Freitag, 22. Februar 2019

Sing dich gesund!

Ausgabe 2017.02

Singen hilft, Selbstvertrauen aufzubauen, kann Angststörungen mildern, Glückshormone freisetzen – ja sogar den Allgemeinzustand verbessern. GESÜNDER LEBEN begibt sich auf eine musikalische „Gesundheitsreise“.


Foto: Can Stock Photo - miss_j, halfpoint

Sie stehen verärgert im Stau und aus dem Auto neben Ihnen dröhnt laut Musik, während der Fahrer sich mit seligem Blick im Rhythmus wiegt und sich so in eine andere, bessere Welt versetzt. Und plötzlich wird einem bewusst: Musik hat eine ganz besondere seelische, geistige und körperliche Wirkung auf uns Menschen. „Wo man singt, dort lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Das haben schon unsere Urgroßeltern gewusst. Singen begleitet die Menschen in allen Lebenssituationen, in den fröhlichen wie in den traurigen. Ob auf einer Berghütte nach gelungenem Aufstieg, auf der Skihütte nach einem fröhlichen Tag auf der Piste oder ganz einfach in einer gemütlichen Gaststube: Ganz schnell holt jemand seine Gitarre oder eine Ziehharmonika hervor und  alle Umsitzenden beginnen zu singen …

Wir alle können singen! Was macht Singen für die Menschen so wesentlich? GESÜNDER LEBEN trifft Gabriela Grabenhofer, die in ihrer Praxis in Mödling seit mehr als 20 Jahren als körperorientierte Psychotherapeutin arbeitet. Durch eine dreijährige Ausbildung in klassischer Stimmbildung hat sie auch persönliche Erfahrungen mit dem Singen. „Noch vor Entwicklung der Sprache haben die Menschen durch Töne kommuniziert. Gesang ist die ureigenste Ausdrucksform aller Menschen – etwa die beruhigenden Schlaf- oder die fröhlichen Geburtstagslieder“, so Grabenhofer. Für unterschiedliche Anlässe haben Menschen verschiedene Gesänge entwickelt. „Man denke nur an die Arbeitslieder der afrikanischen Sklaven, an die Lieder der Indianer vor dem Kampf oder an die Gesänge der Frauen beim Kochen am Feuer. Gesang ist ein globales Phänomen, das dem Menschen vom Mutterleib bis zur Sterbebegleitung als Ressource zur Verfügung steht.“ Klingt gut, aber warum singen wir dann nicht alle? Grabenhofer: „Es gibt Menschen, die überzeugt sind, nicht singen zu können. Das hat fast immer mit traumatischen Kindheitserlebnissen und negativen Bewertungen zu tun,“ erklärt die Expertin. „In der Therapie arbeiten wir daran, dass der Klient nicht beurteilt wird und sich selbst annimmt. Sobald das gelingt, gibt´s auch kein falsches Singen mehr, durch die Selbstsicherheit lösen sich die Verspannungen und plötzlich singt man richtig.“ Ihr Fazit daher: „Alle Menschen können singen!“

