Freitag, 22. November 2019

So geht Erholung

Ausgabe 2019.07/08
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Wussten Sie, dass schon fünf Minuten Pause positive gesundheitliche Auswirkungen haben? Dass wir im Urlaub an Tag 4 bis 8 am besten entspannen – und daher besser öfter kürzere Urlaube genießen sollten? Und dass uns schon der Blick auf einen Baum Erholung verschafft? Für GESÜNDER LEBEN erläutert Psychologe und Erholungsforscher Dr. Gerhard Blasche, warum Erholung lebenswichtig ist – und wie sie am besten gelingt. 


Foto: iStock-solarisimages

Erinnern Sie sich noch an die berühmten Duracell-Hasen aus der Werbung? Unzählige rosafarbene Langohren nähern sich da trommelnd einer Ziellinie: Anfangs gleich schnell, doch die Belastung bringt immer mehr Nagetiere zum Stillstand. Schließlich erreicht nur ein Meister Lampe das Ziel – jener mit der ergiebigsten Batterie. Im tatsächlichen Leben läuft es nicht viel anders: Nur wenn unsere Batterien voll sind, schaffen wir die Herausforderungen des Alltags. „Und nur wenn wir auf eine ausgeglichene Bilanz aus Aktivität und Erholung achten, laden sich diese Batterien wieder auf“, erläutert Dr. Gerhard Blasche. „Denn die täglichen Belastungen, allen voran die Arbeit, zehren an unseren Energiereserven. Sie führen zu durch Stress bedingter körperlicher Veränderung und langfristig zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Nur Erholung sorgt dafür, dass sich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit wieder einstellen“, so der Gesundheitspsychologe und Erholungsforscher.

 Erbe aus der Steinzeit 

Ständiger Stress bringt unser Hormonsystem gehörig in Aufruhr und aktiviert den Sympathikus – jenen Teil unseres Nervensystems, der für Aktivierung, Flucht und Kampf zuständig ist. Diese biologische Reaktion ist so alt wie die Menschheit. Im Überlebenskampf gegen wilde Tiere oder Nachbarstämme haben sich über Jahrtausende hinweg zwei Taktiken bewährt: Kampf oder Flucht. Bis heute ist unser Gehirn so programmiert. Um uns in Sekundenschnelle in Handlungsbereitschaft versetzen zu können, läuft, sobald wir Stress empfinden, dasselbe Programm ab. Zunächst kommt es zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin ins Blut. Diese Stresshormone aus dem Nebennierenmark bewirken unter anderem einen Anstieg des Blutdrucks und des Blutzuckers. Zudem ziehen sich bei Stress die Gefäße zusammen, das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz beschleunigt sich. Für unsere Vorfahren waren diese Mechanismen, die den Körper in Hochspannung versetzen, im Kampf ums Überleben unabdingbar. Aber im Unterschied zu heute ließ die Anspannung nach, wenn das Tier getötet, der Feind besiegt oder die Flucht geglückt war. Heute wird das Stresssystem aber bei ganz anderen Problemen aktiviert: etwa bei Überlastung am Arbeitsplatz, Angst um den Job, bei einem cholerischen Chef oder einem kniffligen Auftrag. Das Problem: Wir können in den meisten dieser Fälle weder flüchten noch kämpfen. Die bereitgestellte Energie wird nicht verbraucht, Stresshormone werden nicht abgebaut. Unser Körper wird auf Dauer in permanente Stressbereitschaft versetzt. Und das macht uns langfristig krank. „Stress führt zu körperlichen Veränderungen. Zunächst kommt es zu häufigen Ermüdungszuständen, wir fühlen uns erschöpft und können uns zu nichts aufraffen“, erklärt Blasche. „Gesteigerte Belastung geht häufig auch mit Schlafproblemen einher. Wir können schlecht ein- oder durchschlafen und rauben dem Organismus dadurch die wichtige Regenerationsphase in der Nacht.“ Werden solche Belastungs- nicht durch Erholungsphasen ausgeglichen, führt das langfristig zu gesundheitlichen Schäden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Burn-out.

 

Zeit für Erholung 

Doch wie gelingt nun der Ausgleich unserer Energiebilanz? „Erholung hat viel mit Nachgeben und Entspannung zu tun und funktioniert nicht auf Knopfdruck“, erklärt der Experte. Wichtig ist eine entspannte Geisteshaltung, um freie Zeit für sich zu haben und jenen Dingen nachgehen zu können, die einem Freude machen.“ Die optimale Zeitspanne und Methode für die bestmögliche Erholung? Gibt es nicht, so Blasche, denn: „Erholung ist abhängig vom Stresspegel des Menschen und von der Art der vorangegangenen Belastung. Wir wissen zum Beispiel aus Studien, dass Altenpfleger nach zwei zwölfstündigen Tagesschichten mindestens drei Tage benötigen, um sich wieder zu erholen. Medizinstudenten brauchen nach ihrer Jahresprüfung sogar fünf bis sechs Tage, bis sie wieder auf die Ausgangslage vor der Belastung kommen.“ Im Durchschnitt reiche jedoch ein Wochenende, um ausreichend aufzutanken. „Sie sollten am Montagmorgen das Gefühl haben, die Woche nicht schon mit einem Defizit im Energiehaushalt zu starten.“ Um den Stresspegel bis zum Wochenende nicht uneinholbar anwachsen zu lassen, ist das tägliche Erholungsfenster nach der Arbeit genauso wichtig. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass weniger als eine Stunde freie Zeit pro Tag nicht ausreicht, um sich erholen zu können.“ Mindestens so viel Zeit sollte man also pro Tag haben, in der man selbstbestimmt und ohne familiäre und andere Verpflichtungen das tun kann, wozu man gerade Lust hat.

 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 So geht Erholung
Seite 2 Einfach abschalten!

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