Sonntag, 22. September 2019

Wann helfen Antibiotika?

Ausgabe 2014.11


Foto: © Can Stock Photo Inc. - aaronamat

Wenn es um die Einnahme von Antibiotika geht, ist man sich heutzutage sowohl unter Medizinern als auch Patienten uneins. Euphoriker, die das Arzneimittel als Allheilmittel bejubeln, stehen den Skeptikern gegenüber, die vor Nebenwirkungen bis hin zu lebensbedrohlichen Resistenzen warnen. Der kritische Diskurs ist aber in erster Linie auf die oft zu leichtfertige Verabreichung zurückzuführen. Denn: Richtig angewandt leisten Antibiotika äußerst wertvolle Dienste für unsere Gesundheit und können sogar Leben retten. „Antibiotika sind Arzneistoffe, die das Wachstum von anderen Mikroorganismen hemmen oder abtöten. Sie zerstören entweder die Zellwand der Bakterien oder verhindern deren Vermehrung bzw. die Zellversorgung", erklärt die Wiener Apothekerin Mag. pharm. Dr. Isabella Gazar. Als Entdecker des Penizillins, Synonym für Antibiotika, gilt der schottische Bakteriologe und Nobelpreisträger Alexander Fleming, der 1928 durch Zufall auf den antibakteriellen Effekt des Schimmelpilzes stieß, den Anstoß für die industrielle Herstellung gab und damals für eine medizinische Sensation sorgte. Kein Wunder: Zuvor verstarben zahlreiche Menschen bereits an kleinen infizierten Wunden oder bakteriell bedingten Lungenentzündungen. Heute sind Antibiotika längst fixer Bestandteil der Apothekenregale. Man unterscheidet je nach Angriffsort und Wirkungsmechanismus zwischen verschiedenen Antibiotika-Gruppen. „Zu den bekanntesten zählen die Penizilline, Cephalosporine, Makrolide, Tetrazykline, Aminoglykoside, Gyrasehemmer, Glykopeptide oder Sulfonamide. Es gibt aber auch neue Antibiotika, die sich nicht in bestimmte Gruppen einteilen lassen", so Gazar.

Die Dosis macht’s. Antibiotika wirken immer nur gegen bakterielle Infekte wie z. B. Mandelentzündungen oder Harnwegsinfekte, daher sind sie bei viralen Erkrankungen völlig effektlos. Bei einem banalen Schnupfen, der durch Rhinoviren ausgelöst wurde, kann man also getrost auf sie verzichten. Siedeln sich aber in weiterer Folge, beispielsweise in den Nebenhöhlen, Bakterien an, kann ein vom Arzt verschriebenes Antibiotikum notwendig werden. Im Idealfall identifiziert oder vermutet dieser den Erregerkeim, definiert die Behandlungsbedürftigkeit mittels Antibiotikum und entscheidet sowohl über die Art, Dosierung und Einnahmedauer des Arzneimittels, das in Tablettenform, als Saft oder als Infusion verabreicht wird. Ebenfalls berücksichtigen Mediziner bei der Antibiotika-Selektion das Alter des Patienten, eine etwaige Schwangerschaft, eingeschränkte Nieren- und Leberfunktionen und – ganz wichtig – vorhandene Allergien. Kinder sollten nach der Devise „So selten wie möglich, aber so oft wie nötig" behandelt werden. Die Dosierung richtet sich bei den Sprösslingen nach dem Körpergewicht.

Darauf sollten Sie achten. Die weitere Verantwortung liegt beim Patienten selbst, denn nur richtig eingenommen können Antibiotika heilen. Gazar: „Antibiotika sollten immer nur mit Wasser eingenommen werden. Manche Wirkstoffe können mit den Mineralstoffen aus Milchprodukten Komplexe eingehen und dann nicht mehr ausreichend wirksam sein. Dies gilt auch für Milch im Frühstückskaffee." Der gleichzeitige Genuss von Alkohol sollte auch vermieden werden, um Wechselwirkungen vorzubeugen. Außerdem sollte man sich im Rahmen einer Antibiotikabehandlung nicht intensivem Sonnenlicht aussetzen, da die Haut äußerst sensibel reagieren kann.

Wichtig: Therapietreue. Brechen Sie die Therapie auch nicht vorzeitig ab und halten Sie sich an die Empfehlungen Ihres Arztes. Sind nämlich nicht alle Bakterien restlos abgetötet, können sie sich schnell wieder vermehren und der Infekt kehrt zurück. Wer Antibiotika zu kurz oder unsachgemäß einnimmt, läuft zudem Gefahr, eine Resistenz zu entwickeln. Dabei bilden Bakterien einen Schutzmechanismus vor dem Medikament, wodurch es unwirksam wird. Es entstehen multiresistente Keime, die nur schwer behandelbar sind. „Bekanntes Beispiel für ein Bakterium, das inzwischen gegen mehrere Antibiotika resistent ist, ist Staphylococcus aureus (MRSA), ein typischer Krankenhauskeim", erläutert Gazar.

Prävention vor Durchfall und Pilz. Nebenwirkungen können hingegen auch bei sachgemäßer Einnahme entstehen. Im Darm leben beispielsweise sehr viele „gute" Bakterien, die wir zur Verdauung brauchen. Fallen auch diese dem Antibiotikum zum Opfer, entsteht typischerweise Durchfall. Zwecks Prävention können Probiotika, welche die nötigen Darmbakterien in einer geschützten Form enthalten, zugeführt werden. Ähnlich wie im Darm töten Antibiotika auch die für die normale Scheidenflora wichtigen Milchsäurebakterien ab. „Fehlen diese säureproduzierenden Bakterien, wird der pH-Wert in der Scheide so verändert, dass sich Pilze gut ansiedeln können. Die beste Vorbeugung ist, diese Bakterien entweder in vaginaler oder aber – was wenige wissen – auch in oraler Form anzuwenden", so Gazar.

 

Achtung!

Falls zwei bis drei Tage nach einer allfälligen Antibiotika-Kur keine Verbesserung der Beschwerden eintritt oder sogar Fieberzustände anhalten, sollten Sie umgehend Ihren Arzt aufsuchen. Er muss alle Ursachen eines Therapieversagens erwägen, gegebenenfalls das wirkungslose Medikament absetzen und nach einer mehrtägigen Antibiotikapause erneut eine Diagnostik durchführen.

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