Gemeinsam singt es sich besser. GESÜNDER LEBEN will wissen, ob das gemeinsame Singen nicht noch größere positive Gesundheitseffekte zeigt. Deshalb besuchen wir Anna. Sie ist 80 Jahre alt und wirkt seit 40 Jahren im Kirchenchor mit. „Schon in meiner Jugend habe ich im Kirchenchor meiner Heimatgemeinde gesungen. Dazu braucht man nämlich keine Aufnahmeprüfung,“ lacht sie. Das Gemeinsame macht ihr Freude, auch neue Menschen kennenzulernen und Kontakte aufzubauen. Die Atemtechnik beim Singen fördert das tiefe Atmen, sagt sie. „Es tut mir gesundheitlich gut. Nach dem Singen fühle ich mich freier, so richtig frisch und munter. Und abends bin ich dann entspannt und schlafe gut.“ Dieses subjektiv empfundene Wir-Gefühl, der gesundheitliche Nutzen des Singens – lässt sich all dies auch wissenschaftlich bestätigen? Ja, meint Prof. Dr. Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg. „Singen verbindet“, sagt der Experte, der sich mit musikalischer Wirkungsforschung beschäftigt. „Untersuchungen zeigen, dass Chorsingen Gefühle von Geborgenheit aufkommen lässt. Sängerinnen und Sänger erleben sich als Teil eines übergeordneten Ganzen. Solche Gefühle sind körperlich oft von einer erhöhten Ausschüttung des Hormons Oxytocin begleitet, was tatsächlich bei Sängern nachgewiesen werden konnte.“ Nach dem Singen fühlen sich Chorsänger emotional besser. Und: „Das gemeinsame Singen regt die lokale Immunabwehr in den oberen Atemwegen an, es baut Stress ab und stärkt die körperlichen Abwehrkräfte.“ Auch eine langfristige Wirkung auf die Gesundheit konstatiert Prof. Kreutz und verweist auf eine Studie des US-amerikanischen Gerontologen Gene Cohen aus dem Jahr 2007. Cohen und seine Kollegen gründeten einen professionell angeleiteten Chor für Menschen ab 70 Jahren und verglichen die Gesundheitsdaten der Teilnehmer während eines Jahres mit den Daten von Altersgenossen aus einer Vergleichsgruppe. Die Chorsänger verbrauchten weniger Medikamente, besuchten seltener einen Arzt und erlitten weniger Stürze im Vergleich zu ihren Altersgenossen.

Singen als Beruf. Maria Theresia Gruber hat Gesang sogar zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist klassische Sängerin. Sechs Jahre dauert das Studium Konzertfach Gesang. Ihre Stimmlage ist Sopran, sie singt zum Beispiel die Pamina in Mozarts Zauberflöte, in Konzerten Lieder von Franz Schubert oder Oratorien von Bach und Haydn. Sie erzählt: „In meiner Familie ist immer klassische Musik gespielt worden, sie begleitet mich schon mein Leben lang. Als ich mit 14 Jahren einen Liederabend mit Schuberts ,Schöne Müllerin‘ gehört habe, da hab ich gewusst, ich will nichts anderes machen in meinem Leben als Singen.“ Warum sie diesen ungewöhnlichen Beruf gewählt hat, fragen wir sie. „Das Geschenk des Musikmachens ist wunderbar. Heute wird so viel von beruflichen Flow-Erlebnissen (Flow bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, Anm. d. Red.) geredet, es macht mich einfach glücklich, gemeinsam mit Kollegen zu musizieren.“ Vor jedem Singen gibt’s das Warm-up, bestehend aus körperlicher Dehnung und stimmlich-technischen Übungen. Auf die Frage, was genau man als Profisänger beim Singen tut, erklärt Maria Theresia Gruber: „Viele komplexe Muskelpartien müssen perfekt zusammenspielen. Und da sind noch der Stimmapparat, der Kehlkopf, die Luftröhre und die Stimmbänder. Wenn ich tief singe, schwingt das ganze Stimmband, singe ich hoch, nur der äußere Rand. Der Kehlkopf ist an Bändern aufgehängt, die man aktiv steuern muss, um frei singen zu können.“ Besonders wichtig ist die richtige Atemtechnik: „Man lernt ein ganzes Leben lang, richtig zu atmen, und jede winzige Verspannung im Körper hindert am Atmen in den Bauchraum.“ Das klingt anstrengend – und ist es auch: „Singen ist Hochleistungssport. Mehr als drei bis vier Stunden täglich sollte man als ausgebildeter Sänger nicht überschreiten. Die Stimme braucht Pausen. Man darf sich natürlich auch nicht verkühlen, ich meide Menschenansammlungen in Grippezeiten, da wird das tägliche U-Bahn-Fahren schon zum Spieß-rutenlauf. Ausgehen und feiern ist auch selten drin, und Raucherlokale muss ich meiden.“ Dass Singen (dennoch) für jeden gesund ist, bestätigt auch die Profisängerin. „Man lernt, den Atemfluss zu kontrollieren, das hilft, um in Stresssituationen ruhig zu bleiben.“ Singen bedeutet aber auch ein lebenslanges Lernen von Text und Noten – also Fitnesstraining fürs Gehirn. Außerdem fördert Singen eine gute Körperhaltung.

