Dienstag, 24. September 2019

Unser Gehirn – vom Leben gezeichnet

Ausgabe 2019.09

Wissenschafter bestätigen in einer aktuellen Studie: Je gesünder wir leben, desto mehr graue Gehirnzellen bleiben erhalten – und desto geistig fitter sind wir im Alter.

 


Foto: iStock-exdez

Zu viel Alkohol, zu wenig Sport, die Abhängigkeit von Glimmstängeln: Dass ein ungesunder Lebensstil sich auf unsere körperliche Gesundheit negativ auswirkt, ist nichts Neues und jedem von uns weitgehend bekannt (auch wenn wir uns nicht immer an gut gemeinte Ratschläge halten). Ungeklärt war bisher jedoch, ob übermäßiger Alkoholgenuss, Tabakkonsum und die Vorliebe, lieber auf der Couch zu dösen, als beim Jogging oder Walken zu schwitzen, auch signifikante Spuren in unserem Gehirn hinterlassen. Dass dies tatsächlich so ist, beweist eine deutsche Studie des Jülicher Instituts für Neurowissenschaften und Medizin rund um die Forscherinnen Svenja Caspers und Nora Bittner.

Viele Faktoren
Insgesamt wurden Daten von 248 Frauen und 301 Männern im Alter von 55 bis 85 Jahren analysiert, die sich mit der Lebenssituation der Probanden befassten. Aber auch Kernspinaufnahmen der Gehirne standen dem Forscherteam zur Verfügung. Die Daten stammen allesamt aus der groß angelegten 1000-Gehirne-Studie. Für die Jülicherstudie wurden die Faktoren soziales Umfeld, körperliche Aktivität sowie Alkohol- und Tabakkonsum berücksichtigt. „Bisherige Studien haben diese Faktoren häufig nur einzeln betrachtet“, kritisiert Studienleiterin Caspers im GESÜNDER LEBEN-Gespräch. „Unser Datensatz erlaubt es jedoch, alle vier Aspekte gleichzeitig in jedem einzelnen Probanden zu betrachten und dabei auch Effekte aufzudecken, die erst durch das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren zustande kommen.“

Einsamkeit lässt altern
Sport, soziale Kontakte und Alkohol wirken sich direkt auf unsere Gehirnstruktur aus. Dazu Nora Bittner: „Die graue Substanz in bestimmten Regionen des Gehirns ist zum Beispiel bei Menschen, die in einem regen sozialen Umfeld leben, besser erhalten als bei Menschen, die wenig soziale Kontakte haben. Auch sportlich aktive Menschen zeigen im Alter einen geringeren Volumensverlust des Gehirns als inaktive Zeitgenossen.“ Ein hoher Alkoholkonsum hingegen wirkt sich negativ auf die Gehirnstruktur aus, „geht also mit einem Gehirnabbau und dem Verlust von Nervenzellen einher“. Sowohl die Abnahme von Nervenzellen als auch von Gehirnvolumen gelten im Alter als mitverantwortlich für eine geringere geistige Leistungsfähigkeit und Flexibilität. Interessant: Der jeweilige Lebensstilfaktor wirkte sich jeweils vor allem auf eine bestimmte Gehirnregion aus, betont Caspers. „So war beispielsweise eine mit dem Lebensstil assoziierte Veränderung der Hirnstruktur im rechten Stirnlappen – einer Region, die besonders mit regelbasierter Entscheidungsfindung und Selbstkontrolle assoziiert ist – durch den Faktor ‚soziale Integration’ getrieben, während die beobachtete Veränderung in einem Teil des motorischen Systems besonders durch die Faktoren ‚körperliche Aktivität’ und ‚Alkoholkonsum’ beeinflusst wurde.“

Raucher mit weniger Reserven
Anders als beim Alkohol wirkt sich Tabakkonsum weniger auf die Gehirnstruktur, sondern vielmehr auf die Gehirnfunktion aus. „Es zeigte sich, dass die sogenannte funktionelle Konnektivität, also die gezielte Zusammenarbeit von Hirnregionen untereinander, im ruhenden Gehirn bei Rauchern höher ist als bei Nichtrauchern“, erklärt Bittner und Caspers fügt hinzu: „Dadurch sind mögliche Reserven des Gehirns für eine kognitive Leistung bereits im Ruhezustand stärker aufgebraucht und stehen somit nicht mehr zur Verfügung, was möglicherweise die häufig eingeschränktere kognitive Fähigkeit älterer Menschen erklären könnte. Unsere – durchaus überraschenden – Ergebnisse deuten darauf hin, dass Rauchen hier einen ähnlichen Effekt hat wie der Alterungsprozess selbst.“

Mehr Hirnsubstanz
Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Das Gehirn eines Menschen mit gesundem Lebensstil unterscheidet sich signifikant von jenem eines Menschen mit ungesundem Lebensstil. Caspers: „Unsere Studie deutet darauf hin, dass Menschen mit einem gesunden Lebensstil eine besser erhaltene Hirnsubstanz in einzelnen Regionen des Gehirns – nämlich dem rechten Stirnlappen und einem Teil des linken motorischen Systems – haben als Menschen mit einem ungesünderen Lebensstil. Zudem verringert sich bei einem ungesunden Lebensstil die sogenannte Gehirnreserve, also die Fähigkeit des Gehirns, in Situationen, in denen hohe Leistungen gefordert werden, noch mehr Ressourcen zu aktivieren, um die Aufgabe zu erfüllen.

 

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