Freitag, 18. August 2017

Wecke das Kind in dir!

Ausgabe 2017.06
Seite 1 von 2

Wann haben Sie das letzte Mal nicht daran gedacht, was gestern Stress verursacht hat? Oder morgen Probleme bringen wird? Wann haben Sie nur den Moment genossen? Oder neugierig eine für Sie unbekannte Gegend erkundet? Oder wann sind Sie zuletzt lachend über eine Blumenwiese gelaufen? Das ist vermutlich schon lange her. Dabei würde es so guttun, einfach mal wieder … Kind zu sein!


Foto: iStock - gruizza

Von den Kindern kann man leben lernen und selig werden“ – was Johann Wolfgang von Goethe Ende des 18. Jahrhunderts zu Papier brachte, hat nach wie vor Bedeutung. Denn: Wenn es darum geht, unbeschwert, offen, vorurteilsfrei und spontan durch die Welt zu gehen, haben uns Kinder einiges voraus. „Ihre Gedankenwelt ist noch nicht überfrachtet von Erfahrungen, Eindrücken, Ängsten und Wertekategorien“, erklärt Mag. Martina Bienenstein. „Gerade durch diesen offenen und reinen Geist gelingt es ihnen, das Leben unbeschwert zu genießen.“ In GESÜNDER LEBEN erläutert die Wiener Psychotherapeutin und Pädagogin, was wir von unseren Kleinen lernen und wie wir unser Leben dadurch entschleunigen können.

Im Hier und Jetzt leben!
Wir alle kennen es: Das Grübeln über Vergangenes und die Angst vor Zukünftigem. Erwachsene verbringen viel Zeit damit, über Dinge nachzudenken, die sie nicht mehr ändern können, oder sich auf Sorgen vorzubereiten, die noch gar nicht da sind – und vielleicht auch nie kommen. Wie viel Zeit wohl Kinder dafür aufwenden? Gar keine! Denn: Kinder sind spontan und reagieren auf den Moment. Sie leben in der Gegenwart. „Damit geht einher, dass Kinder groß im Verzeihen sind: Streit ist schnell wieder vergessen, Traurigkeit wird anders verarbeitet“, erklärt Martina Bienenstein. „Sie lösen Situationen für sich und gehen dann weiter, sie verharren nicht in Problemen.“ Wer versucht, sich diese Fähigkeit anzueignen, kann einiges an unnötigem Ballast loswerden.

Tipp: Wenn Sie das nächste Mal im Gedankenkarussell festhängen, atmen Sie tief ein und sagen Sie sich bewusst: „Ich kann Vergangenes nicht ändern und Zukünftiges nicht beeinflussen. Ich genieße den Moment.“

Kindermund tut Wahrheit kund!
Kinder sind nicht gerade Meister der Diplomatie. Sie sprechen aus, was sie denken – und das manchmal recht unverblümt. Wir Erwachsenen sind oft gehemmt, unsere eigene Meinung kundzutun. Gedanken wie „Ist das gesellschaftlich akzeptiert?“, „Was denken die anderen, wenn ich das jetzt sage?“ oder „Ich schweige lieber, sonst stehe ich mit meiner Meinung ganz alleine da“, hemmen uns oft, das zu sagen, was wir denken.

Tipp: Natürlich ist es nicht ratsam, den Chef bei der nächsten Gelegenheit auf die Nase zu binden, was Sie wirklich von ihm denken. „Aber trauen Sie sich ruhig öfter, zu Ihrer Meinung zu stehen, auch mit dem Risiko, manchmal nicht die Zustimmung anderer zu finden. Es wirkt befreiend“, rät Bienenstein.

Vergeben und vergessen!
Wenn sich Kinder streiten, kann es oft rau zugehen. Es wird geschrien, gestoßen, an den Haaren gezogen. Tränen fließen. Doch während ein Konflikt oder Streit bei Erwachsenen noch lange mental nachhängt, spielen die Kleinen schon längst wieder miteinander. „Vergeben und vergessen“ lautet das Motto. „Kinder sind nicht nachtragend. Während wir noch darüber nachdenken, ob wir Lehrer informieren, mit den Eltern des anderen Streitpartners sprechen oder andere Erziehungsmethoden ergreifen sollen, ist es für das Kind schon oft längst kein Thema mehr“, so die Psychologin.

Tipp: Versuchen Sie, nach dem nächsten Streit mit dem Partner, der Freundin oder dem Kollegen, die Welt mit Kinderaugen zu betrachten: War der Konflikt wirklich so schlimm? Lohnt es sich, nachtragend zu sein? Kann ich den ersten Schritt zur Versöhnung machen?

Keine Angst!
Kinder kommen vorurteilsfrei zur Welt und das bleiben sie zunächst auch. Sie gehen spontan durch das Leben, begegnen Unbekanntem mit Neugier und Fremden mit Offenheit. „Kinder lassen sich auf ihr Gegenüber ein, das Rundherum ist für sie nicht wichtig“, erklärt die Psychotherapeutin. „Sie entscheiden nach Intuition und Gefühl, ob die Person sympathisch ist. Ob sie anders aussieht, eine andere Hautfarbe hat, selbst ob sie eine andere Sprache spricht, ist unwichtig.“ Erwachsene hingegen sind durch ihre Erfahrungen, durch Schlagzeilen, durch Erzählungen und vor allem durch Ängste beeinflusst. „Vorurteile basieren oft auf Ängsten. So hegen viele Menschen Vorurteile gegen Ausländer aus der Angst heraus, sie könnten uns Jobs wegnehmen“, so Bienenstein. „Auch unser gesamtes medizinisches System ist auf der Angst vor Krankheiten aufgebaut.“ Sind solche Ängste und Vorurteile vorhanden, sei ein Aufeinanderzugehen nahezu unmöglich.

Tipp: Wie lässt sich nun das erwachsene Gehirn von Ängsten und Vorurteilen befreien und wieder kindliche Offenheit erreichen? „Beschäftigen Sie sich mit den Themen, die Angst machen. Schauen Sie sich Statistiken an, hinterfragen Sie Behauptungen, nehmen Sie sich die Zeit, zu hinterfragen, wo spezifische Vorurteile herkommen könnten und was an Ängsten dahintersteckt“, rät die Expertin. Oft zeigt ein Realitäts-Check, dass die in uns steckende Angst unbegründet ist.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Wecke das Kind in dir!
Seite 2 Lust auf Neues!

Unser E-Paper

cover 2017-07-08 130x173

Heft 07-08/2017

Die nächste Ausgabe erscheint am 7. September

Aktuelle Online Umfrage

Immer mehr Studien deuten auf einen Zusammenhang von Psyche und Darmgesundheit hin. Ihre Erfahrung?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information

SERVICE