Verdammt, BIN ICH WÜTEND!

Ausgabe 2020.07-08

Raue Töne in der Öffentlichkeit, mehr Streit oder gar Gewaltsituationen innerhalb von Familien: Die Coronakrise hat viele von uns wütend gemacht. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie man mit Wut und Aggression umgehen sollte. Und daraus sogar positive Energie ziehen kann!


Foto: Stock - sdominick

Die vergangenen Wochen war er in Kurzarbeit – und zwar im Homeoffice, erzählt uns Paul. Und ist hörbar genervt. „Unsere Wohnung ist glücklicherweise groß genug. Außerdem ha - ben wir einen großen Balkon. Gott sei Dank – sonst hätte es bereits Tote gegeben!“ Der 28-Jährige Niederösterreicher lacht. Klar, es ist ein Witz, aber unter der Oberfläche der scherzhaften Bemerkung lodert immer noch ein Feuer, das allein bei der Erinnerung wieder auf - flammt. „Wenn unsere zwei kleinen Buben schreiend und kreischend durch alle Zimmer rennen, die Frau ebenfalls im Homeoffice ist, aber einen vollkommen anderen Ar - beitsrhythmus als man selbst hat, sich Kollegen nicht an vereinbarte Online-Meetings halten, die Technik dir ger - ne einen Strich durch die Rechnung macht und der Fei - erabend in immer weitere Ferne rückt, ja, dann zuckt man schon mal aus.“ Die Ungewissheit, nicht zu wissen, wann diese Ausnahmesituation zu Ende ist, das ständige Ge - fühl der Bedrohung durch die Berichterstattung in den Nachrichten, das Gefühl des Eingesperrtseins – „ein Wahnsinn! Und vor allem, dass ...“ Stopp! Paul redet sich in Rage, seine Stimme wird lauter. Nicht alles, was er nun sagen wird, ist druckreif.

SO STREITEN SIE RICHTIG!
  • Würdigen Sie Ihr Gegenüber nicht herab.
  • Bleiben Sie persönlich und vermeiden Sie verallgemeinerte „man“-Aussagen.
  • Artikulieren Sie klar Ihre Gefühle – in der Ich-Form: „Ich habe das Gefühl, dass ...“ anstatt „Du hast ...“.
  • Hören Sie aktiv zu und machen Sie klar, dass Sie den anderen verstanden haben.
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber ausreden.
  • Auch Humor ist im Streit erlaubt!
  • Lernen Sie zu verzichten, stellen Sie aber klar: „Nächstes Mal darf ich entscheiden!“
  • Handgreiflichkeiten sind streng tabu!

Wütendes Land

Mit dem Gefühl, der persönliche Kochtopf könne jederzeit übergehen, war Paul in den vergangenen Wo - chen nicht alleine. Laut einer Studie der DonauUniversität Krems ist die Häufigkeit depressiver Symptome in Österreich während der Krise von etwa 4 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen. Eine ähnlich starke Zunahme zeigt sich bei Angstsymptomen, die sich von 5 Prozent auf 19 Prozent erhöhten. Sowohl Depressionen als auch Angststörungen können gefährliche Ag - gressionen zur Folge haben. „Die Anzahl von häuslicher Gewalt ist während Corona um 9 Prozent gestiegen“, erläutert Mag. Maria-Anna Pleischl. Die Wiener Psychotherapeutin bot während der vergangenen Monate telefonisch therapeu - tische Begleitung an. Corona und eine damit verbundene aggressive Gefühlswelt waren Themen, mit denen sie immer wieder konfrontiert wurde. „Zum Beispiel, weil man in Tirol zu Beginn der Krise trotz Risikokontakt nicht getestet wurde und daraufhin den Ehepartner ansteckte. Oder, weil plötzlich die gesamte Familie ständig zu Hau - © se war, es keine Rückzugsmöglichkeiten gab und man vielleicht gleichzeitig noch mit dem Verlust des Jobs zu kämpfen hatte.“