Singende Krankenhäuser. Zum Schluss blicken wir noch nach Tirol, Oberösterreich und Salzburg. Denn auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse hat es sich der internationale Verein „Singende Krankenhäuser“ zur Aufgabe gemacht, die Verbreitung heilsamer und gesundheitsfördernder Singangebote an Krankenhäusern, Psychiatrien, Rehakliniken, Alters- und Behindertenheimen und anderen Gesundheitseinrichtungen zu fördern. Auch in Österreich gibt es bereits „Singende Krankenhäuser“. Das Bezirkskrankenhaus Lienz (Osttirol) war das erste im Jahr 2011. Seit 2013 gehören auch das Bezirksalten- und Pflegeheim Sierning (OÖ) und seit 2016 die NeuroCare Rehaklinik Salzburg dazu. GESÜNDER LEBEN gratuliert zu dieser Initiative ganz herzlich!

 

INTERVIEW

„Gesund bis ins hohe Alter“

DR. WOLFGANG ZEUGSWETTER, Allgemeinmediziner, Baden

Dr. Wolfgang Zeugswetter ist Allgemeinmediziner und seit 55 Jahren Chorsänger. GESÜNDER LEBEN hat ihn zu den gesundheitlichen Wirkungen des Singens aus ärztlicher Sicht befragt.

Was geschieht im Körper beim Singen?
Zeugswetter: Das Wichtigste ist das Atmen – und zwar tief hinunter bis in den Bauchraum. Singen ist ausatmen, man macht die Lunge leer, um fürs nächste Einatmen wieder Platz zu haben. Unser Zwerchfell trennt Brust- und Bauchraum. Indem es sich nach unten bewegt, bekommt die Lunge mehr Platz, die Lungenflügel können sich ausdehnen und das Lungenvolumen wird größer. Auch die Rückenmuskulatur und die unteren Bauchmuskeln sind wichtig und natürlich die gesamte Beckenbodenmuskulatur. So wird der ganze Körper zum Klangraum.

Ist Singen wirklich gesund?
Zeugswetter: Singen hat viele heilende Faktoren und positive Effekte. Durch richtiges, tiefes Atmen gelangt viel Sauerstoff ins Blut und zu allen Organen. Das fördert das Herz-Kreislauf-System und die Gesundheit bis ins hohe Alter. Besonders wichtig ist das beim Lungenemphysem, also bei eingeschränkter Lungenfunktion aufgrund von Krankheit oder Alter, denn da kommt es durch Singen zu einer besseren Sauerstoffausnutzung. Durch das gleichmäßig strömende Ausatmen wird die Atemmuskulatur und das Lungengewebe elastischer. Außerdem benutzt man Muskeln, an die man sonst gar nicht denkt. Durch das Training von Rücken- und Bauchmuskeln schwingt alles im Körper mit, vom Bauch bis zum Kopf. So werden auch alle Organe in der Bauchregion stimuliert. Aus endokrinologischer Sicht kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung des Hormons Oxytocin, zum Abbau von Stresshormonen wie Cortison, zu Entspannungsreaktionen und zur verringerten Ausschüttung des „Aggressionshormons“ Testosteron. Singen wirkt auch direkt über das limbische System auf den Hypothalamus und den Hirnstamm und das vegetative Nervensystem. Beruhigende Musik macht uns langsamer und ruhiger. Das führt zu einer Senkung des Blutdrucks, zur Verlangsamung der Pulsfrequenz, zur Entspannung der Skelettmuskulatur. Stimulierende Musik macht aktiv und treibt uns an, der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller. Singen bringt durch die tiefe Ausatmung natürlich auch ein vermehrtes Entsäuern, Entgiften und Entschlacken des Körpers.

 

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