(Un-)Sichtbare Narben

Ausgabe 09/2012
Multiple Sklerose: Meist bricht die Krankheit zwischen 20 und 40 aus, übrigens häufiger bei Frauen als bei Männern. Was aber ist MS? GESÜNDER LEBEN über eine Krankheit mit vielen Gesichtern.

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Nein, Multiple Sklerose (MS) ist keine Geisteskrankheit. Auch handelt es sich nicht um Muskel- oder Knochenschwund. Dennoch werde MS bis heute mit diesen Krankheitsbildern verwechselt, weiß Dr. Peter Schnabl, Facharzt für Neurologie an der Privatklinik Maria Hilf in Klagenfurt: „Körperliche Behinderungen wurden oder werden mitunter immer noch mit geistiger Behinderung gleichgesetzt. Insgesamt haben die Erkenntnisse über MS in den letzten Jahren aber deutlich zugenommen und das ‚Bild’ der Erkrankung hat sich geändert.“ Was also ist MS? Eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das heißt: Gehirn und Rückenmark sind betroffen. Konkret sind es die Nervenfasern, die von einer Schutzschicht umgeben sind – vergleichbar mit elektrischen Kabeln. Bei MS kommt es schubweise zu Entzündungsherden im Bereich dieser Schutzschicht, was vorübergehend zu einer Blockierung der Nervenleitung führt und sich durch verschiedenste Symptome zeigt. Vor allem zu Beginn der Krankheit könne sich dies zurückbilden und die jeweilige Nervenbahn wieder normal funktionieren, betont Schnabl: „Allerdings: Narben bleiben. Diese sind anfangs zumeist ausschließlich im MRT zu sehen. Über die Jahre können jedoch auch für den Patienten und die Umwelt sichtbare Restsymptome bleiben.“ So leuchtet auch der Name besser ein, bedeutet doch multiple „viele“ und Sklerose „Verhärtungen“ (Narbengewebe). Überdies handelt es sich bei MS, wie bei vielen chronischen Erkrankungen, um eine Autoimmunerkrankung. Vereinfacht gesagt, werden die neurologischen Störungen also durch das körpereigene System verursacht. Allein: „Die eigentlichen Auslöser sind immer noch ein Rätsel. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus umweltbedingten, genetischen und viralen Faktoren die Krankheit verursacht.“

Krankheit der 1000 Gesichter. So wird MS auch genannt. Die Symptome sind sehr unterschiedlich. Ist der Sehnerv betroffen, kann es zu Sehstörungen kommen, und der Betroffene kann beispielsweise nur Umrisse oder „wie durch ein Milchglas“ die Umgebung wahrnehmen. Kommt es im Bereich des Hirnstamms zu einer neurologischen Störung, treten mitunter Sprech- oder Schluckstörungen auf. Fatigue (chronische Müdigkeit), Depressionen, Konzentrationsschwäche und kognitive Störungen sind Anzeichen, dass das Großhirn betroffen ist, hingegen deuten etwa Koordinationsstörungen darauf hin, dass sich die akut entzündete Stelle im Kleinhirn befindet: „Die Patienten schwanken. Für Außenstehende macht das den Anschein, als wären sie betrunken“, erklärt Schnabl. Wie bereits erwähnt, kann MS auch zu Entzündungen im Rückenmark führen, als Folge treten bisweilen Gehstörungen, Muskelsteifheit, Darm- und Blasenfunktionsstörungen, aber auch sexuelle Funktionsstörungen auf. Ein weiteres Problem von MS ist die Tatsache, dass die Verlaufsformen unterschiedlich sind. Aber auch bei den Betroffenen selbst weist die Erkrankung kein festes Muster auf, was zum Beispiel bedeutet, dass die meisten Patienten zwar mehrere Symptome haben, welches davon bei einem akuten Schub auftritt, ist indes nicht vorhersehbar.

Was ist eine Autoimmunerkrankung?
Bei einem gesunden Menschen unterscheidet das körpereigene Immunsystem zwischen „eigen“ und „fremd“. Autoimmunerkrankung ist in der Medizin ein Überbegriff für Krankheiten, deren Ursache eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe ist. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen das vermeintlich „Fremde“ und vernichtet somit körpereigenes Material. Dieser Kreislauf lässt sich nur selten durchbrechen, und so kommt es z. B. bei MS zu chronischen Entzündungen des Zentralen Nervensystems mit anhaltenden Schädigungen. Infos und Hilfe bietet die Österreichische Gesellschaft für Neurologie im Internet: www.oegn.at.


Keine einfache Diagnose. Bis MS diagnostiziert wird, vergehen nicht mehr Jahre – wie das früher oft der Fall war. Nichtsdestotrotz ist die Diagnose bis heute kompliziert, einerseits weil die Krankheit selbst so vielfältig ist, andererseits weil die unterschiedlichen Symptome auch auf andere Erkrankungen zurückgeführt werden können. Zudem gibt es nicht den „einen Test“, mit dem MS vollkommen zuverlässig nachgewiesen werden kann. Im Gegenteil: Neben den unterschiedlichen klinischen Merkmalen beruht die Diagnose auf den Ergebnissen zahlreicher, sich jedoch stetig verbessernder Untersuchungsmethoden. „Es ist heutzutage aber so, dass gerade bei jungen Menschen mit neurologischen Störungen der Verdacht ziemlich schnell von einem Spezialisten abgeklärt wird“, erklärt Schnabl. Steht die Diagnose einmal fest, kann der behandelnde Arzt den möglichen Verlauf der Krankheit definieren und, wenn erforderlich, sehr früh eine wirksame Therapie einleiten. Für die Betroffenen, die meist mitten im Leben stehen, bedeutet dies, dass sie ihre Zukunft entsprechend gestalten können. In jedem Fall aber brauchen MS-Patienten und deren Familien professionelle Hilfe. Bei der Suche nach einem erfahrenen Facharzt für Neurologie ist entscheidend, dass eine weitreichende Vertrauensbasis besteht, schließlich handelt es sich um eine (noch) unheilbare Krankheit. Eine große Hilfe stellen hier die MS-Zentren dar, die entweder von Krankenhäusern oder niedergelassenen Neurologen betrieben werden. Eine Liste aller Zentren findet man auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie.  

Therapie auf mehreren Säulen. Schnabl betont: „Entscheidend ist ein Gesamtkonzept medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapieansätze. So bedarf es beispielsweise auch einer psychologischen Betreuung, einer Physiotherapie, Ergotherapie, einer Logopädie und anderer Rehabilitationsverfahren.“ Neben der Schulmedizin gibt es auch Erfahrungsberichte über komplementärmedizinische Behandlungsmethoden, die in speziellen Situationen durchaus Sinn machen. Nachweisbar positive Auswirkungen hat übrigens eine erhöhte Aufnahme von Vitamin D. „MS ist eine sehr komplexe Erkrankung, daher sollte auch die Therapie auf mehreren Säulen basieren“, meint Schnabl und fügt hinzu: „MS ist zwar nicht heilbar, aber man kann auf jeden Fall mit dieser Krankheit leben, nicht zuletzt weil die Qualität der Behandlung in Österreich sehr hoch ist.“
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