Montag, 10. Dezember 2018

Singen als Weg zum Selbst

24. Februar 2012
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Singen braucht keine “Technik“, es ist ein Stück unserer biologischen Grundausstattung. Wer diese Wahrheit ernst nimmt, muss nur mehr weglassen, womit er sich selbst beim Singen im Weg steht und erfährt, dass er damit nicht nur seine Klangfähigkeit, sondern insgesamt sein eigentliches Wesen befreit.

Foto: flickr.com - spaceodissey
Ich werde diesen Tag nie vergessen, den Termin bei meinem letzten Lehrer Edvin Szamosi. Ich sang ein Lied aus Schuberts “Winterreise“ - und zum ersten Mal passierte ES: Ich erlebte, einfach nur dazusitzen, nicht selbst zu singen, sondern - ja - ES geschehen zu lassen und wirklich vollständig beiseite zu treten - nur zu beobachten, was da aus mir entstand. ES sang aus mir - so klangvoll, leicht und berührend, dass es mich zutiefst erschütterte - erstens, weil es so schön war, zweitens, weil das ICH sein sollte, meine Schönheit und Fähigkeit. Zugleich aber - ICH tat ja nichts - regte sich Unbehagen: “Ich hab Angst“, sagte ich zu Szamosi. “Wenn das hier Singen ist, dann bin ich ja überflüssig!“ Er lächelte mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Freude, Wissen und präziser List: “Ja, wenn Sie sich mit dem identifizieren, was Sie jetzt weggelassen haben, dann sind Sie wirklich überflüssig.“


ES singt mich!
Wer eine solche Erfahrung machen durfte, zweifelt nicht mehr, weil er es aus seinem eigenen unleugbaren Erleben weiß: Singen, als selbstverständlicher Teil unserer Natur; das wir nicht mehr erlernen, sondern nur sein lassen müssen, führt zu viel mehr als nur zu einer hervor-ragenden Stimme. Es führt uns hinter all die Masken und Verkleidungen, die wir fälschlich für uns selbst halten. Es führt uns hin zum Erleben von etwas, das unvorstellbar größer und schöner ist als diese Illusion - und das zugleich einen Haken hat: Zu diesem Sein können wir nichts beitragen. Wir verdanken es nicht uns selbst, folglich können wir uns damit auch nicht groß und wichtig machen. Diese Natur-gemäße Größe hat also zugleich den Preis der größten Demut: Vollständig, aber wach beiseite zu treten, und dem Leben, dem SEIN, das dann durch uns wirkt, seine Bahn zu lassen. Diese zutiefst transformierende Erfahrung ist nicht auf das Singen beschränkt. Sie ist der existenzielle Zustand des Mensch-Seins an sich und berührt daher sämtliche Lebens- und Wesensbereiche.

Jeder KANN singen!
Es handelt sich hier nicht um ein mystisch-undurchschaubares Geschehen. Wenn wir den Menschen nicht bloß als biochemische Maschine, sondern als Einheit von Körper, Seele und Geist verstehen, dann lässt sich dieser Vorgang ganz plausibel erklären.
Die Grundthese lautet: Jeder (organisch gesunde) Mensch kann singen - und zwar richtig. Und wir wissen das, weil wir es alle schon einmal gekonnt haben: Jedes kleine Kind kann stundenlang schreien, ohne heiser zu werden. Es kann mit unvergleichlichem Wohlklang lallen (mit einem nachweislich unübertroffenen Reichtum an mitschwingenden Obertönen). Und eine Kinderstimme klingt mühelos über weite Plätze und durch riesige Hallen. Für diese unglaubliche Klangentfaltung muss das Kind keinerlei Anstrengung aufwenden. Es ist einfach da, und der Körper folgt dem seelischen Impuls, sich auszudrücken ganz von selbst. Wir haben also ein “eingebautes“ Wissen darüber, was zu tun ist. Und dieses Wissen muss nicht zu Bewusstsein kommen, um wirken zu können.
Ein guter Sänger sollte also nur tun, was er als Kind getan hat: In diesem Augenblick aus einer von authentischen (also nicht von Pflichtgefühl oder Müssen getragenen) Absicht heraus Musik machen wollen – und seinen Körper musizieren lassen.

Nicht tun, sondern lassen
Fast alle Gesangsschulen, die ich kenne, begegnen dieser Erkenntnis auf die gleiche Weise: Sie versuchen, den wenigen guten Sängern oder auch den Kindern Regeln abzuschauen, was denn der Körper beim Singen bzw. Sprechen idealerweise “tut”. Was sie dabei zu entdecken glauben, befehlen sie dann ihren Schülern: “Stützen Sie!” (ein völlig abwegiger Begriff, der aus einer falschen Übersetzung des italienischen appoggiare = anlehnen entstanden ist) - “Decken Sie!” - “Singen Sie in Gähnstellung!” (als ob Gähnen eine Stellung wäre…). Weitere verbreitete Regeln sind z.B. “Bauchatmung”, “In die Maske singen”, “Atmen, wie wenn man an einer Rose riecht”, “Ein Gummiband zwischen der Stirn und dem Kreuzbein spüren” oder “Singen Sie mit der Vorstellung, Sie hätten ein rohes Ei im Mund”. Gemeinsam sind all diesen Vorschlägen zwei Absichten:
€ Erstens soll der Schüler das TUN, was im Körper beim naturgemäßen Singen bzw. Sprechen GESCHIEHT. Das Wirkprinzip ist also Manipulation.
€ Zweitens liegt das Augenmerk auf dem KlangERGEBNIS (“So und so soll es klingen!”), anstatt auf dem PROZESS, durch den es zustande kommt - was übrigens auch heißt: “Es ist egal, wie sich der Sänger fühlt - Hauptsache, der Effekt wird erreicht.”
In Sprech- und Stimmkursen (insbesondere für Manager) wird diese Absicht meist auch klar ausgesprochen: “Die Macht Ihrer Stimme”, “Wie Sie durch den effektvollen Einsatz Ihrer Stimme in jeder Situation überzeugend wirken”, “Mehr Durchsetzungskraft durch Stimmtechnik”, usw. Damit unterliegt jedoch das Stimmtraining im Allgemeinen und das Singen im Speziellen der zentralen Neurose der westlichen Industriegesellschaft und ihres Wirtschaftssystems: Im Blickfeld liegt nur der “Output”, und damit der “stimmt” (welch grimmige Ironie…) werden Mittel gesucht, um ihn zu “produzieren”.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Singen als Weg zum Selbst
Seite 2 Befreiung des Atems
Seite 3 Ich bin okay!


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