Vorsicht, Stolpergefahr!

Ausgabe 2020.04

Brüche, Verstauchungen oder Prellungen – ein Sturz hat oft schwerwiegende Folgen, besonders für Senioren, die ohnehin öfter stürzen als junge Menschen. Umso wichtiger: eine umfassende Sturzprophylaxe, die Risikofaktoren erkennt und beseitigt.


Foto:© iStock-Nastasic

Laut der Unfallbilanz des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) verletzten sich im Jahr 2018 insgesamt 782.200 Menschen bei einem Unfall so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die meisten Unfälle passierten – genauso wie die Jahre zuvor – im Haushalt: 308.300 Menschen verletzten sich zu Hause. Auf dem zweiten Platz: Unfälle in der Freizeit beziehungsweise beim Freizeitsport (280.400 Verletzte), gefolgt von Straßenverkehrsunfällen (46.525 Verletzte).

Risikogruppe Senioren
Neben Kindern sind besonders ältere Menschen von Unfällen betroffen: Sie stürzen häufiger, meist mit schweren Folgen. „Ich arbeite seit bereits mehr als 20 Jahren im Bereich der Altenpflege und da ist die Sturzgefahr immer Thema Nummer eins!“, bestätigt Bettina Kiefl, Pflegedirektorin des Reha-Klinikums Malcherhof in Baden bei Wien. Circa die Hälfte aller über 70-Jährigen sind bereits einmal oder mehrmals gestürzt. „Aufgrund von Alterungsprozessen nehmen Muskelkraft, Gleichgewichtssinn, Koordination und Beweglichkeit mit zunehmendem Alter ab. Die Folge: ein größeres Sturzrisiko“, erklärt die Expertin. „Natürlich können auch andere Grunderkrankungen Einfluss auf eine erhöhte Sturzneigung haben, wie zum Beispiel Blutdruckschwankungen, Schmerzen, Schwindel oder Gefühlsstörungen in den Beinen.“ Auch Depressionen führen zu einem erhöhten Sturzrisiko. Aufgrund ihres beruflichen Alltags weiß Kiefl, dass nicht zuletzt auch die Risikoeinschätzung mit dem Alter nachlässt und Senioren nicht selten zu Selbstüberschätzung neigen: „Stolpern auf dem nächtlichen Weg zur Toilette, weil kein Licht angemacht wird, oder Stürze von Leitern, weil unbedingt das Fenster geputzt werden muss, sind leider nichts Seltenes!“

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Häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit

Natürlich: Stürze können für alle Menschen gefährlich sein, betont Kiefl: „Ein Sturz ist immer ein dramatisches Erlebnis, unabhängig vom Alter des Menschen und vom Ausmaß der Verletzung!“ Für ältere Personen aber ziehen sie oft besonders dramatische Folgen nach sich: Weil die Festigkeit der Knochen abnimmt, kommt es leichter zu Frakturen, allen voran am Oberschenkelhals, im Beckenbereich, am Oberarm oder am Unterarm. „Zudem beeinträchtigt ein Sturz auch die Psyche: Er löst Angst und Unsicherheit aus“, so Kiefl. Viele Betroffene trauen sich nicht mehr, aktiv und unbeschwert ihrem Alltag nachzugehen, da sie einen weiteren Sturz befürchten. Dadurch entsteht eine große Unsicherheit in der Bewegung, die aber Stürze erst recht begünstigt – ein Teufelskreis also. Meist müssen die Brüche operiert werden, was Schmerzen und einen langen Regenerationsprozess nach sich zieht. Nicht alle Patienten erholen sich nach einem (schweren) Sturz vollständig, was mit erheblichen Einschnitten in die bisherige Lebensführung einhergeht: „Personen, die vor dem Sturz aktiv und selbstständig gelebt haben, benötigen nun Unterstützung im Alltag, beispielsweise beim Einkaufen, bei der Wohnungsreinigung oder der Körperpflege – oder schon, wenn es um das Aufstehen aus dem Sessel geht.“ Manchmal wird sogar ein Umzug in ein Pflegeheim notwendig, gibt die Expertin zu bedenken: „Bezogen auf das Alter ist der Sturz die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit.“


 

Unterschiedliche Risikofaktoren
Eine sogenannte Sturzprophylaxe nimmt folglich bei älteren oder gehbehinderten Menschen einen besonders hohen Stellenwert ein. „Eine Sturzprophylaxe hat das Ziel, Stürze und Sturzfolgen zu vermeiden, indem ursächliche Risiken und Gefahren erkannt und so gut als möglich beseitigt werden.“ Spricht man von Risikofaktoren, unterscheiden Experten zwischen personenbezogenen und umgebungsbezogenen Risikofaktoren. Unter Erstgenanntem versteht man alle Ursachen, die beim Menschen selbst liegen, erklärt Kiefl – das können Grund- oder Vorerkrankungen (Schlaganfall, Herzinfarkt, Rheuma, etc.) sein oder aber auch Nebenwirkungen von Medikamenten oder falsche Dosierungen. Auch ein Zuwenig an Flüssigkeitsaufnahme ist oft für Stürze verantwortlich, da es Kreislaufbeschwerden, zum Beispiel plötzlichen Schwindel, verursacht. „Aber auch unpassendes Schuhwerk oder, dass im Stehen die Socken oder die Schuhe angezogen werden, kann zu gefährlichen Stürzen führen.“ Die umgebungsbezogenen Risikofaktoren umfassen unter anderem eine unzureichende Beleuchtung in den Wohnräumen, Teppiche am Boden, zu hohe Küchenkästen, keine rutschfeste Matten im Badezimmer, herumliegende Kabel oder zu niedriges Mobiliar. „Auch zwischen die Beine springende Haustiere können gefährlich werden!“

