Montag, 20. Mai 2019

Wenn das Herz „Hilfe!“ ruft

Ausgabe 2017.04

Wenn der Körper regelmäßig mit Stress überbelastet wird, nimmt seine Regenerationsfähigkeit immer mehr ab. Ob und wann es an der Zeit ist, die Notbremse zu ziehen, zeigt eine Messung der Herzratenvariabilität.


Foto: © Can Stock Photo - Bialasiewicz

Innere Unruhe, Ein- und Durchschlafstörungen, Antriebslosigkeit, Schwindel, Herzrasen, Kopfschmerzen sowie Magen-Darm-Probleme sind nur einige der vielen Symptome, die auf eine permanente Stressbelastung hinweisen. Wie es in unserem Körper tatsächlich aussieht, kann mithilfe der Herzratenvariabilitätsmessung bildlich dargestellt werden. Denn der Mensch besitzt die Fähigkeit, die Frequenz des Herzrhythmus zu verändern, da das menschliche Herz ständig auf unterschiedliche Situationen reagieren muss. So schlägt es je nach körperlicher Aktivität oder psychischer Verfassung einmal schneller und einmal langsamer. Und genau diese Anpassungsfähigkeit, die die rhythmischen Schwankungen zwischen den einzelnen Herzschlägen beschreibt, wird als Herzratenvariabilität, kurz HRV genannt, bezeichnet.

Denn entgegen der allgemeinen Meinung, ein gesundes Herz müsse regelmäßig schlagen, ist der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Herzschlägen beim gesunden Herz nie ganz gleich, sondern variabel. Der chinesische Arzt Wang Shu-ho erkannte dies schon vor über 1700 Jahren. In seinem Buch „Mai Ching“ schrieb er: „Wenn der Herzschlag so regelmäßig ist wie das Klopfen des Spechts oder das Tröpfeln des Regens auf dem Dach, wird der Patient innerhalb von vier Tagen sterben.“ Im Zusammenhang mit der Herzratenvariabilität spielt das vegetative Nervensystem eine wichtige Rolle. „Bei hoher Variabilität kann man auf ein lebendiges, vitales und funktionstüchtiges vegetatives Nervensystem schließen“, so Dr. Martin Spinka, Allgemeinmediziner und HRV-Spezialist aus Linz. Die Herzratenvariabilität spiegelt sozusagen die Aktivität des vegetativen Nervensystems wider.

Das vegetative Nervensystem steuert den Körper. Über das vegetative Nervensystem werden alle lebenswichtigen Grundfunktionen des menschlichen Körpers unbewusst gesteuert. Es kontrolliert auch einzelne Organe, wie zum Beispiel das Herz. Parasympathikus und Sympathikus als Teil des vegetativen Nervensystems agieren dabei als Gegenspieler. Geraten wir zum Beispiel in eine gefährliche oder stressige Situation, versetzt der Sympathikus den Körper in Alarmbereitschaft: Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, die Pupillen weiten sich. Ist die Gefahr oder die Stresssituation wieder vorbei, kommt der Parasympathikus zum Einsatz. Er beruhigt uns, die Herzfrequenz sinkt und die Lunge benötigt weniger Sauerstoff. „Die Stärken und Schwächen des vegetativen Nervensystems können mithilfe einer Messung der Herzratenvariabilität sichtbar gemacht werden. In der Abbildung der Variabilität in Form eines Spektrogramms lassen sich die Einflüsse von Sympathikus und Parasympathikus bildlich darstellen und differenzieren“, erklärt Dr. Spinka.

