Sonntag, 22. September 2019

Unser Leben ADHS

Ausgabe 2016.09

Die Unruhe ist gekommen, um zu bleiben: Beim 10-jährigen Moritz wurde vor vier Jahren ADHS diagnostiziert. Eltern berichten vom Alltag mit einem Kind, das sprichwörtlich immer wieder aus der Reihe tanzt. Ein Leben im Ausnahmezustand.


Foto: Katrin Bruder

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zur Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Sie äußert sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Impulsivität sowie manchmal auch durch ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität). Es handelt sich dabei um eine psychiatrische Entwicklungsstörung. Diese muss mehrere Lebensbereiche deutlich beeinträchtigen oder zu erkennbarem Leiden führen.

Moritz schreit. Moritz tobt. Moritz versteckt sich hinter dem Sofa und will nicht herauskommen. „Na komm, nur diese zwei Rechnungen noch!“, versucht seine Mama auf ihn einzuwirken. Oder besser: zu ihm durchzudringen. Ein Ding der Unmöglichkeit: Es ist, als ob der 10-Jährige in seiner eigenen Welt leben würde. Als er endlich hinter dem Sofa hervorkrabbelt, springt er plötzlich auf und hüpft zum Schreibtisch, wo seine Mathematik-Hausübung wartet. Er lacht laut, schneidet Grimassen. „Du kennst die Konsequenzen!“, warnt seine Mama, jetzt schon etwas ärgerlicher als zuvor. „Ohne Hausübungen gibt es später auch kein Fernschauen!“ Das erreicht Moritz aber gar nicht. Er macht Geräusche, schneidet Grimassen. Als er es schafft, zwei Zahlen auf das Blatt Papier zu schreiben, ist die Konzentration schon wieder weg. „Die Bleistiftmine ist abgebrochen!“, mault er, schlägt auf den Tisch, legt seinen Kopf auf das Schulheft. Die Geräusche, das laute Lachen, Grimassen-Schneiden gehen weiter, werden heftiger. Immer wieder wechselt er das Thema. Das Einreden der Mama, das Beruhigen? Scheint er gar nicht zu hören. Das geht 15 Minuten so, danach, ganz plötzlich, sind die Rechnungen in wenigen Minuten erledigt. „Es ist, als ob man einen Schalter umlegen würde“, beschreibt die Mama. „Bei ADHS weiß man nie, was einen erwartet.“

Unruhe, die nicht verschwindet. Sechs Jahre alt war Moritz, als bei ihm eine hyperkinetische Störung, auch Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) genannt, diagnostiziert wird. Dass ihr Sohn anders ist als sein Zwillingsbruder, nämlich buchstäblich aus der Reihe tanzt, das haben seine Eltern Patrizia und Matthias schon früh gemerkt. Mit Beginn des Kindergartens gingen die Probleme los, die im Laufe der Jahre immer stärker wurden. Moritz hatte Probleme damit, Spiele zu Ende zu spielen, war sehr unruhig, sehr impulsiv. Sitzen bleiben konnte er nur wenige Minuten lang. „Vor allem aber hat er seine Mutter zu einem regelrechten Rammbock gemacht“, erinnert sich Matthias. Zwar sei ihr Sohn nie handgreiflich geworden, seine verbalen Attacken waren aber endlos. Patrizia: „Egal was wir taten, es passte ihm nicht. Den Heimweg vom Kindergarten haben wir zu Fuß zurückgelegt, weil ich mich nicht traute, mit ihm in den Öffis zu fahren. Dafür waren seine Beschimpfungen viel zu schlimm. Dinge wie Einkaufengehen oder Ausflüge waren eine Qual. Es war eine Dauer-Beschimpfung. Ein Dauer-Kampf.“ Bis heute sind die Ursachen für ADHS nicht vollends geklärt, einen Auslöser für Moritz’ Krankheit können seine Eltern im Nachhinein aber doch ausmachen – auch wenn sie mit dieser Theorie vorsichtig sind: „Sein Zwillingsbruder war als Kleinkind sehr krank, hat die ganze Aufmerksamkeit für sich beansprucht“, reflektiert Matthias. „Er hat im Kindergarten immer die Rolle des Beschützers eingenommen, war sein Sprachrohr. Als sie deswegen in verschiedene Gruppen kamen, hat Moritz das sehr getroffen. Er hatte keine Rolle mehr, an die er sich festhalten konnte, keine Strukturen mehr. Ab diesem Zeitpunkt begann er, sich auffällig zu verhalten.“

