähungen, andere unter Verstopfung oder Durchfall. „Zur Orientierung kann die 3er-Regel helfen“, erläutert Ferlitsch. „Wenn es weniger als alle drei Tage oder aber öfter als dreimal täglich zum Stuhlgang kommt, kann man von einer nicht normalen Darmtätigkeit sprechen.“ Auch krampfartige Bauchschmerzen können im Fokus stehen. Fast immer aber berichten Betroffene von einem aufgeblähten Bauch und einem unangenehmen Völlegefühl. Nicht für das Reizdarm-Syndrom sprechen jedoch folgende Symptome: Blut im Stuhl, Fettstuhl, Fieber, ungewollte Gewichtsabnahme, Blutarmut sowie nächtliche Durchfälle. „Grundsätzlich müssen alle Veränderungen im Darm beziehungsweise im Darmverhalten fachärztlich abgeklärt werden!“

Ausschlussdiagnose
Womit wir auch bei der Diagnose wären: „Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose!“, betont der Gastroenterologe. „Erst wenn tatsächlich alle anderen möglichen Magen-Darm-Erkrankungen gesichert ausgeschlossen werden konnten, darf man von einem Reizdarm-Syndrom sprechen.“ So müssen Nahrungsunverträglichkeiten (Zöliakie, Fruktose, Laktose) abgeklärt werden, auch eine Enddarmuntersuchung sowie eine Darm- und Magenspiegelung geben Aufschluss darüber, ob eine Gastritis, Darmpolypen, chronische Darmentzündungen oder gar gefährliche Tumore vorhanden sind. Eine Stuhl- und Blutuntersuchung sowie Röntgen, Ultraschall und eventuell eine Computertomografie sind ebenso sinnvoll, da Erkrankungen der Leber, der Gallenblase oder der Bauchspeicheldrüse ähnliche Beschwerden hervorrufen können. „Symptome oder ein Behandlungserfolg alleine haben ohne vorhergehende Untersuchungen zu wenig Aussagekraft!“, betont Ferlitsch nachdrücklich.

Vielfältige Behandlung
Ein Reizdarm-Syndrom kann in Schüben verlaufen oder dauerhaft Beschwerden verursachen. In manchen Fällen, zum Beispiel nach einer Antibiotikagabe, verschwinden die Symptome nach einiger Zeit von selbst wieder. Eine gefährliche Erkrankung ist Reizdarm nicht, trotzdem sollte sie behandelt werden: „Die psychische Belastung von Betroffenen ist oftmals enorm!“, weiß der Facharzt zu berichten. „Circa die Hälfte der Patienten leidet zusätzlich an Depressionen, auch Erschöpfungszustände oder Angststörungen sind häufige Begleiterscheinungen.“ Die Behandlung richtet sich nach den vorherrschenden Beschwerden, eine Therapie, die das Übel an der Wurzel packt, gibt es jedoch nicht. „Die Behandlung von Reizdarm ruht auf drei Säulen: Ernährung, Medikamente sowie die Therapie der Seele. Welche dieser Säulen wie sehr zum Tragen kommt, hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Wichtig ist, so früh wie möglich mit einer Behandlung zu beginnen.“ Leichte Bauchschmerzen beispielsweise können durch sanfte Wärmeanwendungen gemildert werden, bei Krämpfen helfen krampflösende Mittel. Auch Durchfälle und Verstopfung werden medikamentös behandelt. „Gute Ergebnisse erzielt eine Probiotika-Therapie, bei der mehrere Monate lang in Form eines wasserlöslichen Pulvers dem Darm ‚gute’ Darmbakterien zugeführt werden“, erklärt Ferlitsch, der betont: „Je mehr enthaltene Bakterien im Produkt, desto höher die Wirksamkeit!“ Zudem rät der Experte bei Blähungen zu Fenchel-, Anis-, Kümmel- oder Pfefferminztee.

Die richtige Ernährung
Ein wichtiger Aspekt bei Reizdarm ist die richtige Ernährung. „Hier handelt es sich um eine ausgewogene und bedarfsdeckende Ernährung“, erläutert die Wiener Diätologin Sabine Chmelar. „Aus Angst vor Beschwerden wird die Ernährung von Betroffenen oft sehr einseitig, wodurch es zu Mangelerscheinungen kommen kann. Der wichtigste Punkt ist deshalb, dass das Essen möglichst abwechslungsreich gestaltet ist.“ Oft ist es hilfreich, leicht verdauliche Speisen zu essen, „um den Darm nicht zu sehr zu belasten“. Allgemeingültige Empfehlungen, welche Lebensmittel bei Reizdarm gemieden werden sollten, gibt es nicht. „Es gibt aber Lebensmittel und Speisen, die bekannt dafür sind, dass sie Beschwerden verursachen beziehungsweise verstärken können, wie beispielsweise sehr fettes oder scharfes Essen, blähende Lebensmittel, Kaffee oder Alkohol“, gibt Chmelar zu bedenken. „Die Verträglichkeit ist jedoch sehr individuell. Ein Ernährungs- und Symptomprotokoll kann dabei helfen, diese Lebensmittel zu identifizieren.“

FODMAP
Studien zeigen, dass die sogenannte FODMAP-Diät sehr gute Wirksamkeit bei Reizdarm-Patienten erzielt. Hier werden spezielle Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die schwer verdaulich sind und Reizdarm-Beschwerden verstärken können, in den ersten Wochen weggelassen und dann Schritt für Schritt wieder zu sich genommen, um die Verträglichkeit auszutesten. Hier handelt es sich unter anderem um laktosehaltige Milchprodukte, verarbeitetes, fettes oder paniertes Fleisch und Fisch sowie Wurstwaren im Allgemeinen. „Eine FODMAP-
Diät muss unbedingt durch einen Experten betreut werden!“, betont Chmelar, die abschließend rät: „Bei einer Reizdarm-Ernährung kommt es nicht nur auf das WAS, sondern auch auf das WIE an: Ein gutes Ernährungsverhalten mit regelmäßigen Mahlzeiten, ausreichend Zeit zum Essen und gutes Kauen haben sehr viel Einfluss auf die Verträglichkeit des Essens.“

Entspannen Sie sich!
Apropos Stress: „Entspannungsübungen, Stressmanagement und allgemein eine positive Grundhaltung tun unserem Darm gut!“, so Ferlitsch, der zur Bauchhypnose rät, einer speziellen Art von Meditation, mit dem Ziel, das körpereigene Immunsystem und Verdauungsvorgänge zu regulieren: „Zwei von drei Personen sprechen gut darauf an – das ist mehr als bei jeder medikamentösen Therapie!“ Denn es gilt auch umgekehrt: Sind wir weniger gereizt, ist es auch unser Darm.

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