Donnerstag, 14. November 2019

Vertrau auf deine Sinne!

Ausgabe 2019.11
Seite 1 von 3

Unsere Sinne helfen uns dabei, die Welt wahrzunehmen, zu begreifen und einzuordnen. Sie sind aber auch der direkteste Zugang, um unsere Psyche und unseren Körper zu stärken – und manchmal sogar zu heilen. GESÜNDER LEBEN macht sich auf eine Reise zum Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen.

 


Foto: iStock-DrAfter123

Mirko hatte Angst vor der Schule. Schon der Weg dorthin bereitete ihm Magenschmerzen. Er fürchtete sich vor seinen Lehrern und Mitschülern, galt als der klassische Prügelknabe, der täglich im Klassenraum gemobbt wurde. Erst das Musizieren änderte das Leben des 16-Jährigen – und das, obwohl der Schüler sich selbst für völlig unmusikalisch hielt. „Eine spezielle Form der Musiktherapie, bei der sich der Behandelnde im Dialog mit dem Patienten über einfache Schlag-, Saiten- oder Blasinstrumente emotional ausdrückt, verhalf Mirko ganz allmählich zu mehr Selbstvertrauen und Mut. Heute ist er seine Ängste los und spielt sogar in einer Band“, erzählt Rüdiger Braun. Der Wissenschaftsjournalist erläutert in seinem Buch „Unsere sieben Sinne“ nicht nur, wie wir mithilfe unserer Sinne die Welt wahrnehmen und begreifen, sondern auch, wie sie uns Heilung verschaffen können. In Mirkos Fall funktionierte dies über Musik und das Gehör. „Schon Höhlenmalereien aus der Steinzeit dokumentieren, dass Musikinstrumente bei diversen magischen und heilenden Ritualen zum Einsatz kamen“, so Braun. Und auch aktuelle Studien belegen, dass Musik positive Auswirkungen auf Psyche und Körper hat: von der Beeinflussung des Nervensystems bis hin zur Schmerzlinderung und Stimulation des Immunsystems – und zwar auch dann, wenn wir nur passiv zuhören. Ein Effekt, den sich beispielsweise ein Sportkrankenhaus im deutschen Lüdenscheid zunutze gemacht hat: Seit die Klinik bereits im OP-Saal individuell ausgewählte Entspannungsmusik einsetzt, spart sie bis zu 50 Prozent der Schmerz- und Beruhigungsmittel, da bei jenen Patienten, die Musik zu hören bekommen, Stress, Angst und das Schmerzerleben deutlich geringer sind als bei Kontrollgruppen. „Über keinen anderen Sinneskanal lassen sich so starke Reaktionen auslösen wie über das Gehör“, erläutert Braun. Und das bereits im Mutterleib, denn schon da wächst der Mensch in die Welt der Klänge hinein: Bis zu 28 Millionen Mal erlebt das Ungeborene den Herzschlag der Mutter und hört bereits Stimmen. Das Gehör ist der erste Fernsinn, der sich herausbildet, und der letzte, der beim Sterben schwindet.

Buchtipp

sinne coverRüdiger Braun

Unsere 7 Sinne – die Schlüssel zur Psyche

Kösel, 22 Euro

30 und mehr Sinne
Gemeinsam mit riechen, schmecken, fühlen und sehen macht das Hören jenes Quintett komplett, das die meisten als die fünf Sinne des Menschen beschreiben. „Das ist naheliegend, da man diese Sinne als Nase, Zunge, Haut, Augen und Ohren sehen kann“, so der Buchautor. „Wahrnehmungsforscher gehen aber davon aus, dass wir Menschen mindestens 30 Sinne haben. Wertet man die unterschiedlichen Rezeptorarten als verschiedene Sinne, sind es sogar 380, gegliedert in sechs Sinnessysteme. „Neben den bekannten fünf müsse man zumindest noch den Gleichgewichtssinn hinzuzählen“, so Braun: „Außerdem betrachte ich auch unser Bauchgefühl als ein eigenständiges Wahrnehmungssystem, das wir trainieren und schärfen können, um es als Orientierungs- und Entscheidungshilfe im Alltag zu benutzen.“

Ausgeklügeltes Überlebenssystem
Nicht nur um Entscheidungen treffen zu können, wurde der Mensch mit Sinnen ausgestattet. Seit Beginn der Menschheit ermöglicht uns dieses ausgeklügelte System an Organen, Rezeptoren und Sensoren das Überleben. „Kein sich bewegendes Lebewesen könnte ohne Sinne auskommen“, erläutert Braun. „Selbst einzellige Algen verfügen über einen Sinn, der es ihnen ermöglicht, sich zum Licht zu bewegen.“ Beim Menschen ist die Wahrnehmung der Umwelt wesentlich komplexer. Es ist eine enorme Flut an Reizen und Informationen, die über die Sinnesorgane auf uns einströmt und verarbeitet werden muss. Und das nicht nur von außen: Allein für die Meldungen aus unserem Inneren hat sich im Laufe der Evolution ein bemerkenswertes Rezeptorsystem entwickelt: Das Gehirn enthält laufend Statusmeldungen über das Blutsystem und den Zustand der inneren Organe. So verspüren wir beispielsweise Lust auf etwas Salziges, wenn die Zusammensetzung des Blutes dies erfordert, oder Durst, wenn der Körper Flüssigkeit benötigt. Selbst im Schlaf behält die Schaltzentrale Gehirn den Überblick. Möglich machen dies rund eine Milliarde mechanische, optische und chemische Sensoren. Wenn es darum geht, die Außenwelt wahrzunehmen, sorgen rund 700 Millionen tastsensible Rezeptoren dafür, dass wir Druck, Vibration, Kälte, Wärme, Dehnung und Schmerz empfinden. Bewegungsmeldern in den Ohren, Muskeln und Gelenken entgeht keine körperliche Regung. Rezeptoren in der Nase können rund 10.000 unterschiedliche Gerüche erkennen, ebenso viele Geschmacksknospen auf der Zunge sorgen dafür, dass wir Geschmäcker wahrnehmen und einordnen können: So führt schon ein Körnchen Zucker zu einer Ausschüttung von Glückshormonen, während kaum messbare Konzentrationen von Bitterstoffen Vorsicht signalisieren, denn bitterer Geschmack ist ein evolutionär erworbenes Alarmsignal, das vor unreifen oder giftigen Pflanzen warnt. Unsere Augen, ausgestattet mit 120 Millionen Stäbchenzellen und 7 Millionen Zapfenzellen können winzige Zeichen auf Papier lesen und im nächsten Moment den Mond in knapp 400.000 Kilometern Entfernung beobachten. Und auch die Ohren haben eine beträchtliche Reichweite: So können wir etwa die tiefen Töne einer Glocke kilometerweit und starke Explosionen sogar 100 Kilometer weit wahrnehmen, aber auch leises Flüstern hören.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Vertrau auf deine Sinne!
Seite 2 Langer Lernprozess
Seite 3 Entscheidungshilfe

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