„Weg mit dem Kind!“ Während dieser Zeit beschloss Patrizia, ihren Beruf nicht mehr auszuüben und sich voll und ganz der Familie zu widmen. „Es war einfach alles zu viel.“ Es dauerte einige Jahre und einige Experten, bis die Diagnostik mithilfe eines Aufmerksamkeits-Tests tatsächlich gestellt wurde. „Es war beruhigend, dass es für das Verhalten von Moritz eine offizielle Erklärung gab und es auch andere Familien gibt, denen es so geht wie uns. Es half uns dabei, Moritz zu verstehen und besser auf ihn eingehen zu können.“ Da sich bei Moritz ADHS vor allem in Form von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen sowie impulsivem Verhalten zeigt, wurden die Probleme in der Schule noch massiver. Und wieder: Kampf an allen Ecken. Beim Lernen, mit den Lehrern, mit anderen Eltern, mit den Mitschülern. „Das Unverständnis von anderen Lehrern und Eltern ist gigantisch!“, ärgert sich Matthias noch heute. Der Direktor bestand darauf, dass Moritz in der Montessori-Pädagogik-Klasse untergebracht wurde. Eine fatale Entscheidung: Die für Moritz so wichtige Struktur brach nun vollkommen weg. Lehrer rieten ihnen zu einer Sonderschule, wollten Moritz in den meisten Fächern gar durchfallen lassen – obwohl er dieselben Aufgaben daheim ohne Probleme bewältigte. Matthias: „Wenn ein Kind nicht in dieses System passt, sondern andere Anforderungen benötigt, wird es eiskalt ausgesiebt.“ Die Wut ist bei beiden Elternteilen immer noch spürbar. „Nur wer in einer Familie lebt, in der es ADHS gibt, weiß, wie das ist“, betont Patrizia. Die anderen Kinder mieden Moritz aufgrund seines oft nicht einordenbaren, aufbrausenden Verhaltens, auch seitens anderer Eltern kam Unverständnis. „Es wurde uns nicht deutlich gesagt, aber die Vorurteile standen im Raum: Wir würden unsere Kinder falsch erziehen, sie zu sehr vernachlässigen, nicht genug Regeln aufstellen. Die Forderung war von allen Seiten eindeutig: Weg mit dem Kind!“ Dass ADHS nichts über die Intelligenz und die kognitive Entwicklung eines Kindes aussagt, scheint bei vielen noch nicht angekommen zu sein. Die Sache war bald klar: Ein Schulwechsel musste her.

Angekommen. Heute besucht Moritz die Kiprax (Zentrum im Netzwerk für Lern-, Schul- und Erziehungsfragen, www.kiprax.at), die sich auf Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten, allen voran ADHS, spezialisiert hat. Moritz’ Klasse besteht nur aus zehn Kindern, der Unterricht dauert nie länger als vier Stunden. Struktur wird hier großgeschrieben – denn genau diese sind für Kinder mit ADHS von größter Bedeutung. Die Klassenräume sind schlicht eingerichtet, um mögliche Ablenkungsfaktoren zu vermeiden. Die Pausen werden zusammen im freien Spiel verbracht, aufs Toben soll allerdings verzichtet werden. Es sind immer zwei Lehrkräfte anwesend, die Unterstützung beim Aufrechterhalten der Konzentration bieten. Die speziell geschulten Pädagogen und Psychologen lernen nicht nur mit den Kindern Beruhigungstechniken, sondern begleiten auch die Eltern. „Es gibt Elternabende, an denen man sich untereinander austauschen kann“, erzählt Patrizia. Endlich wird Moritz, Patrizia und Matthias Verständnis und Hilfe entgegengebracht, was sich auch auf Moritz’ Befinden auswirkt: Seit dem Schulwechsel hat sich die ADHS-Problematik verbessert. Für Matthias selbstverständlich: „Wenn man tagtäglich nur kritisiert wird und zu spüren bekommt, dass man nicht erwünscht ist – wer würde da nicht aggressiv und frustriert werden?“ Da die Kiprax mit einem klaren Regelwerk und einem schnell greifenden Belohnungssystem arbeitet (am Ende des Tages wird das Verhalten der Schüler reflektiert und auch belohnt), „können Kinder mit frustrierenden Vorerfahrungen wieder ein positives Selbstbild und eine eigene Leistungsmotivation aufbauen“, ist auf der Homepage zu lesen. Das zeigt sich auch bei Moritz: Er ist in die Klasse integriert, hat Freunde, besucht Geburtstagsfeiern.