Angst macht aggressiv

Verunsicherung, Angst, Hilflosigkeit, Trauer und ein über - mächtiges Ohnmachtsgefühl sind die größten Risikofak - toren, wenn es um die Entstehung von Aggression geht – und genau all diese Gefühle waren (und sind) bei vielen Menschen in Krisenzeiten allgegenwärtig. Das sei durch - aus verständlich und menschlich, meint Pleischl – genau - so übrigens, dass die Kommunikation nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum in den letzten Mona - ten immer aggressiver wurde. In den Bezirksblättern St. Pölten konnte man Ende April beispielsweise die Schlag - zeile „Corona-Krise sorgt für Wutanfall am Imbissstand“ lesen. Pleischl: „Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, die für alle neu ist. Wir sind alle überfordert.“ Haben Menschen zudem das Gefühl, ihnen wird etwas wegge - nommen – sei es die eigene Gesundheit, der individuelle Bewegungsraum oder die finanzielle Sicherheit –, sind Wut und Aggression nicht ungewöhnlich. Auch soziale Isola - tion kann zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft füh - ren: Die US-amerikanische Neuropsychologin Naomi Ei - senberger konnte in ihrer Studie belegen, dass Demütigung, Armut und eben soziale Ausgrenzung vom Gehirn gleich empfunden werden wie körperliche Gewalt. All diese Aspekte versetzen das Gehirn in Alarmbereitschaft – man antwortet mit Aggression. Trotzdem, so viel muss klar sein: „Aggression wird dann ge - fährlich, wenn man sich selbst oder andere ver - letzt“, betont Pleischl. „Ausschlaggebend ist, damit um - gehen zu können – oder es zu lernen.“


 

Mut zu Wut

Grundsätzlich ist Aggression kein negatives Gefühl – im Gegenteil. „Aggression ist eine der grundlegendsten Emo - tionen des Menschen“, erklärt Pleischl. „Wut, Zorn und Aggressionen sind Verhaltensweisen der Menschen, die es seit Beginn ihrer Existenz gibt. Aggression gibt uns Kraft, Hürden, Widerstände und Aufgaben zu meistern sowie Ziele zu erreichen, kurz: aktiv zu sein. Menschen, die aggressiv sind, sind Macher, man denke nur an Sportler. Genauso ist es ohne Aggression nicht möglich, für sich selbst einzustehen, eine Situation kritisch zu beurteilen oder nach neuen Lösungswegen zu suchen.“ Womit wir bei der zweiten wichtigen Funktion der konstruktiven Aggression wären, nämlich jener der Schutzfunktion: „Ein aggressives Gefühl macht uns auf drohende Gefahr aufmerksam. Wir werden aggressiv, um zu überleben.“ Weil wir heutzutage selten in Situationen geraten, die unser Leben akut gefährden, handelt es sich bei den erlebten Bedrohungen viel mehr um Gefahren und Angriffe auf unser Selbstwertgefühl. Verlässt uns beispielsweise der Partner, ist es für den Zurückgebliebenen oftmals leichter, auf ihn wütend zu sein, als sich mit der tiefen Trauer auseinanderzusetzen. „Neben den bereits erwähnten Risikofaktoren können unter anderem auch Kränkungen verschiedenster Art, Ignoranz, Eifersucht, drohende Niederlagen, Enttäuschung oder Belästigungen starke Aggressionen hervorrufen“, so Pleischl. Erlebt man solche die menschliche Seele verletzende Ereignisse, kommen – bei dem einen mehr, beim anderen weniger – Gefühle auf, die Pleischl „destruktive Aggressionen“ nennt. „Diese haben immer das Ziel, sich selbst oder anderen gezielt Schaden zuzufügen. Zudem ist die persönliche Gewaltbereitschaft massiv erhöht.“

