Donnerstag, 23. Mai 2019

Schwill ab!

Ausgabe 2019.05

Süchtig nach Nasentropfen? Ja, das ist leider möglich. GESÜNDER LEBEN zeigt, welche Folgen ein unsachgemäßer Gebrauch haben kann und wie der Entzug ganz bestimmt gelingt.


Foto: iStock - simarik

Sie können nachts nicht mehr ohne ihn einschlafen, denken tagsüber oft an ihn – sind aber eigentlich nicht verliebt? Dann zählen Sie vielleicht zu jenen zahlreichen Menschen, die in Österreich regelmäßig zu einem schleimhautabschwellenden Nasenspray greifen müssen. – Ja, genau. Sie haben richtig gelesen: „greifen müssen“, denn das kleine Fläschchen, das auf Fingerdruck das verheißungsvoll befreiende Atmungsgefühl verspricht, birgt ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotenzial. Warum, erläutert Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Gstöttner, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie: „Die in diesen Nasensprays – sogenannte Sympathomimetika – enthaltenen Wirkstoffe wie beispielsweise Xylometazolin oder Oxymetazolin sorgen sehr rasch für eine Verengung der Blutgefäße sowie ein Abschwellen der Schleimhäute und ermöglichen so wieder eine freie Nasenatmung.“ – Ein Segen für all jene, die im Rahmen einer Erkältung mit einem akuten Schnupfen, gar mit einer chronischen Rhinitis oder einer Allergie zu kämpfen haben. Das Problem: Der Effekt ist mitunter nur von kurzer Weile. „Bei Dauergebrauch verliert das Präparat allmählich seine Wirkung“, so Gstöttner. „Die Rezeptoren in der Nase stumpfen aufgrund der Überstimulation ab und gewöhnen sich an das Mittel. Die Schwellung wird von Gebrauch zu Gebrauch immer stärker und die Dosis muss erhöht werden, um wieder frei durch die Nase atmen zu können.“ Ein Teufelskreis, der in Fachkreisen auch als „Rebound-Effekt“ bezeichnet wird.

Schleichende Sucht
Betroffene, die über Monate hinweg diese Arzneimittel eingenommen haben, leiden mitunter massiv unter der stark beeinträchtigten Nasenatmung und den wiederkehrenden Infekten, da die ausgetrockneten Schleimhäute und zerstörten Flimmerhärchen gegen eindringende Viren und Bakterien nichts mehr unternehmen können. Dazu gesellen sich zuweilen Erstickungsängste, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Im schlimmsten Fall ist zeitweise nur eine Mundatmung möglich. Die fatale Folge: Der Griff zum Nasenspray und der Kauf eines neuen Fläschchens wird immer verlockender, doch damit verschlimmert man nur die Situation. „Leider sind diese Präparate nach wie vor nicht verschreibungspflichtig, sie können daher jederzeit ohne Rezept aus der Apotheke erworben werden“, kritisiert Gstöttner.

Der Entzug gelingt
So weit, so bedenklich. Doch wie bei jeder Sucht ist auch bei der Nasenspray-Abhängigkeit ein medizinisch begleiteter Entzug möglich. „Niedriger dosierte, also stärker verdünnte, Nasentropfen sind eine sehr gute Übergangslösung“, meint Gstöttner. „Ich empfehle meinen Patienten, die Tropfen bzw. den Spray zunächst nur einseitig anzuwenden, um Schritt für Schritt die Regeneration der linken und dann der rechten Nasenschleimhauthälfte zu forcieren.“ Alternativ oder ergänzend bieten sich abschwellende Nasentropfen auf natürlicher Basis – beispielsweise mit Grüntee-Extrakt – an. Sie führen zu keiner Abhängigkeit und begünstigen ebenfalls das Abschwellen der Nasenschleimhaut. Auch hypertone Meersalzlösungen, die in Form von Nasenspülungen angewendet werden, pflegende Nasensalben oder Nasenöle sind ideale „Entzugsbegleiter“. Lassen Sie sich von Ihrem HNO-Facharzt beraten; er wird zunächst versuchen, den Grund für die Verwendung des Sprays zu ermitteln, und anschließend eine maßgeschneiderte Therapie verordnen. „Ursachenabhängig, beispielsweise bei chronischen Entzündungen oder dem Vorhandensein von Nasenpolypen, können auch kortisonhaltige Nasensprays Linderung schaffen“, erklärt Gstöttner. „Diese Entscheidung muss aber jeweils im Einzelfall getroffen werden. Sonst treibt man am Ende den Teufel mit dem Beelzebub aus.“

Halten Sie durch!
Der Entzug kann Wochen oder Monate dauern. Wer jedoch konsequent bleibt, hat gute Heilungschancen. Mitunter kann – als letzte Möglichkeit – auch eine Operation in Betracht gezogen werden. „Dabei werden die Nasenmuscheln mittels Lasertechnik verkleinert“, so Gstöttner. „Diese Operation ist von Erfolg gekrönt, jedoch dürfen diese Patienten – ähnlich wie trockene Alkoholiker, die keinen Schluck Alkohol mehr trinken sollen – nie wieder zu einem Sympathomimetika greifen, um dem Rebound-Effekt keine Chance zu lassen.“ Trotz der drohenden Suchtgefahr besteht aber kein Grund, auf abschwellende Nasensprays völlig zu verzichten. Gerade bei verstopfter Schnupfennase stellen die Präparate die effektivste Variante zur Symptomsbehandlung dar. Halten Sie sich aber bei der Anwendung an die Empfehlungen Ihres Arztes. Die Medikamente sollten – so nicht anders verordnet – maximal sieben bis zehn Tage, idealerweise vor dem Schlafengehen, verwendet werden. Sollten die Beschwerden weiter bestehen, sollten Sie Ihren Facharzt konsultieren, um andere Ursachen abzuklären. 

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