Dienstag, 21. Mai 2019

Schmerz, lass nach!

Ausgabe 2013/04

Jeder Mensch kennt Schmerz, und dieser ist ein wichtiges Warnsignal des Körpers. Wie man richtig mit der Pein umgeht, lesen Sie hier.


Foto: Can Stock Photo Inc. - yanc

Schmerz stellt eine wichtige Warnbotschaft unseres Körpers dar. Er kann und muss behandelt werden, und in den meisten Fällen gelingt es, Schmerzen so zu lindern, dass der Betroffene damit umgehen kann“, sagt der Schmerzexperte Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky von der Naturwissenschaftlichen Universität Salzburg.

Psyche und soziales Umfeld. Tatsächlich ist Schmerz eine sogenannte bio-psycho-soziale Einheit, bei der auch nichtmedizinische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. So erleben etwa Menschen, die einsam sind, Schmerz schlimmer als jene, die in ein gutes Sozialsystem eingebettet sind. Was die psychische Ebene betrifft, so entscheiden auch die momentane seelische Verfassung oder die Stimmung darüber, wie intensiv man den Schmerz wahrnimmt. Psychische Ursachen, die Schmerz oder Schmerzwahrnehmung begünstigen, sind zum einen vor allem Belastungen und Konflikte und relativ häufig auch Verlusterlebnisse: etwa der Verlust des Partners, des Arbeitsplatzes, eines oder mehrerer Freunde, bei älteren Menschen auch der „Verlust“ von Kindern, die flügge werden und aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen. Weiters kann der Pensionsschock eine Rolle spielen, und oft sind es gar nur angedrohte oder vorgestellte Verluste. Zum zweiten spielen die täglichen, chronischen Belastungen einen Rolle, wenn sie in Richtung Burn-out gehen, also wenn zu viel zusammenkommt, wobei eine Belastung zwar bewältigbar wäre, durch die Summe aber eine immense Überforderung – und mit ihr auch oft Schmerz – entsteht.

Das Schmerzsystem. Aber zurück zum Medizinisch-Biologischen: Interessant zu wissen ist auch, dass sich das Schmerzsystem schon in der Schwangerschaft entwickelt. Bernatzky: „Bereits der etwa 26 Wochen alte Embryo hat ein fertiges Schmerzsystem, das zum Zeitpunkt seiner Geburt noch ohne das wichtige körpereigene Schmerzhemmsystem ausgestattet ist. Daher bedarf das Neugeborene der Endorphine seiner Mutter, und: Alle Schmerzen, die nicht behandelt werden, können unser Schmerzsystem ein Leben lang verändern, denn unter diesen Bedingungen wird das sogenannte Schmerzgedächtnis aufgebaut.“ Ein Faktum, das allzu oft ignoriert wird!

Mythen über Schmerzen

Viele „Weisheiten“ über den Schmerz sind einfach falsch – und müssen nicht hingenommen werden! Etwa folgende:

  • Wer Schmerz aushält, wird schmerzunempfindlicher.
  • Schmerzen gehören zum Altwerden dazu.
  • Schmerzmittel sind schädlich. Da halte ich die Schmerzen l lieber aus.
  • Das Schmerzempfinden ist im Alter reduziert.
  • Patienten melden sich ohnehin, wenn sie Schmerzen haben.
  • Wer viel über Schmerzen redet, will nur die Aufmerksam- l keit auf sich lenken.
  • Demente Menschen vergessen Schmerz schnell wieder.
  • Ich nehme lieber weniger Schmerzmittel, damit ich noch eine Reserve habe, wenn die Schmerzen schlimmer werden.
  • Morphium erhalten nur die zum Tod Geweihten.
  • Morphin macht süchtig.

