Samstag, 31. Oktober 2020

Verdammt, BIN ICH WÜTEND!

Ausgabe 2020.07-08
Seite 1 von 3

Raue Töne in der Öffentlichkeit, mehr Streit oder gar Gewaltsituationen innerhalb von Familien: Die Coronakrise hat viele von uns wütend gemacht. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie man mit Wut und Aggression umgehen sollte. Und daraus sogar positive Energie ziehen kann!


Foto: Stock - sdominick

Die vergangenen Wochen war er in Kurzarbeit – und zwar im Homeoffice, erzählt uns Paul. Und ist hörbar genervt. „Unsere Wohnung ist glücklicherweise groß genug. Außerdem ha - ben wir einen großen Balkon. Gott sei Dank – sonst hätte es bereits Tote gegeben!“ Der 28-Jährige Niederösterreicher lacht. Klar, es ist ein Witz, aber unter der Oberfläche der scherzhaften Bemerkung lodert immer noch ein Feuer, das allein bei der Erinnerung wieder auf - flammt. „Wenn unsere zwei kleinen Buben schreiend und kreischend durch alle Zimmer rennen, die Frau ebenfalls im Homeoffice ist, aber einen vollkommen anderen Ar - beitsrhythmus als man selbst hat, sich Kollegen nicht an vereinbarte Online-Meetings halten, die Technik dir ger - ne einen Strich durch die Rechnung macht und der Fei - erabend in immer weitere Ferne rückt, ja, dann zuckt man schon mal aus.“ Die Ungewissheit, nicht zu wissen, wann diese Ausnahmesituation zu Ende ist, das ständige Ge - fühl der Bedrohung durch die Berichterstattung in den Nachrichten, das Gefühl des Eingesperrtseins – „ein Wahnsinn! Und vor allem, dass ...“ Stopp! Paul redet sich in Rage, seine Stimme wird lauter. Nicht alles, was er nun sagen wird, ist druckreif.

SO STREITEN SIE RICHTIG!
  • Würdigen Sie Ihr Gegenüber nicht herab.
  • Bleiben Sie persönlich und vermeiden Sie verallgemeinerte „man“-Aussagen.
  • Artikulieren Sie klar Ihre Gefühle – in der Ich-Form: „Ich habe das Gefühl, dass ...“ anstatt „Du hast ...“.
  • Hören Sie aktiv zu und machen Sie klar, dass Sie den anderen verstanden haben.
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber ausreden.
  • Auch Humor ist im Streit erlaubt!
  • Lernen Sie zu verzichten, stellen Sie aber klar: „Nächstes Mal darf ich entscheiden!“
  • Handgreiflichkeiten sind streng tabu!

Wütendes Land

Mit dem Gefühl, der persönliche Kochtopf könne jederzeit übergehen, war Paul in den vergangenen Wo - chen nicht alleine. Laut einer Studie der DonauUniversität Krems ist die Häufigkeit depressiver Symptome in Österreich während der Krise von etwa 4 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen. Eine ähnlich starke Zunahme zeigt sich bei Angstsymptomen, die sich von 5 Prozent auf 19 Prozent erhöhten. Sowohl Depressionen als auch Angststörungen können gefährliche Ag - gressionen zur Folge haben. „Die Anzahl von häuslicher Gewalt ist während Corona um 9 Prozent gestiegen“, erläutert Mag. Maria-Anna Pleischl. Die Wiener Psychotherapeutin bot während der vergangenen Monate telefonisch therapeu - tische Begleitung an. Corona und eine damit verbundene aggressive Gefühlswelt waren Themen, mit denen sie immer wieder konfrontiert wurde. „Zum Beispiel, weil man in Tirol zu Beginn der Krise trotz Risikokontakt nicht getestet wurde und daraufhin den Ehepartner ansteckte. Oder, weil plötzlich die gesamte Familie ständig zu Hau - © se war, es keine Rückzugsmöglichkeiten gab und man vielleicht gleichzeitig noch mit dem Verlust des Jobs zu kämpfen hatte.“

Angst macht aggressiv

Verunsicherung, Angst, Hilflosigkeit, Trauer und ein über - mächtiges Ohnmachtsgefühl sind die größten Risikofak - toren, wenn es um die Entstehung von Aggression geht – und genau all diese Gefühle waren (und sind) bei vielen Menschen in Krisenzeiten allgegenwärtig. Das sei durch - aus verständlich und menschlich, meint Pleischl – genau - so übrigens, dass die Kommunikation nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum in den letzten Mona - ten immer aggressiver wurde. In den Bezirksblättern St. Pölten konnte man Ende April beispielsweise die Schlag - zeile „Corona-Krise sorgt für Wutanfall am Imbissstand“ lesen. Pleischl: „Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, die für alle neu ist. Wir sind alle überfordert.“ Haben Menschen zudem das Gefühl, ihnen wird etwas wegge - nommen – sei es die eigene Gesundheit, der individuelle Bewegungsraum oder die finanzielle Sicherheit –, sind Wut und Aggression nicht ungewöhnlich. Auch soziale Isola - tion kann zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft füh - ren: Die US-amerikanische Neuropsychologin Naomi Ei - senberger konnte in ihrer Studie belegen, dass Demütigung, Armut und eben soziale Ausgrenzung vom Gehirn gleich empfunden werden wie körperliche Gewalt. All diese Aspekte versetzen das Gehirn in Alarmbereitschaft – man antwortet mit Aggression. Trotzdem, so viel muss klar sein: „Aggression wird dann ge - fährlich, wenn man sich selbst oder andere ver - letzt“, betont Pleischl. „Ausschlaggebend ist, damit um - gehen zu können – oder es zu lernen.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Verdammt, BIN ICH WÜTEND!
Seite 2 Mut zu Wut
Seite 3 Auch Frauen sind aggressiv

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2020-10 130x173Aktuelles Heft 10/2020

Die nächste Ausgabe erscheint am 20. November 2020

 

Unsere Ausgabe 09/2020 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Lachen Sie gerne?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information