Gelassenheit. Die Familie hat ADHS gut in den Alltag integriert: Es gibt daheim Regeln zu befolgen, am Nachmittag werden verschiedene Aktivitäten unternommen und vorm Zu-Bett-Gehen Rituale eingehalten. Bei Sportarten wie Schwimmen, Skifahren oder beim täglichen Austoben in der Hüpfburg im weitläufigen Garten kann sich Moritz abreagieren, auch Trommeln tut ihm sehr gut. Im Sommer gab’s einen Reiturlaub, denn Tiere wirken auf ihn beruhigend. Interessant ist, dass Moritz eine Leseratte ist, mit dem konzentrierten Lesen hat er keine Probleme. Ja, ADHS sei oft nervenaufreibend, geben die Eltern zu, und natürlich würde auch ihnen der Geduldsfaden manches Mal reißen, gibt Matthias zu: „Wir sind auch nur Menschen.“ Aber: „Manche Dinge, die andere Eltern aufregen, nehmen wir mit Gelassenheit hin.“ Gelassenheit scheint ein großes Stichwort in der Familie zu sein, wie auch Patrizia andeutet: „Wenn Moritz seine Auszucker hat, hilft es manchmal, ein bis zwei Stunden zu warten. Das kann man lernen.“ Auch Moritz’ Bruder kann mit der Krankheit gut umgehen. Wenn ein Streit zwischen den beiden über das normale Maß hinausgeht, zieht sich der Bruder in sein Zimmer zurück und nimmt die Attacken nicht persönlich.

Sich selbst verstehen. Überhaupt wirkt der 10-Jährige sehr reflektiert, sehr aufgeklärt, was seine Krankheit betrifft. Im Gegensatz zu seinem Bruder ist Moritz nicht schüchtern, unterbricht oft, will uns berichten, wie das für ihn ist, so ein Leben, in dem das Konzentrieren und das Sich-Kontrollieren oft schwierig ist. „Manchmal bin ich so angespannt.“ Und: „In der alten Schule war ich immer der Böse, keiner mochte mich.“ Es scheint ihm zu gefallen, im Mittelpunkt des Gesprächs zu stehen, auch wenn er immer wieder verschämt grinst, wenn Mama und Papa „etwas Peinliches“ erzählen. Ein bisschen scheint es, als würde es ihm leidtun, dass er es seinen Eltern nicht immer leicht macht. „Es ist eh schon besser geworden!“, meint er an einer Stelle, als Mama wieder mal sein Verhalten reflektiert. „Er entschuldigt sich oft unter bitteren Tränen im Nachhinein für sein Verhalten und versteht selbst nicht, was mit ihm los war“, erzählt Patrizia.

Dämpfung. Auch wenn der Schulwechsel positiv auf Moritz eingewirkt hat, wurde der Leidensdruck zuletzt immer größer – sowohl aufseiten der Eltern als auch bei Moritz selbst. Es kam vergangenes Schuljahr zu einem starken Leistungsabfall (Moritz: „Ich habe selbst gemerkt, dass mir das Lernen immer schwerer fiel!“), für ihn wurde das Nicht-Konzentrieren-Können zu einem immer größer werdenden Problem. Aus diesem Grund haben sich Patrizia und Matthias nach langem Überlegen für eine vorübergehende medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphenidat entschieden – vielleicht wirkt Moritz auch deshalb während unseres Gesprächs nicht unruhiger als andere 10-jährige Burschen. Das Medikament soll ihm dabei helfen, den Alltag zu bewältigen, sich zu konzentrieren. Daheim, aber vor allem in der Schule. Es wirkt, seitdem ist er ausgeglichener. „Man kann wieder ein normales Gespräch mit ihm führen“, atmet Patrizia auf. Als wir gehen, verabschiedet sich Moritz höflich, bevor er zurück in sein Zimmer springt …

Weitere Informationen:
www.adapt.at

Experten-Interview

„Es werden zu oft Medikamente verschrieben!“

DDr. Peter Voitl, Wiener Facharzt für Kinder- und Jugend­heilkunde, im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN.

Wie erkennt man ADHS?
Voitl: Das Hyperaktivitätssyndrom bezeichnet ein Verhalten, das sich durch notorische Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Aktivitätssteigerung mit motorischer Unruhe ausdrückt. Dies erfolgt in einem für den Entwicklungsstand des Kindes abnormen Ausmaß  sowie situationsübergreifend. Hyperaktive Störungen beginnen in den ersten fünf Lebensjahren. Störungen der Aufmerksamkeit und auch Hyperaktivität werden jedoch häufig überdiagnostiziert. Schätzungen zufolge leiden nur vier bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen daran, wobei Buben zwei- bis neunmal häufiger betroffen sind als Mädchen. Die Diagnostik ist komplex und sollte nur von Fachleuten durchgeführt werden.

Wie entsteht ADHS?
Man geht von einem Geschehen aus, das gemeinsam von organischen, psychologischen und sozialen Einflüssen geprägt ist.

Ihre Meinung zur medikamentösen Behandlung von ADHS-Kindern?
Wird mit der kinderpsychotherapeutischen Behandlung kein Erfolg erzielt oder liegt eine unerträgliche Belastungssituation vor, kann man eine Behandlung mit Substanzen erwägen, die den Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflussen. Aber: Die Wunschvorstellung vieler Eltern ist es, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu bekommen, sodass Medikamente zu oft und zu schnell verordnet werden. Wichtig ist, trotz medikamentöser Behandlung die therapeutische Unterstützung nicht abzubrechen.

 

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