Freitag, 20. September 2019

Seelenruhig durch den Winter

Ausgabe 2014.12/2015.01
Seite 1 von 3

Erschöpft, lustlos und gereizt – gerade in der kalten und dunklen Jahreszeit häufen sich Stresssymptome, die Körper und Geist dauerhaft belasten. gesünder leben stellt die Stressverursacher vor und zeigt, wie man sich vor Burn-out & Co schützen kann.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - yuriyzhuravov

Er ist für viele Menschen treuer Begleiter des Alltags und gehört mittlerweile schon ein bisschen zum „guten Ton“, wenn es um die Beschreibung persönlicher Befindlichkeiten geht: Wer heutzutage „Stress hat“, lässt in seinem Unterton auch bescheidenen Stolz mitschwingen. Schließlich deutet der allseits bekannte Gemütszustand inklusive Zeitdruck und Terminhetze darauf hin, dass man viel beschäftigt, wichtig und produktiv ist – Eigenschaften, die nur allzu gut in das Bild unserer leistungsorientierten und von Superlativen geprägten Gesellschaft passen und die per se auch gar nicht so schlecht sind. Ganz im Gegenteil: Punktueller Stress kann das Leben würzen; er aktiviert kurzfristig alle körpereigenen Kreisläufe, hält wach und erhöht sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die Motivation. „Das Stressprogramm unseres Körpers ist allerdings auf Kurzfristigkeit programmiert. Wir können ruhig einmal zeitintensiv an einem Projekt arbeiten und unsere adrenalingesteuerte Energie positiv nutzen. Allerdings sollten wir unbedingt auf eine anschließende Phase der Erholung achten, um Selbstregulierung zu ermöglichen“, erklärt Dr. Elke Doppler-Wagner, Diplomierte Trainerin für Stressmanagement und Burn-out-Prophylaxe in Wien. Wer diesem Bedürfnis nach Ausgleich jedoch nicht nachgeht, ständig unter Hochdruck arbeitet, zwischenmenschliche Konflikte ignoriert oder zusätzlich pflegebedürftige Menschen betreut, nimmt seinem Körper die Fähigkeit, wieder auf das Ruheniveau zurückzukehren und läuft dem chronischen Stress gnadenlos in die Arme.

Aus der Balance geraten. Gerade jetzt, in den Wintermonaten, sammeln sich bei vielen Menschen Stresssymptome wie innere Unruhe, Schlaflosigkeit und Gereiztheit. Warum, ist kaum verwunderlich: Die Tage werden kürzer, wir nehmen weniger Tageslicht auf und die Serotonin-Produktion wird gedrosselt. Zu der jahreszeitbedingten Trübsinnigkeit gesellen sich das vorbereitungsintensive und emotional besetzte Weihnachtsfest sowie der wirtschaftliche Druck in den Unternehmen, der seinen Tribut fordert: Geschäftsberichte müssen vergoldet und die nächste Jahresplanung präsentiert werden. „Der globale Wettbewerb sorgt dafür, dass jeder Einzelne immer mehr in kürzerer Zeit erledigen muss“, bestätigt Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc, Leiterin des Wiener Instituts für Burn-out und Stressmanagement (ibos). Ein biopsychosoziales Ungleichgewicht entsteht u. a. durch anhaltende Überarbeitung, übertriebenen Ehrgeiz, mangelnde Anerkennung und Kon-trollverlust. Der meiste Stress tritt dabei vorrangig in Beziehungen auf – einerseits zu sich selbst, aber auch zur Umwelt. Der Arbeitsplatz, die Familie oder die Partnerschaft sind einige beispielhafte Lebensbereiche. „Wir fühlen uns hilflos und daher gestresst, wenn sich die inneren Bedürfnisse mit den äußeren Erwartungen nicht mehr vereinen lassen“, so die ibos-Leiterin. Im schlimmsten Fall mündet diese Dysbalance in einem komplexen, psychischen Erschöpfungszustand, der mit einer Unfähigkeit zur Regeneration einhergeht und – längst nicht mehr bloß unter Managern – als „Burn-out“ betitelt wird. Die Zahlen spiegeln das gesellschaftliche Problem wider: In Österreich leiden laut Business-Doctors-Studie 2008 rund 500.000 Personen unter burn-out-ähnlichen Phasen, ca. eine Million Menschen gelten als gefährdet. „Psychische Überlastungsstörungen sind eine der Hauptursachen für Krankenstände und Frühpensionierungen“, so Doppler-Wagner.

Dauerstress macht krank. „Nach wie vor gilt Burn-out nicht als klinisch klassifizierte Diagnose oder Krankheit“, so Tomaschek-Habrina. „Es handelt sich um ein Syndrom, um einen behandlungsrelevanten Erschöpfungszustand auf emotionaler, körperlicher und geistiger Ebene mit differenzierten Symptomen.“ Besorgniserregend, denn Burn-out ist ein ernst zu nehmendes Zivilisations-Phänomen, das schleichend die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigt und für großes persönliches Leid sorgt. „Stress manifestiert sich immer an den Schwachstellen des Organismus“, ist Tomaschek-Habrina überzeugt. Zu den körperlichen Beschwerden zählen Schlafstörungen, erhöhte Infektanfälligkeit, Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme oder sexuelle Funktionsstörungen. „Der Blutdruck erhöht sich anhaltend, die Gefäße verlieren ihre Elastizität und die Muskeln bleiben dauerhaft verspannt. Damit steigt auch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko“, ergänzt Doppler-Wagner. „Weitere Warnsignale sind allgemeine Unzufriedenheit, Gedankengrübelei, Konzentrationsschwierigkeiten, Fehlerhäufigkeiten, der soziale Rückzug und Wesensveränderungen.“ Aus grundsätzlich heiteren und geselligen Menschen werden (scheinbar plötzlich) aggressive und introvertierte Zeitgenossen. „Stresssymptome werden oft lange Zeit ignoriert. Viele Burn-out-gefährdete Menschen sind sehr leistungsbereit, arbeiten lange Zeit ,hochtourig‘ und geben – bildlich gesprochen – im selben Gang noch mehr Gas“, verdeutlicht die ibos-Leiterin. „Ein Auto hätte folglich einen Motorschaden, den man sofort in einer Werkstatt beheben würde.“ Ein Arzt hingegen wird oft Monate oder sogar Jahre später konsultiert – schließlich explodieren ausgebrannte Menschen nicht immer augenscheinlich, sondern erleben oft leise Implosionen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Seelenruhig durch den Winter
Seite 2 Multifaktorielle Behandlung
Seite 3 Burn-out-Test

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