Mittwoch, 18. September 2019

Wege aus der Sucht

Ausgabe 02.2015
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Rotwein zwecks Entspannung, Schokolade als Seelenschmeichler oder das Roulettespiel für den Nervenkitzel – unser Alltag bietet viele Verlockungen. Wir zeigen, ab wann aus Genuss Verdruss wird, wodurch ein Suchtkreislauf entsteht und wie man ihn unterbricht.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Zinkevych

Hedonistisch und „süchtig“ nach Glück, streben wir nach Freude im Leben und lassen die Endorphine gerne tanzen: Egal, ob es sich um die ausgedehnte Shoppingtour, das Bier nach Büroschluss, die Zigarette „danach“ oder den Ein-Liter-Behälter Popcorn im Kino handelt – wir konsumieren gerne Dinge oder legen Verhaltensweisen an den Tag, von denen wir uns eine wohltuende Wirkung erwarten. So weit, so gefährlich. Denn: Die Suche nach Lustbefriedigung kann, bei mangelnder Selbstregulation, in einem Kontrollverlust, in einer exzessiven Hingabe münden – und anhalten. Selbst wenn einem bewusst ist, dass man weniger trinken, rauchen, spielen, kaufen oder essen sollte, um seine körperliche und psychische Gesundheit nicht zu gefährden, wird die Dosis stetig erhöht. Und sie macht bekanntlich das Gift. Obwohl in der öffentlichen Wahrnehmung Sucht nur dort gesehen wird, wo Gesetze gebrochen werden, kann letztlich alles abhängig machen. „Heute unterscheidet man zwischen stoffungebundenen Suchtformen wie Spiel-, Arbeits-, Ess- oder Mediensucht und stoffgebundenen Süchten z. B. nach Koffein, Nikotin, Alkohol, Medikamenten (legale Drogen) oder nach Cannabis, Kokain, Heroin, LSD oder Amphetaminen (illegale Drogen)“, so Elisabeth Heller, Sozialpädagogin und Psychotherapeutin in Wien. Die Nase vorn hat in Österreich eindeutig der Nikotinkonsum. Rund 2,8 Millionen Menschen inhalieren regelmäßig den blauen Dunst. Auf Platz zwei rangiert die Kauf-, auf Platz drei die Alkoholsucht. Danach reihen sich Medikamenten-, Internet-, Glücksspiel- und Opiatsucht sowie Bulimie und Magersucht.

Wirklich süchtig?

Zwischen Lust und Sucht

Es liegt ein schmaler Grat zwischen Lust und Sucht, der sich schon in unserer Sprache bemerkbar macht: „Ohne meinen Kaffee am Morgen geht gar nichts“ oder „Ich bin süchtig nach Schokolade“ sind nur einige Redewendungen, die das deutlich machen. Der etymologische Hintergrund des Worts „Sucht“ (germanisch „siech“ = Siechtum) weist aber im Gegensatz zur Lust auf eine Erkrankung hin. Offiziell, so sind sich Experten sicher, kann die Abhängigkeitsdiagnose dann gestellt werden, wenn während des letzten Jahres drei oder mehrere der folgenden Merkmale gleichzeitig vorhanden waren (Abhängigkeitssyndrom nach ICD 10):

• der oft übermächtige Zwang, psychotrope (= auf die Psyche einwirkende) Substanzen zu konsumieren
• eine verminderte Kontrollfähigkeit
• ein körperliches Entzugssyndrom nach Beendigung oder Reduktion des Konsums
• der Nachweis einer Toleranz, die mit einer Erhöhung der Dosis einhergeht
• die fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen
• der anhaltende Konsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen

Multifaktorielle Ursachen. Warum so mancher gelegentlich ein Glas Wein genießt und ein anderer selbst nach einer ganzen Flasche Wein noch nicht genug hat, ist Gegenstand eines interdisziplinären Forschungsgebiets. Gibt es so etwas wie eine „Suchtpersönlichkeit“? Gefunden hat sie bislang keiner. „Allerdings gibt es wissenschaftliche und statistische Hinweise auf eine gewisse ,Anfälligkeit‘ bestimmter Personen für Suchtverhalten: einerseits aufgrund biologischer/genetischer Voraussetzungen, andererseits aufgrund entwicklungsgeschichtlicher Bedingungen wie Störungen in der pränatalen Entwicklung oder dem Aufwachsen bei süchtigen oder psychisch erkrankten Eltern“, erklärt Heller. Der deutsche Psychotherapeut Ralf Schneider zählt in seiner „Suchtfibel“ auch einige Eigenschaften auf, die man unter Süchtigen relativ häufig findet. Dazu gehören eine geringe Frustrationstoleranz, soziale Anpassungsprobleme, eine Tendenz zur Problemvermeidung, Selbstunsicherheit oder die mangelhafte Wahrnehmung eigener Gefühle. Vor allem seelische Belastungen lösen Suchtverhalten aus. Die Betroffenen erwarten sich von speziellen Substanzen oder Verhaltensweisen etwas Angenehmes oder wollen Unangenehmes verdrängen. Oft vergeblich: „Eine Sucht beruht in vielen Fällen auf dem misslungenen Versuch, seine Seele selbst zu behandeln“, ist sich Christoph Lagemann, Leiter des Instituts Suchtprävention pro mente in Linz, sicher. Meistens ist die Suchtentwicklung als dynamischer Prozess zu begreifen: „Sie setzt sich aus Vorgeschichte, Einstieg, Gewöhnung und Sucht zusammen und entsteht in einem Ursachendreieck auf drei Ebenen. Die Persönlichkeitsebene subsumiert genetische und biografische Faktoren, das soziale Umfeld wiederum Freunde, Beruf oder Kultur. Die psychoaktive Substanz entscheidet u. a. letztlich darüber, wie schnell man abhängig wird“, erläutert Lagemann. Wer demnach hohe personale und soziale Schutzfaktoren aufweist, ist gegen Süchte weitgehend resistent. Dazu gehören:

  • Beziehungs- und Konfliktfähigkeit
  • hohe Eigenaktivität
  • ausreichende Bewältigungsstrategien für schwierige Lebenssituationen
  • Genuss- und Erlebnisfähigkeit
  • gutes Familienklima
  • stabiles soziales Netz
  • Zugang zu Information und Bildung etc.

 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wege aus der Sucht
Seite 2 Dopamin als Auslöser

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