Sturzprävention
Die Sturzprävention beinhaltet vor allem das Beseitigen oben genannter Risikofaktoren. „Entfernen Sie alle möglichen Stolperfallen in Ihrer unmittelbaren Umgebung!“, rät Kiefl nachdrücklich. Kabel sollten zusammengerollt und an der Wand entlang montiert, Gegenstände wie Schirmständer oder auch Blumen in Ecken, wo sie nicht stören, platziert werden. Verwenden Sie für Teppiche eine rutschfeste Unterlage, die Teppichecken sollten mit doppelseitigem Klebeband befestigt werden. „Im Badezimmer sind rutschfeste Matten sowie Haltegriffe an WC, Dusche oder Badewanne das A und O!“, betont die Expertin, die auch einen Umbau von Badewanne zu Dusche (eventuell mit Sitz) anregt. Treppen sollten unbedingt mit beidseitigen Handläufen in einer Höhe von circa 90 Zentimetern ausgestattet werden, das Geländer sollte jeweils 30 Zentimeter über Anfang und Ende der Treppe hinausragen. Es hilft zudem, die jeweils ersten beziehungsweise letzten Stufen farblich zu markieren. „In der Küche sollten sich alle Utensilien in Griff- und Augenhöhe befinden, um ein Strecken des Körpers beziehungsweise Bücken zu vermeiden!“ Alle Räume müssen gut ausgeleuchtet sein, in der Nacht sind Bewegungsmelder zu empfehlen. Im Garten sind herumliegende Gartenschläuche oder sonstige Gartenwerkzeuge gefährliche Stolperfallen, die Gartenmöbel müssen standsicher sein und sollten keine Rollen haben. Generell darf das Mobiliar nicht zu niedrig sein, da sonst das Aufstehen erschwert oder gar unmöglich gemacht wird.

Hilfsmittel erleichtern den Alltag
„Bitte steigen Sie nicht auf Leitern oder gar auf einen Sessel oder Tische!“, redet Kiefl allen übereifrigen Senioren nachdrücklich ins Gewissen. „Bitten Sie beim Fensterputzen oder ähnlichen Arbeiten jemanden um Hilfe!“ Auch ist es ratsam, bei Schlechtwetter wie Schnee, Eis oder auch starkem Regen nicht nach draußen zu gehen. „Stattdessen kann das Mittagessen telefonisch oder online bestellt werden, zahlreiche Supermärkte bieten zudem Lieferservice an.“ Wenn es trotzdem sein muss, ist hier ein Gehstock (im Winter bestenfalls mit Eisdorn) eine hilfreiche Stütze, bei Einkaufstaschen ist ein Trolley die beste Wahl (Kiefl: „Je größer die Reifen, desto besser die Handhabung!“). Apropos: Für Gehhilfen wie einen Stock oder einen Rollator muss man sich nicht schämen! „Wichtig ist aber, dass diese auf die Körpergröße richtig abgestimmt sind!“ Greifzangen helfen, hinuntergefallene Gegenstände aufzuheben, im Winter können der Gehstock gegen Krücken eingetauscht und die Schuhe mit Spikes versehen werden. Was sogenannte „Sturzhosen“ (sind an der Hüfte besonders stark gepolstert) betrifft, ist Pflegedirektorin Kiefl skeptisch: „Es gibt unterschiedliche Studienergebnisse bezüglich ihrer Wirksamkeit.“ Gutes und passendes Schuhwerk ist um einiges wichtiger, meint die Expertin – egal ob in der Natur oder in den eigenen vier Wänden.

Bewegen Sie sich!
Ansonsten gilt, wenn es um das Vermeiden von Stürzen geht: Bewegung, Bewegung, Bewegung! Nordic Walking, rasches Spazierengehen, Schwimmen, Krafttraining unter Aufsicht oder auch Yoga oder Qigong helfen, den Körper fit zu halten, so Kiefl. Keine Sorge: Sie müssen sich nicht verausgaben, auch aktive Bewegung im Alltag (Treppensteigen, zu Fuß gehen) kräftigt die Muskeln. Zudem rät Kiefl, regelmäßig einen Gesundheitscheck beim Hausarzt durchführen zu lassen, ausreichend zu trinken sowie die Medikamenteneinnahme stets genau nach Vorgaben des Arztes zu befolgen. „Generell ist beim Thema Sturzprophylaxe eine ärztliche und pflegerische Beratung sinnvoll!“

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