Die Flamme des Herzens. Die Standardmessung der HRV erfolgt über ein 24-Stunden-EKG unter Alltagsbedingungen. Der HRV-Messung werden altersspezifische Normwerte zugrunde gelegt. Diese Berücksichtigung ist wichtig, da ab dem 20. Lebensjahr die Herzratenvariabilität um jährlich rund zwei Prozent abnimmt. „Die Herzratenvariabilität wird schon seit einigen Jahrzehnten in der Kardiologie registriert“, weiß Allgemeinmediziner Dr. Spinka. „Ihre Bedeutung hat aber immer mehr zugenommen, da man mittlerweile gelernt hat, die Zusammenhänge der Messergebnisse besser zu deuten und zu interpretieren. So hat man versucht, die Zahlenwerte einer EKG-Messung in einem Farbenspektrogramm darzustellen. Dieses Farbenbild gleicht einer Flamme und zeichnet ein einzigartiges Bild, welches die Funktion des vegetativen Nervensystems widerspiegelt. In der Darstellung des Flammenbildes liegt meiner Meinung nach der wahre Segen dieser Messung. Es dient im Gespräch mit dem Patienten als emotionalisierendes Werkzeug. Denn diese Bilder lassen keinen meiner Patienten kalt. Sämtliche Einflüsse auf die Herzfrequenz können für den Patienten sichtbar gemacht werden. Erschöpfung durch zum Beispiel chronische Stressbelastung drückt sich in einem niedergebrannten Feuerbild aus. Flammende Bilder stellen hingegen Vitalität und Lebendigkeit dar.“ Die Herzratenvariabilitätsmessung gibt also Auskunft über die Anpassungsfähigkeit des Organismus an wechselnde Belastungen. Sie ist ein direktes Maß für die Herzgesundheit. Die Messung wird auch zur Risikoabschätzung von Herzerkrankungen herangezogen. Mit der Messung erhält man ein Bild über den momentanen Spannungsbzw. Entspannungszustand. Je variabler der Herzschlag ist, desto besser arbeitet der Organismus, er ist leistungsfähiger. Je geringer die Variabilität des Herzens, desto höher ist die körperliche und psychische Belastung und desto schlechter kann sich der Organismus an Stresssituationen anpassen. Eine hohe Herzratenvariabilität gilt somit allgemein als Indikator für ein gesundes Herz.

Innere Ruhe. Die Analyse der Messergebnisse gibt Aufschluss über die Balance zwischen Leistungsbereitschaft (=Sympathikus) und Regeneration (=Parasympathikus). Dysbalancen und Blockaden im vegetativen Regulationssystem können mithilfe der Messung nachgewiesen werden. Sie zeigen sich vor allem nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, bei vielen chronischen Erkrankungen, beim Burnout- Syndrom sowie bei Depressionen. Wenn der Organismus also dauerhaft mit Stressreizen überbelastet wird, nimmt seine Erholungsfähigkeit ab und der Parasympathikus wird immer schwächer. Beruflicher und privater Stress sowie körperliche und psychische Erkrankungen sind immer im engen Zusammenhang mit einer geringen Herzratenvariabilität zu sehen. Bei einer geringen Herzratenvariabilität steht also die Stärkung des Parasympathikus im Vordergrund. Doch wie gelingt uns das? Ganz einfach: indem wir uns verschiedenster Methoden bedienen, die den belastenden Stress verringern oder ganz abbauen. So hat sich in den letzten Jahren zum Beispiel die HRV-Biofeedback-Methode bewährt. Während des Trainings lernt man, die sonst unbewussten und automatisch ablaufenden Reaktionen im Körper direkt zu steuern und positiv zu beeinflussen. Die Fähigkeit der Selbstregulation wird dadurch Zug um Zug gefördert. Auch eine bewusste Atmung ist ein direkter Weg, den Parasympathikus zu trainieren. Wichtig ist es auch, Leistungsgrenzen zu erkennen und ein vernünftiges Zeitmanagement zu entwickeln. Außerdem sollte man lernen, Ruhephasen bewusst zu leben. Je aufmerksamer man mit sich selbst umgeht, umso ausgeprägter wird das eigene geistige und körperliche Wohlbefinden. Denn eine Dauerbelastung kann auch in einer Depression oder in einem Burn-out münden. Lassen Sie es nicht so weit kommen und ziehen Sie rechtzeitig die Notbremse! Bei der Messung der Herzratenvariabilität handelt es sich um eine Privatleistung. Die Honorarnote kann bei der Krankenkasse eingereicht werden, die üblicherweise einen Teil des Honorars refundiert.

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