Freitag, 24. Mai 2019

Volkskrankheit Reizdarm

Ausgabe 09/2013
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Rund eine Million Österreicher leidet unter einem Reizdarm – oftmals ein Zeichen für Stress! Wir sagen, warum Frauen öfter Probleme damit haben und was Sie dagegen tun können.


Foto: Can Stock Photo Inc. - bds

Von Krämpfen im Oberbauch, Übelkeit bis zu Verstopfung und Durchfall: Verdauungsprobleme sind (häufig) weiblich, schließlich leiden Frauen dreimal so oft unter Verdauungsproblemen wie Männer. Dazu beitragen könnten anatomische Unterschiede: So liegt beispielsweise der Magen bei Frauen oft etwas tiefer und steiler als bei Männern, außerdem hat frau weniger Magensäure und die Magenentleerung dauert etwas länger. „Ein besonders wichtiger Punkt ist aber das große Nervengeflecht, das sich im Darm befindet und das aus bis zu 100 Millionen Nervenzellen besteht", weiß Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Expertin für Endokrinologie und Stoffwechsel an der MedUni Wien sowie Österreichs erste Professorin für Gender Medicine. Dieses sogenannte Enterische Nervensystem, umgangssprachlich auch Bauch- bzw. Darmgehirn genannt, führt dazu, dass der Darm, der übrigens die Größe eines Fußballfeldes hat, würde man ihn ausbreiten, extrem sensibel ist. Im Normalfall – und das gilt für beide Geschlechter – rufen kleine Blähungen (bis zu 20 Winde pro Tag gelten als normal bzw. sind sogar wichtig, weil dadurch Darmgas ins Freie gelangt) oder Kotansammlungen im Darm keine Beschwerden hervor. Es kommt aber immer häufiger vor, dass viele Menschen die ganz normale Verdauung als schmerzhaft empfinden, so die Medizinerin: „Die Betroffenen rennen dann von einem Arzt zum nächsten, lassen immer wieder dieselben Untersuchungen über sich ergehen, obwohl weder Darm- noch Magenspiegelung Ergebnisse liefern, und haben einen großen Leidensdruck." Allein: Die Beschwerden bleiben oder nehmen sogar zu, denn nicht selten verstärken sich die über die Darm-Hirn-Achse geleiteten Schmerzinfos und es kommt zu einer Art „andauernden Fehlprogrammierung". Das alles hat eine stark reduzierte Lebensqualität zur Folge und führt mitunter sogar zu Depressionen.

 

Wann schlägt’s auf den Magen?

Wenngleich die Diagnosestellung mühsam ist und die Ursachen oft im Dunkeln bleiben, gehört, laut Kautzky-Willer, anfangs ausgeschlossen, dass eine lebensgefährliche oder zumindest eine (einer spezifischen Behandlung bedürftige) organische Krankheit hinter den Beschwerden steckt (z. B. Parasitenbefall, Infektionen, Krebs). Auf der Suche nach dem Auslöser ist der Arzt auf die Hilfe des Patienten angewiesen: Neben einer genauen Anamnese sollte dieser etwa ein Tagebuch führen (inklusive Ernährungsprotokoll, um eine mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeit zu diagnostizieren), in dem genau aufgezeichnet wird, wann die Beschwerden auftreten. „Es kann zum Beispiel sein, dass beim Abendessen immer über Probleme im Job, in der Beziehung oder im Schulalltag der Kinder gesprochen wird. Und das kann bei manchen Menschen bzw. vor allem bei Frauen Verdauungsprobleme verursachen. Bei anderen führen hingegen Alkohol und scharfe Speisen zum Reizmagen – das wiederum ist vorwiegend bei Männern der Fall", erklärt die Gender-Expertin. Dass das Gehirn Einfluss auf den Darm haben kann, haben wir wohl schon alle einmal erlebt – Stichwort „Prüfungsdurchfall". Doch all dies kann sich eben auch zu einer chronischen Erkrankung entwickeln. Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter einem derartigen Reizdarmsyndrom (RDS) und Frauen sind etwa doppelt so oft davon betroffen wie Männer. Die Beschwerden dieser Funktionsstörung des Verdauungstrakts reichen von krampfartigen Bauchschmerzen über einen Druck im Unterbauch, Völlegefühl und Blähungen bis zu Stuhlunregelmäßigkeiten – egal, ob Durchfall oder Verstopfung. Einmal mehr spielt hier die Verbindung zwischen Gehirn und Darm eine entscheidende Rolle, hat man doch herausgefunden, dass bei Stress dieselben Hirnregionen aktiviert werden wie bei Darmbeschwerden.

Verstopfung und Durchfall

Laut Gender-Expertin Dr. Alexandra Kautzky-Willer liegt die Bandbreite, was die Häufigkeit des Stuhlgangs anbelangt, zwischen dreimal pro Tag und dreimal pro Woche: „Fakt ist, dass Frauen anfälliger sind für Verstopfungen und Durchfälle. Das dürfte sehr eng mit dem Lebensstil zusammenhängen." Einmal mehr spielt die Darm-Hirn-Achse eine Rolle: So reagieren manche auf Stress oder Angst mit Durchfall. Eine unzureichende Zufuhr von Ballaststoffen oder Flüssigkeit, aber auch Schmerzmittel, Depressionen oder eine Schilddrüsenunterfunktion können Verstopfungen begünstigen und/oder zu Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang führen.

Spiegel der Hormone.

Warum Frauen häufiger betroffen sind, hängt damit zusammen, dass Frauen sehr stressempfindlich sind, wie biochemische Veränderungen im Gehirn zeigen. Außerdem unterscheiden sich die Auslöser, denn bei den meisten Frauen gehört die Doppelbelastung durch Job und Familie zum täglichen Leben. Erschwert werde das durch die Tatsache, „dass Frauen sich den Stress im familiären und sozialen Bereich eher zu Herzen nehmen. Während sich Männer eher vom Job stressen lassen", so Kautzky-Willer. Auch der Zyklus spielt eine Rolle, denn die Schmerzempfindlichkeit hängt eng mit dem Östrogen, dem wichtigsten Geschlechtshormon der Frau, zusammen: Steigt der Östrogenspiegel in der Mitte des Zyklus an, wird frau auch schmerzempfindlicher. Allerdings soll Östrogen das Darmkrebsrisiko senken, was nicht zuletzt dadurch untermauert wird, dass mehr Männer an Darmkrebs erkranken – leider auch oft mit aggressiveren Verläufen. Apropos: Es wurde beobachtet, dass Darmkrebs bei Frauen eher auf der rechten Darmseite auftritt, also im aufsteigenden Dickdarm, während bei Männern eher die linke Seite bzw. der absteigende Dickdarm betroffen ist. Zudem steigt das Darmkrebsrisiko bei Männern schon zehn Jahre früher an als bei Frauen. Daher plädiert Kautzky-Willer: „Spätestens ab dem 50. Lebensjahr sollten Frauen alle zehn Jahre eine Koloskopie machen lassen. Männer besser schon ab 45."

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Volkskrankheit Reizdarm
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