Montag, 20. Mai 2019

Streit um die Homöopathie: Kann sie heilen? Oder ist alles nur Scharlatanerie?

Ausgabe 2019.02
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Die einen schwören auf sie, andere lehnen sie vehement ab. Die Homöopathie polarisiert seit über 200 Jahren. GESÜNDER LEBEN zeigt, warum das so ist, lässt Befürworter und Gegner zu Wort kommen. Und zeigt, worin sich alle einig sind: die Grenzen der Homöopathie.


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Vor wenigen Wochen hat es in Sachen Homöopathie wieder anständig „gekracht“. Markus Müller, Rektor der MedUni Wien ließ das Wahlfach „Homöopathie“ aus dem Vorlesungsverzeichnis streichen und entfachte damit eine heftige Diskussion zwischen Gegnern und Befürwortern. Wieder einmal. Denn der Diskurs über die Homöopathie, der mitunter heftig wie ein Glaubenskrieg geführt wird, ist nicht neu. Für GESÜNDER LEBEN ist er jedenfalls Anlass genug, mit Befürwortern und Gegnern der Homöopathie zu sprechen und zu klären, warum die Homöopathie noch dermaßen polarisiert.

Ähnliches durch Ähnliches heilen
Die Eigenheiten der Homöopathie [homoios (gleich) und pathos (Leid), altgriech.] sind untrennbar mit den Erfahrungen ihres Begründers, dem Universalgelehrten Samuel Hahnemann, der auch in Wien studiert hat, verbunden. Sein Selbstversuch mit der Chinarinde, die damals als Mittel gegen Malaria eingesetzt wurde und bei Hahnemann selbst – in gesundem Zustand – Symptome des Wechselfiebers ausgelöst hatte, ließ ihn 1795 das sogenannte „Ähnlichkeitsgesetz“ und damit die Basis der Homöopathie entwickeln. Es besagt, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt wird. Er untermauerte dieses „Simile-Prinzip“, indem er alle möglichen Substanzen – u. a. Pflanzen, tierische Produkte oder Mineralien – als potenzielle Heilmittel testete und dabei beobachte, dass sie Reaktionen auslösen können. In vielen Fällen waren die Substanzen in der Lage, jene Symptome zu heilen, die sie beim Gesunden wiederum auslösen. – Klingt verwunderlich und weckt angesichts von Zutaten wie Tollkirsche, Arsen oder gar Krötensekret Assoziationen zu Zauberei und Hexenküche. In unserer Zeit wird da schon wissenschaftlicher vorgegangen: „Heute sind die Tests zur Arzneimittelprüfung weltweit durch das LMHI, die Liga Medicorum Homoepathica Internationalis, standardisiert“, betont Allgemeinmediziner und Homöopath Dr. Erfried Pichler, der zuletzt Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathie war. „Im Blind- oder Doppelblindversuch nehmen dabei gesunde Personen homöopathische Mittel, oftmals Globuli, ein – am ersten Tag meist 1 x 5 Stück, am zweiten Tag, so notwendig, 2 x 5 Stück. Treten dabei spezifische Symptome auf, protokollieren sie diese. Tritt am Tag 3 nach wie vor keine Reaktion auf, bricht man den Versuch ab, weil man davon ausgehen kann, dass keine Reaktion von diesem Prüfungsorganismus zu erwarten ist.“ Diese Prüfungssymptome stellen dann die Wissensbasis der homöopathischen Heilmittel dar. Ergänzungen erfolgen noch durch die erfolgreichen Anwendungen an Menschen und Tieren. All dieses Wissen wird aktuell in umfangreichen Repertorien, Arzneimittellehren oder Datenbanken gelistet – und angewandt. Aber nicht, wie Skeptiker meinen könnten, ausschließlich von Naturvölkern oder Esoterikern. Nein! In Österreich besitzen aktuell laut Ärztekammer 748 Ärzte das ÖAK-Diplom für Homöopathie. 80 Prozent davon sind Allgemeinmediziner, dahinter reihen sich mit großem Abstand Kinderärzte, Internisten oder Gynäkologen. Dieses Spezialdiplom wird von der Österreichischen Akademie der Ärzte nach Absolvierung der vorgesehenen 350 Fortbildungsstunden über einen Zeitraum von drei Jahren und einer Abschlussprüfung verliehen. Es werden „nur Methoden behandelt, die die Schulmedizin ergänzen“, heißt es dazu seitens der Österreichischen Ärztekammer.

Wirkung: ja. Erklärung: nein.
Für die Herstellung wird im Rahmen eines sehr aufwendigen Verfahrens die jeweilige Ausgangssubstanz zu einem Auszug verarbeitet. Diese wird durch stufenweises Verdünnen mit Wasser und Alkohol sowie durch rhythmisches Verschütteln (Potenzieren) immer mehr von ihren „materiellen Teilen“, wie es heißt, befreit. Hahnemann war der Meinung, dass durch dieses minutenlange Schütteln mit schlagenden Bewegungen die „Information“ der Substanz aus ihrer materiellen Hülle herausgelöst werden soll. – Hört sich fürs Erste freilich nach einem okkulten Ritual an und entbehrt jeglicher naturwissenschaftlichen Grundlage, wird aber bis heute von seriösen Herstellern so betrieben. Das Schütteln übernehmen freilich mittlerweile mehrheitlich Maschinen! Verdünnt wird in mehreren Schritten, z. B. 1:10 (D-Potenzen) oder 1:100 (C-Potenzen) und Spezialformen. Das höchst Kuriose: Je höher die Verdünnung ausfällt, je weniger bis gar keine Moleküle also im Arzneimittel vorhanden sind, desto stärker ist ihre Wirkung. Unsere Logik versteht das selbstverständlich gar nicht, denn im Regelfall gehen wir davon aus, dass ein „Mehr“ auch mehr hilft. Hier aber offensichtlich nicht. „Warum Homöopathie wirkt, konnte bislang nicht wissenschaftlich erklärt werden. Dass sie wirkt, hingegen schon“, so Pichler. Es gibt etwa 4.000 Studien zur Homöopathie, davon wurden etwa 1.800 am Menschen selbst durchgeführt. Bei 300 Studien handelt es sich um Doppelblindstudien, die den allgemein gültigen klinischen Standards entsprechen. Etwa 40 Prozent davon zeigen ein signifikant positives Resultat, 50 Prozent sind ausgewogen. Dies entspricht den schulmedizinischen Studienergebnissen, wie die argentinische Studienleiterin Prof. Regina El Dib zeigen konnte. Weitere Studien gibt es laut Pichler bis dato nicht, weil es an den notwendigen finanziellen Mitteln fehlt. „Man könnte es auch ein Politikum nennen. 80 Prozent aller schulmedizinischen Studien werden von der Pharmaindustrie finanziert. Die Homöopathie hingegen hat kaum erwähnenswerte Förderer. Von der öffentlichen Hand gibt es keine Unterstützung. Und das, obwohl es wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit gibt. Was fehlt, ist das Warum. Nur: Viele vergessen, dass nicht nur das wirksam ist, was mit den heutigen Analysemethoden beweisbar ist“, so Pichler.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Streit um die Homöopathie: Kann sie heilen? Oder ist alles nur Scharlatanerie?
Seite 2 Mittel zum Zweck
Seite 3 Kontra Homöopathie

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