Montag, 20. Mai 2019

Stress, lass nach!

Ausgabe 2013/05
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Das Burn-out-Syndrom ist ein gesellschaftliches Problem geworden, das längst nicht nur in Managerkreisen anzutreffen ist und großes persönliches Leid hervorruft. GESÜNDER LEBEN zeigt, welche Ursachen ein Burn-out hat, welche Symptome zu ständigen Begleitern werden und wie Sie gegensteuern können.


Foto: Can Stock Photo Inc. - wacker

Und plötzlich ging es einfach nicht mehr. Marion H. (45) konnte sich eine erfolgreiche Abteilungsleiterin eines renommierten Unternehmens nennen, zu deren Alltag ein voller Terminkalender, mindestens 40 Arbeitsstunden, zwei schulpflichtige Kinder, ein Ehemann und ein Haushalt gehörten. Sie war stets bereit, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Sich selbst zu „spüren“, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen – das hatte in ihrem Leben einfach keinen Platz. Bis – ja bis sie quälende Migräneattacken heimsuchten, die sie anfangs ignorierte; bis sich beruflicher Leistungsverlust bemerkbar machte, der zu Problemen mit der Chefetage führte. Und bis ihr Ehemann sie wissen ließ, dass er sich von ihr zu wenig beachtet fühlte und „Abstand“ benötige. Die Folge: Der zunehmende Stress höhlte die Mittvierzigerin nach und nach aus; sie zog sich immer mehr zurück und war mit drohendem Arbeitsverlust konfrontiert. Nach etlichen Monaten folgte sie letztlich dem Rat einer Freundin und wandte sich an einen klinischen Psychologen, der den wenig überraschenden Verdacht in ein Wort fasste: „Burn-out“. Marion H. ist damit in „bester“ gestresster Gesellschaft. Mittlerweile leidet, laut Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie (APP) mit Sitz in Wien, jeder dritte österreichische Arbeitnehmer unter Stress, jeder fünfte kennt burnoutähnliche Phasen. Und die Zahl der Erkrankungen droht massiv zu steigen. Doch was steckt hinter der Zivilisationskrankheit, die in den 70er-Jahren in den USA in Zusammenhang mit Pflegeberufen erstmals in der Öffentlichkeit auftauchte? Was sind die Ursachen – und wie kann man sich davor schützen?

Schutz vor Burn-out

Am besten ist es, einem Burn-out erst gar keine Chance zu geben. Mit folgenden Präventivmaßnahmen sollte es gelingen:

  • Lernen Sie, zu delegieren. Sie müssen nicht alles selbst machen und sind auch nicht unersetzlich. Vielmehr zeugt es von entsprechendem Selbstmanagement, wenn Sie wissen, wen Sie guten Gewissens mit bestimmten Aufgaben betrauen können.
  • Vermeiden Sie unnötigen Druck. Stress ist bekanntlich hausgemacht. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, nehmen Sie sich alle Freiheiten, die Sie bekommen können und sagen Sie ganz bestimmt auch einmal „Nein“, wenn es die Situation erfordert.
  • Multitasking ade. Auch wenn es heutzutage als besonders modern gilt, fünf Dinge gleichzeitig zu erledigen – verabschieden Sie sich, wenn möglich, vom Multitasking-Gedanken. Erstellen Sie sich lieber eine „To-do-Liste“, markieren Sie die Prioritäten und arbeiten Sie einen Punkt nach dem anderen ab.
  • Atmen Sie durch. Zwischendurch einmal einen Gang zurückzuschalten sollte Bestandteil des Tages sein. Wie wäre es, wenn Sie in solchen Pausen bewusste Atemübungen praktizieren und tief unten im Zwerchfell einatmen, die Hände auf den Unterbauch legen und lange ausatmen? Ungeordnete Gedanken können besser losgelassen werden, der Organismus wird mit Sauerstoff versorgt und Sie werden allgemein gelassener und konzentrierter.
  • Machen Sie regelmäßig Sport. Bewegung ist ein effizientes Ventil, wenn sich zu viel Druck im Körper aufstaut. Für welche Sportart Sie sich entscheiden, ist dabei nicht so wichtig. Hauptsache, Sie finden einen guten Ausgleich zum beruflichen Stress.
  • Ernähren Sie sich gesund. Unsere Ernährungsgewohnheiten tragen zu unserem Wohlbefinden bei. Sich keine Zeit mehr für seine Mahlzeiten zu nehmen bzw. gar nicht mehr wahrzunehmen, was man isst, schlägt sich irgendwann im wahrsten Sinn des Wortes „auf den Magen“.
  • Achten Sie auf Reserven. Wer stets 100 Prozent gibt, hat in Stresssituationen keine Reserven mehr übrig. Bewahren Sie sich daher gut 20 Prozent Ihrer Arbeitsleistung für „schlechte Zeiten“ auf.
  • Lachen Sie! Optimistische und fröhlichere Menschen sind stressresistenter. Wer sich zu oft über sich und/oder andere ärgert, verschwendet unnötige Energien. Schier unüberwindbaren Situationen mit Humor zu begegnen ist sicherlich nicht ganz leicht, hat sich aber als erfolgreiche Strategie erwiesen.
  • Bleiben Sie im Dialog. Egal, ob auf beruflicher oder privater Ebene: Kommunizieren Sie und schlucken Sie nicht alles hinunter. So schaffen Sie Ungereimtheiten gleich aus dem Weg. Wer außerdem mit seinen Mitmenschen respektvoll umgeht und dem Gegenüber beim Gespräch auf Augenhöhe begegnet, schafft gute Voraussetzungen für ein „gesundes“ Miteinander.
  • Achten Sie auf Warnsignale Ihres Körpers. Fühlen Sie sich überlastet und/oder schlecht behandelt? Kreisen Ihre Gedanken stets um die Arbeit? Leiden Sie an Verspannungen, Schlafstörungen oder sonstigen körperlichen Beeinträchtigungen? Ziehen Sie gegebenenfalls die Notbremse!

Ausgebrannt durch Überforderung. Ein Burn-out tritt bei anfangs überaus leistungsbereiten Menschen in Berufen auf, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit erfordern, und die sich nach jahrelanger Frustration völlig erschöpft und innerlich hohl fühlen. „Es handelt sich um Menschen, die hochtourig mit ,seelischer Handbremse‘ arbeiten, zunächst keinen Leidensdruck verspüren, irgendwann aber von einer zunehmenden Unzufriedenheit heimgesucht werden, die in Angstzuständen und Empathieverlust münden kann“, erklärt Prim. Dr. Bernd Zirm, Ärztlicher Direktor des LKH Bad Radkersburg und ausgebildeter Burn-out-Berater. „In einer weiteren Phase machen sich eine starke Erschöpfung und eine Lustlosigkeit bemerkbar, die im Arbeitsleben anfangen und bei der Sexualität aufhören. Der Griff zu Suchtmitteln ist oft programmiert.“ Da das Syndrom gemäß der aktuellen Version des Internationalen Katalogs für psychische Störungen und Krankheiten (ICD 10) (noch) nicht als „echte“ Krankheit, sondern nur als „Begleitumstand“ definiert wird, gibt es bis dato keine genau definierte Liste von Symptomen. „Beim Burn-out handelt es sich am ehesten um einen Prozess der Reaktion auf Umstände in der Arbeitswelt. Betroffene berichten neben psychischen Symptomen auch über eine Vielzahl an körperlichen Beschwerden. Von außen sind häufig ein sozialer Rückzug bzw. Verhaltensänderungen gegenüber den Mitmenschen festzustellen“, erklärt Prof. Dr. Dietmar Winkler von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu den körperlichen Beschwerden zählen z. B. Müdigkeit und Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Verspannungen, Tinnitus, Herz-Kreislauf- oder Verdauungsprobleme; weiters treten oft negative Einstellungen gegenüber dem Leben, Gereiztheit und der soziale Rückzug auf.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Stress, lass nach!
Seite 2 Sucht nach Anerkennung

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