Schmerzen keinesfalls ignorieren! Die Botschaft lautet also: Schmerzen darf man keinesfalls ignorieren. Mitunter kann man sie zwar selbst behandeln, aber in vielen Fällen – vor allem bei chronischem Schmerz – ist der Gang zum Arzt unerlässlich. Doch auch akute Schmerzen, die von Zahnschmerz über nach einer Operation auftretende Schmerzen bis hin zu Schmerz nach einem Knochenbruch oder anderen Verletzungen reichen, sind mitunter ein Fall für die Experten: „Wenn die Ursache, warum der Schmerz entstanden ist, eindeutig bekannt ist, kann ein Betroffener akuten Schmerz mit Hausmitteln und rezeptfreien Schmerzmedikamenten selbst behandeln. Wenn Schmerzen aber plötzlich auftreten und die eigenen Versuche, sie zu lindern, nicht erfolgreich sind, sollte sofort der Arzt aufgesucht werden“, betont Bernatzky, der auch darauf hinweist, dass die Unterscheidung zwischen akutem und chronischem Schmerz im zeitlichen Auftreten liegt: „Akute Schmerzen treten bei einer Verletzung oder Entzündung plötzlich auf und können bei rascher Behandlung wieder vergehen. Akute Schmerzen können aber auch nach zirka drei Monaten in eine Chronifizierung übergehen und sind dann schwer zu behandeln.“
Was Betroffene falsch machen. Erschreckende Tatsache in diesem Zusammenhang: Fast ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher leiden unter chronischen Schmerzen – die meisten davon unter Schmerzen im Bewegungsapparat. Aber – so Bernatzky: „Die meisten Patienten gehen zu spät zum Arzt, und viele halten sich nicht an dessen Anordnungen. Auch Vorurteile gegenüber Medikamenten und unrealistische Erwartungshaltungen (siehe dazu auch Kasten unten) spielen eine große Rolle dabei, dass wir nicht allen Patienten effizient helfen können.“

Effiziente Hilfe – von Medikamenten bis zur Musiktherapie. Dabei gäbe es effiziente Hilfe, denn die Behandlung erfolgt nach exakten entsprechenden Richtlinien. Diese beinhalten sowohl Medikamente (Nichtsteroidale Antirheumatika  – NSAR, schwache bis starke Opioide, teils auch Medikamente, die Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben) als auch nichtmedikamentöse Methoden, die immer mehr zum Zug kommen. Die Schmerzexperten bemühen sich heute auch darum, Zusatzmaßnahmen einzusetzen, die zu einer Verbesserung der Stimmung oder des Schlafs führen, und auch Musiktherapie wird mitunter individuell abgestimmt erfolgreich angewandt.

Neueste Entwicklungen: die Multimodale Schmerztherapie. Zudem ist Schmerztherapie an sich ein immer wichtiger und ernster genommenes Thema in der Medizin, und es gibt zahlreiche Experten, die laufend an Neuerungen forschen und auch innovative Methoden und Produkte entwickeln. So werden etwa die erwähnten nichtmedikamentösen Therapieformen immer häufiger eingesetzt, und man verwendet gleichzeitig medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden im Sinne einer sogenannten Multimodalen Schmerztherapie. Aber auch auf dem Sektor der Entwicklung von neuen Medikamenten oder Medikamentenformen tut sich einiges. So gibt es heute etwa retardierte Formen der Schmerzmittelaufnahme wie zum Beispiel über Schmerzpflaster, die ein Schmerzmittel ähnlich wie ein Nikotinpflaster kontinuierlich über die Haut abgeben. Der Vorteil liegt darin, dass die Wirkung des Pflasters lange anhält und Nebenwirkungen wie zum Beispiel Verstopfung oder Übelkeit geringer ausgeprägt sind als bei Tabletten. Schmerzpflaster sind besonders geeignet für Patienten mit starken Schmerzen – verbunden mit Schluckproblemen oder starkem Erbrechen.

Warum man Schmerztherapie braucht

Schmerzen muss man nicht tragen, sie sind ein Zeichen, dass etwas in unserem Körper und unserer Seele nicht in Ordnung ist. Schmerzen müssen behandelt werden …

  • damit man weniger Schmerzen hat
  • damit sich die Krankheit nicht verschlechtert oder garchronisch wird
  • damit man Folgekrankheiten vorbeugen kann
  • damit man arbeitsfähig bleibt
  • damit die Körperorgane und deren Funktionen nicht unter l Schmerzen verändert werden
  • damit man weiterhin seinen Hobbys nachgehen kann
  • damit man seine Partnerschaft oder Familie nicht belastet
  • damit sich die eigene Lebensqualität insgesamt wieder l verbessert

Schmerz – eine existenzielle Erfahrung. Letztlich ist auch eines klar: Schmerz stellt einerseits ein wichtiges Warnsignal des Körpers dar, er kann aber auch einen starken zerstörerischen Charakter haben. Denn die Lebensqualität wird mitunter drastisch beeinträchtigt und verschlechtert sich rapide. Bernatzky: „Schmerz stellt aber auch eine existenzielle Erfahrung und einen bewusstseinsmäßigen Bestandteil des Lebens dar! Schmerz ist nicht nur eine Reaktion auf sogenannte nozizeptive Reize, sondern ist ebenso eine wichtige und besondere Form der Kommunikation nach innen – in den eigenen Körper – und nach außen – in das soziale Umfeld.“

 

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