Wege zur Gelassenheit

Tipps, die eigene Aggression in den Griff zu bekommen

  • Als wichtigste Regel, um psychisch gesund zu bleiben, nennt Pleischl: „Das Ausmaß der Aggression muss der Situation angepasst sein. Zudem muss sie am richtigen Ort stattfinden und darf keine Person treffen, die an der Situation keine Mitverantwortung hat.“
  • Schlagen Sie (vorsichtig!) auf eine Hausmauer oder auf einen Tisch oder stampfen Sie mit dem Fuß auf und sagen laut: „Es reicht mir, ich bin wütend!“
  • Wenn Sie alleine sind: Schreien Sie sich mit einem „Urschrei“ Ihren Frust von der Seele!
  • Atmen Sie bewusst langsam und tief durch und zählen wiederholt bis 10.
  • Machen Sie Sport, zum Beispiel Laufen, Kickboxen oder Krafttraining.
  • Bei lauter Musik ist Vorsicht geboten: „Diese kann die Aggression noch zusätzlich verstärken!“, gibt Pleischl zu bedenken.
  • Schreiben Sie keine E-Mails o. Ä., wenn Sie in Rage sind! Schreiben Sie aber für sich selbst ihre wütenden Gedanken auf, das hilft beim Runterkommen.
  • Beim Streit innerhalb der eigenen vier Wände ist es oftmals sinnvoll, den Raum zu verlassen und erst wiederzukommen, wenn man sich beruhigt hat.
  • Achten Sie auf Ihre persönlichen Grenzen und artikulieren Sie deutlich, wenn bei Ihnen eine solche erreicht ist.
  • Reden Sie mit Freunden über das Ärgernis.
  • Reflektieren Sie: Gibt es etwas in Ihrem Leben, mit dem Sie unzufrieden sind? Versuchen Sie auch zu erkennen, ob zwischen den Situationen, bei denen Sie ausrasten, Gemeinsamkeiten bestehen. Gibt es Möglichkeiten, diese Situationen zu vermeiden?
  • Eine Nacht drüber schlafen kann helfen, eine neue Perspektive auf das Erlebte einzunehmen.
  • In sehr schlimmen Fällen kann eine Aggressionstherapie helfen.

Explodierendes Wut-Thermometer

Destruktive Aggression hat viele Gesichter und kann sich in unterschiedlichster Form zeigen. „Diese kann sich körperlich, verbal und psychisch zeigen“, fasst die Psychotherapeutin zusammen. Jähzornige Menschen oder Choleriker neigen zu Wutausbrüchen, Eskalationen und Schreiattacken, gepaart mit entsprechender Körpersprache. Wie das ist, wenn einem schnell der Kragen platzt, weiß auch Paul, der nicht nur wegen Corona brodelnde Wut in sich verspürt, sondern auch im „normalen" Alltag schnell rot sieht: „Ich spüre dann das Blut deutlich in mir kochen. Es ist fast wie in Zeichentrickfilmen: Das Wut-Thermometer in mir steigt höher und höher, bis es irgendwann explodiert. Es ist wie ein Schalter in meinem Kopf, der umgelegt wird – und ich kann nichts dagegen tun.“ Mögliche negative Konsequenzen seien ihm zwar durchaus bewusst, in diesem Moment aber egal. „Wenn ich in Rage bin, zittere ich nicht nur am ganzen Körper, es geht mir nur noch darum, Dampf abzulassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe sonst das Gefühl, ich halte es einfach nicht aus und kann meinen Alltag nicht mehr bestreiten.“ Handgreiflich sei er aber noch nie geworden, betont er. Kaum ist die Wut verraucht, „tut es mir sehr leid, was ich gesagt habe.“

Passiv-aggressiv

Das Gegenteil von Paul wäre der passiv-aggressive Typ: „Dieser zeigt seine Aggressionen versteckt, ohne laut zu werden“, beschreibt Pleischl. „Er ignorierte beispielsweise die Bedürfnisse des anderen, lässt oft spitze Bemerkungen fallen und zeichnet sich in der Aggression durch ein negatives Denkmuster aus. Auch Sich-blöd-Stellen, das Verdrehen von Worten oder Aussagen absichtlich aus dem Kontext zu reißen, fällt unter diese AggressionsKategorie. Im Grunde sind auch Fake News eine Form von passiver Aggressivität.“ Ähnlich zeigt sich die in der Fachsprache genannte instrumentelle Aggression, mit Mobbing als ihrer bekanntester Ausdrucksform: Im Gegensatz zu Jähzorn wird diese Aggression bewusst gesteuert, das persönliche Ziel möchte mit systematischer Gewalt und Druck um jeden Preis erreicht werden.


