Dienstag, 21. Mai 2019

24 Stunden Lärm im Ohr

Ausgabe 2017.02

Es pfeift, klingelt, rauscht oder summt. In Österreich leiden rund 100.000 Menschen dauerhaft an OHRGERÄUSCHEN. Doch neue Therapien können endlich helfen!


Foto: Can Stock Photo - ruigsantos

Wer kennt das nicht: Ein schrilles Pfeifen, das niemand außer man selbst hört und das nach wenigen Sekunden wieder aufhört – zum Glück! Was aber, wenn es weiterpfeift? Was, wenn man ständig ein Klingeln, Rauschen, Summen oder sonst ein Geräusch hört? Wenn die Töne so unerträglich werden, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten möchte, obwohl man weiß, dass das Geräusch gar nicht von draußen kommt? Dann spricht man von einem Tinnitus (lat. tinnire – dt. klingeln). „Meist handelt es sich um einen subjektiven Tinnitus, der keine reale Grundlage hat. Das heißt: Der Betroffene allein hört die Töne oder Geräusche“, erklärt Dr. Johannes Schobel, HNO-Facharzt und Gründer des Tinnituszentrums in St. Pölten (www.tinnituszentrum.at). Nur in sehr seltenen Fällen kann das Geräusch auch von außen, etwa mit einem  Stethoskop, wahrgenommen werden.

Stille hören. Auf die Frage, wie es denn zu einem Tinnitus komme, antwortet der Experte mit einer Gegenfrage: „Was ist eigentlich Stille? ‚Stille hören’ oder vielmehr ‚Stille empfinden’ ist eine aktive Leistung. Es handelt sich um eine gleichmäßige Grundaktivität des gesamten akustischen Systems, die von unserem Gehirn als Stille interpretiert wird.“ Dabei ist Stille nicht mit Funkstille im dafür zuständigen Teil unseres Gehirnes, der Hörrinde, gleichzusetzen. Ein Beispiel: Setzt man einen gesunden bzw. nicht an einem Tinnitus leidenden Menschen in einen schalltoten Raum, hört dieser nach wenigen Minuten Geräusche. Unser System ist also gar nicht darauf ausgelegt, in absoluter Stille zu leben. Und was hat das alles nun mit dem Tinnitus zu tun? „Alles, was wir hören, läuft über die Gefühlsebene – konkret über das limbische System. Es ist also unser Gehirn, das aufgrund von Signalmustern aus dem Innenohr entscheidet, was wir hören. Und kommt es hierbei zu einer Störung, etwa bei der Filterfunktion im Bereich der Hörbahn, entsteht ein Tinnitus“, erklärt Schobel, der sich schon seit 20 Jahren mit der Thematik beschäftigt.

Hörgeräte können helfen. Eine derartige Störung kann akut auftreten, beispielsweise als Folge eines Hörsturzes, eines Knalltraumas, durch zu laute Musik bei einem Konzert oder ausgelöst durch eine akute Erkrankung des Hörapparats (Mittelohrentzündung, Morbus Menière etc.). „Ein akuter Tinnitus gehört rasch behandelt – im Rahmen einer stationären Infusionstherapie mit hoch dosiertem Cortison“, so der HNO-Arzt, der jedoch gleich hinzufügt: „Führt eine derartige Akuttherapie zu keiner langfristigen Verbesserung, ist mit Medikamenten nichts mehr anzufangen. Ohrengeräusche werden nämlich nach einer gewissen Zeit im Gehirn gespeichert, wie auf der Festplatte eines Computers.“ Ein chronischer Tinnitus ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und: Bei bis zu 80 Prozent liegt eine schleichend einsetzende Schwerhörigkeit zugrunde. Gelangt
nämlich von außen weniger bis keine Information ins Gehirn – was bei einer Schwerhörigkeit der Fall ist –, entwickelt sich zentral ein Eigenleben. Schobel vergleicht das mit einer Schulklasse: „Redet der Lehrer vorne, hören die Schüler in der letzten Reihe nur mehr wenig. Die Folge: Sie fangen an zu schwätzen. Kommt also von draußen keine Ansprache mehr, kommt es im Gehirn zur Überaktivität, die sich als Tinnitus zeigt.“ Die gute Nachricht: Eine entsprechende Versorgung mit einem Hörgerät bringt den Tinnitus oft schlagartig zum Verschwinden: „Zunächst durch Überlagerung des Tinnitus während derTragezeit des Gerätes, später aber etwaauch in der Nacht, da das Gehirn umlernt“, erläutert Schobel.

Weißes Rauschen. Abgesehen von der Schwerhörigkeit können jahrlange Lärmbelastungen, Stress oder seelische Erschütterungen (z. B. private Trennung, Trauerfall) zum Tinnitus führen. In diesen Fällen versorgen Dr. Schobel und sein Team die Betroffenen mit einer Art Rauschgenerator: „Der sogenannte Noiser schaut aus wie ein Hörgerät, versorgt den Patienten jedoch mit einem weißen Rauschen. Vergleichbar mit der Farbe Weiß ist das weiße Rauschen die Summe aller Frequenzen. Diese werden möglichst gleichmäßig im Ohr des Patienten verteilt, wodurch das Hörband gleichmäßig stimuliert und das Gehirn in gewisser Weise neu programmiert wird.“ Für das Anpassen und Einstellen des Noisers sind in der Regel drei bis fünf Termine erforderlich, die Kontrolltermine finden alle drei bis sechs Monate, später einmal im Jahr statt. Überdies können Betroffene im St. Pöltner Tinnituszentrum – sofern gewünscht – eine psychologische Therapie in Anspruch nehmen. Eine Heilung im eigentlichen Sinne ist allerdings nicht zu erwarten, wie Schobel betont: „Die Behandlung eines chronischen Tinnitus kann immer nur darauf abzielen, dass man gut damit leben kann.“ Allein: Wer jahrelang mit einem ständigen Pfeifen, Summen oder Klingeln gelebt hat, dem ist wohl schon mit dem Wegfallen des Leidensdrucks geholfen. Auf jeden Fall aber muss sich niemand mit einem Tinnitus abfinden – auch wenn dies oft behauptet wird!

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