Dienstag, 19. November 2019

Vom Überleben zum Leben

Ausgabe 2019.10
Seite 1 von 2

Rehabilitation nach dem Krebs: Sie hilft Patienten, nach den ungeheuren Anstrengungen einer Akuttherapie neue Kräfte zu sammeln – physisch wie psychisch. Studien zeigen, dass eine Reha das Leben verlängert und die Lebensqualität signifikant verbessert.


Foto: iStock-vadimguzhva

Im Krankenhausalltag bleibt meist wenig Zeit, um sich den Herausforderungen von Menschen mit chronischen Erkrankungen zu stellen, denn der Druck auf die Betreuungsteams durch die Arbeitszeitverdichtung, die neuen Therapiemöglichkeiten und wachsenden Ansprüche von Patienten und Angehörigen nimmt zu“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger, Primarius für Psychoonkologie des Comprehensive Cancer Centers der Medizinuniversität Wien im Wiener AKH. „Daher hat die Rehabilitation als Teil eines onkologischen Gesamtkonzeptes einen entscheidenden Platz als Bindeglied zwischen Akutbetreuung und Nachsorge.“ Die onkologische Rehabilitation ist wegen der Besonderheiten der Krebserkrankung und ihrer Behandlung, die sie von anderen chronischen Erkrankungen oder Unfällen unterscheidet, besonders wichtig. Gaiger: „Die Ursache der Erkrankung ist häufig unbekannt. Dazu kommt die gesellschaftliche Tabuisierung der Krankheit und ihrer Therapie, Stichwort Stigma Chemotherapie. Das zeigt sich auch in der Sprache mit Ausdrücken wie bösartige Erkrankung, schlechte versus gute Zellen. So etwas findet man mit Ausnahme einiger Infektionskrankheiten bei anderen Krankheiten nicht. Die Therapie dauert lang und es gibt eine große Zahl an Nebenwirkungen. Darüber hinaus besteht eine lang dauernde Ungewissheit, ob Heilung eingetreten ist.“

Körper und Psyche
Ein Tumor lässt sich meist mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen. Im Gegensatz dazu kann man das soziale Gewicht der Krebserkrankung, die Gedanken und Gefühle der Betroffenen nicht so einfach messen. „Die Diagnose Krebs bedeutet für den Patienten eine akute Krisensituation, der viele weitere Herausforderungen folgen. Mit der modernen Radiologie und Labortechnik können wir zwar viele Erkrankungen darstellen, was aber offen bleibt, ist die Psyche des Patienten und sein gesamtes von der Erkrankung betroffenes Familiensystem“, weiß Gaiger. Und weiter: „Alleine die Wortwahl Krebs ist schon unglücklich, sie bezeichnet nichts Konkretes. Dabei gibt es so viele verschiedene Arten von Tumoren mit ganz unterschiedlichen Verläufen. Auch unser kultureller Umgang mit Krebs ist bedenklich, denn oft steht im Raum, dass der Patient durch seinen Lebensstil selber schuld daran ist.“

Dreifache Krise
Eine Tumorerkrankung bedeutet nicht nur einen entscheidenden Einschnitt auf persönlicher Ebene, sondern betrifft das gesamte Lebensumfeld des Patienten. Es beeinträchtigt die Sexualität, verändert die Rolle als Vater oder Mutter, als Familienmitglied und es hat Auswirkungen auf sozialer Ebene: Die lange Krankheitsdauer birgt die Gefahr eines Verlusts des Arbeitsplatzes, verbunden mit einem sozialen Abstieg durch Einkommensverlust mit oft existenzbedrohenden finanziellen Folgen für die gesamte Familie.

Wenn ist Reha sinnvoll?

Grundsätzlich ist Reha bei jeder Art von Tumor zu empfehlen. Besonders häufige Indikationen sind Brustkrebs, Eierstock- und Gebärmutterkrebs, Prostatakrebs, Blasenkrebs, Lymphome. Etwa drei bis sechs Wochen nach Ende der primären Therapie im Spital empfiehlt sich der Beginn der Reha.

Tipp Wenn Sie eine Tumorerkrankung haben, fragen Sie im Spital oder beim Hausarzt nach einer Reha! Der Arzt klärt die medizinische Notwendigkeit ab und stellt mit Ihnen gemeinsam den Antrag auf Rehabilitation. Wenn der Antrag von Ihrem Sozialversicherungsträger bewilligt wird, erhalten Sie eine Kostenübernahmeerklärung.

Spitzenleistung
„Die Bewältigung einer Tumorerkrankung ist eine körperliche Spitzenleistung, absolut vergleichbar mit der Leistung von Spitzensportlern wie Marcel Hirscher. Aber Sportler haben im Gegensatz zu Krebspatienten Sommerpausen und Ruhephasen. Der Körper eines Patienten ist häufig komplizierten Kombinationstherapien mit Chemotherapie, Strahlentherapie, Chirurgie, Immuntherapie, Hormontherapie ausgesetzt. Zellen werden zerstört, neue Zellen müssen sich bilden, das gesamte Hormonsystem muss sich umstellen. Der Körper vollbringt Spitzenleistungen, und zwar ohne dass sich der Mensch – im Unterschied zum Sportler – darauf vorbereiten kann! Trotzdem halten die Patienten über Monate durch, ohne sich auszuruhen“, betont Professor Gaiger. „Oftmals spüren die Patienten erst am Ende der Therapien, wie erschöpft sie sind. Zu Hause müssen sie aber weiterhin Medikamente einnehmen und fragen sich, bin ich jetzt gesund oder krank. Alle Reaktionen nach Abschluss der primären Behandlung wie Müdigkeit, Erschöpfung, Geruchs- und Geschmacksbeeinträchtigungen, Gewichtsverlust, Missempfindungen, Polyneuropathien, Konzentrationsschwäche, Traurigkeit und Depressivität, Schlafstörungen, Veränderungen der Stimmungslage und der Sexualität sind völlig normal! Oft werden sie aber als Krankheit interpretiert. Dabei sind es die Folgen der Spitzenleistung!“ Professor Gaiger ist seit 32 Jahren onkologisch tätig, davon sechs Jahre in einem führenden Krebsforschungszentrum in Seattle, USA. Seit 2014 leitet er die Abteilung für onkologische Rehabilitation im Wiener AKH. „Je länger ich onkologisch arbeite, umso mehr bewundere ich die körperliche und psychische Leistung meiner Patientinnen und Patienten.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Vom Überleben zum Leben
Seite 2 Das Gesundenhaus

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-11 130x173

Aktuelles Heft 11/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 6. Dezember

 

Unsere Ausgabe 10/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Advent/Weihnachten/Jahreswechsel bedeutet für viele Stress pur. Wie gehen Sie damit um?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information