 

Auch Frauen sind aggressiv

Personen, die verstärkt destruktiv-aggressive Verhaltensweisen an den Tag legen, „haben in den meisten Fällen in ihrer Kindheit keinen gepflegten, richtigen Umgang mit Aggressionen gelernt“, gibt Pleischl zu bedenken und gibt zu, dass traditionelle Geschlechterrollen hier durchaus eine – gefährliche – Rolle spielen: „Buben werden dazu ermuntert, ihre Wut zu zeigen, dürfen dafür keine Angst haben. Weibliche Aggression wiederum wird gesellschaftlich nur bedingt geduldet.“ Prinzipiell sind beide Geschlechter in der Lage, Aggressionen zu empfinden, aber: „Während Männer eher zu körperlicher Gewalt neigen, tendieren Frauen zu verbaler Aggressivität.“ Ist eine Person „von außen nicht in ihrer Gesamtheit erkennbar“, so Pleischl, sprich: wenn beispielsweise ein ruhiger und verständnisvoller Mensch in Windeseile jähzornig wird, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung. „Oft sind dies Menschen, die in ihrer Kindheit mit sehr viel Unsicherheit konfrontiert wurden. Sie mussten als Überlebensstrategie ihre Persönlichkeit unerwarteten Situationen anpassen. Schützende Aggression kann hier gute Hilfe leisten.“

So kommen Sie runter

Wie aber im Alltag mit seinen destruktiven Aggressionen umgehen – besonders in Situationen, in denen man kurz davor ist zu explodieren? „Auf keinen Fall die Wut unterdrücken!“, betont Pleischl. „Schluckt man im wahrsten Sinne des Wortes alles runter, schlägt sich das nicht nur auf den Magen, sondern kann zu noch mehr Aggressionen oder auch Depressionen führen.“ Zudem ist die Gefahr groß, dass bei unterdrücktem Zorn eine sogenannte Aggressionspyramide entsteht, warnt Pleischl und erklärt an einem konkreten Beispiel: „Der Vater ist aufgrund eines beruflichen Ärgernisses wütend und lässt es an seiner Frau aus, weil er sich gegen den Vorgesetzten nicht wehren kann. Die Frau schreit deshalb das Kind an. Und dieses wiederum zieht die Katze am Schwanz.“ Umso wichtiger daher, destruktive Aggressionen im Zaum zu halten, ohne sie dabei aber zu ignorieren. Expertin Pleischl: „Es geht darum, die in diesem Moment überschüssige Energie aus dem Körper hinauszubekommen, damit ein seelischer Reinigungsprozess starten kann. Setzen Sie also bewusst eine Handlung!“.

Selbstschutz

Bleibt noch die umgekehrte Frage zu klären: Wie geht man mit aggressiven Menschen um? „Mit Samthandschuhen anfassen würde ebenso bedeuten, die eigenen Emotionen zu schlucken“, meint Pleischl. „An erster Stelle steht immer, für den eigenen – physischen als auch psychischen – Schutz zu sorgen. Verlassen Sie also notfalls die Gefahrenzone! Kommt es gehäuft zu Streitereien, ist es ratsam, professionelle Hilfe zu suchen, die als neutrale dritte Instanz ausgleichend wirken kann.“ Sprechen Sie klar aus, wenn Sie sich vom Verhalten des anderen verletzt fühlen. Und Paul? Der versucht seit Corona mehr denn je, sein zerstörerisches Aggressionspotenzial in konstruktiver Form umzusetzen: Er wirft sich in die Arbeit, um sich dort als unentbehrlich zu erweisen. Er lehrt seine Kinder neue Sportarten, jetzt, wo man wieder rausdarf. Er überlegt mit seiner Frau, wie man diesen Sommerurlaub besonders kreativ gestalten kann. „Ich habe viel Energie“, sagt Paul. Ja, auch das bedeutet Aggression.

© Gesünder Leben Verlags GsmbH.