Sonntag, 22. September 2019

Schlemmen ohne Reue

Ausgabe 2014.12-2015.01
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Unser Magen bewältigt problemlos die eine oder andere Sünde. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie Sie ihm bei seinem harten Job helfen können.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - ipag

Gerade zu den Feiertagen gilt: Ab und zu können wir getrost die Vernunft beiseitelegen, dem Genuss so richtig frönen und einmal richtig über die Stränge schlagen. Dr. Heide Maria Seppele, Ärztin für Allgemeinmedizin, Osteopathie und Ernährungsberatung nach TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) in Wien, beantwortet die zehn wichtigsten Fragen rund ums Schlemmen. Und sagt, wie Sie trotzdem Ihren Magen fit halten.

Warum bevorzugen wir in der kalten Jahreszeit gehaltvolle und kalorienreiche Speisen?
Eingemachte Suppe, Linseneintopf mit Speck, Krautrouladen mit Erdäpfeln, Gulasch mit Nockerln, Braten mit Knödel oder Ragout mit Nudeln: All diese Köstlichkeiten schmecken uns vor allem dann, wenn es draußen so richtig kalt ist. Warum eigentlich? Dazu Allgemeinmedizinerin Heide Maria Seppele: „Das hat schlicht und einfach mit der Energie zu tun, die wir produzieren müssen. Für den Wärmehaushalt brauchen wir in der kalten Jahreszeit kalorienreiche und wärmende Nahrungsmittel.“ Denn: Unsere Körpertemperatur muss auf etwa 36,5 Grad gehalten werden, damit alle Abläufe reibungslos funktionieren.

Brauchen wir wirklich so viel Energie, auch wenn unser Leben sich hauptsächlich in geheizten Räumen abspielt?
„Natürlich muss ein Mensch, der draußen in der Kälte arbeitet, oder einer, der etwa eine Nordpolexpedition macht, wesentlich mehr Energie produzieren als jemand, der in geheizten Räumen am Schreibtisch sitzt. Aber dennoch“, erklärt Seppele, „macht es für jedes Lebewesen einen Unterschied, in welcher Jahreszeit wir uns gerade befinden, da unser Körper zyklusabhängig ist.“ Im Winter geben wir uns deshalb leichter der Völlerei hin und futtern uns – rein evolutionsbedingt – einen Speckmantel an. Die Gelage zu den Feiertagen setzen uns dann aber doch ziemlich zu.

Was passiert eigentlich im Magen, wenn wir zu deftig, zu süß oder – ganz generell – zu viel essen und trinken?
Er weiß längst schon, was ihn erwartet – und bereitet sich emsig auf seine schwere Aufgabe vor. Die 100 Millionen Nervenzellen im Magen- und Darmtrakt wurden von ihren Verwandten im Gehirn schon informiert, was sich da draußen abspielt. Seppele: „Wir essen ja, wie es so schön heißt, auch mit den Augen. Sobald wir sehen oder auch nur daran denken, was da aufgetischt wird, werden die passenden Verdauungssäfte ausgeschüttet.“ In der Schleimhaut des Magens befinden sich 35 Millionen Drüsen, die kontinuierlich Tag für Tag zwei Liter Magensäure produzieren. Mit im Team ist auch unser Geruchssinn: Weil es so gut riecht, läuft uns das „Wasser im Mund zusammen“. Das Zeichen dafür, dass auch die Speicheldrüsen ihre Produktion steigern. Hinzu kommt, so Seppele: „Der Magen passt sich dem Volumen an und kann sich extrem ausdehnen.“ Unser Magen, ein etwa 20 Zentimeter langer Schlauch, ist ein Wunderwerk der Natur. Die Magenwand ist nämlich nicht glatt, sondern in Tausende Fältchen gelegt (man muss sich das so ähnlich vorstellen wie einen Plisseestoff) und kann sich bei Bedarf ausziehen.

Ist es das, was sich so anfühlt, als hätten wir einen prall aufgeblasenen Luftballon verschluckt?
„Ja. Oder als läge uns ein Stein im Magen“, sagt Seppele. „Der Magen zieht sich erst dann wieder ganz langsam auf seine ursprüngliche Größe zusammen, wenn wir nichts mehr essen und die mit Magensäure zu einem Brei zersetzte Nahrung in den Dünndarm weitergepumpt wurde.“ Ein Vorgang, der mindestens zwölf Stunden dauert. Und sich, wenn man viele Tage zu viel gegessen hat, auch dementsprechend lange hinziehen kann. „Bei adipösen Menschen kann der Magen mit der Zeit diese Dauerbelastung nicht mehr leisten, das heißt er kann sich nicht mehr wirklich zusammenziehen. Da hilft“, so Seppele weiter, „in letzter Konsequenz nur mehr ein chirurgischer Eingriff, die sogenannte Magenverkleinerung.“

Was können wir tun, um unseren Magen zu schonen?
Sauer und süß, fett und scharf können dem Magen zusetzen. Das ist, was einem auch der Hausverstand sagt. Allerdings tickt nicht jeder Magen nach dem gleichen Schema. „Eine Schonkost für den (gesunden) Magen macht keinen Sinn, weil die Magensäfte es locker schaffen, Nahrung und Getränke zu verarbeiten. Es kommt, wie bei allem, auf die Menge an und darauf, was der Mensch individuell gut verträgt und was nicht“, sagt Seppele. Es macht also durchaus Sinn, Speisen, Gewürze oder auch Getränke die man nicht so gut verträgt und nach denen einen nicht gelüstet, zu meiden. Eigentlich hat der Mensch nämlich ein gutes Gespür, was er verträgt, was ihm gerade guttut und was nicht. Es wäre also ganz einfach, wenn wir nur das zu uns nehmen, worauf wir wirklich Lust haben? „Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht“, schränkt Seppele lachend ein, „denn wir können uns auch einreden, dass uns bestimmte Speisen und Getränke guttun.“ Generell gilt: „Wer nur ab und zu über die Stränge schlägt, sich aber im Normalfall ausgewogen ernährt und mit Genuss isst, wird kaum Probleme mit seinem Magen haben.“

Sodbrennen kann, muss aber keine Reaktion auf üppiges Essen sein. Warum?
„Für Sodbrennen gibt es mehrere Gründe, die man unbedingt ärztlich abklären sollte. Bei vielen Menschen, etwa jedem Dritten, tritt jedoch gehäuft ab dem vierzigsten Lebensjahr Sodbrennen auf, weil Magenüberdehnungen über die Jahre das Antireflexventil, also die Durchtrittsstelle zwischen der Speiseröhre und dem Magen, schwächen. Durchtrittsstellen sind“, so Seppele weiter, „immer Schwachstellen. Je öfter man den Magen strapaziert, desto mehr dehnt sich das Zwerchfell aus und es kommt zu einem Zwerchfellbruch, durch den die ätzende Magensäure in die Speiseröhre und weiter in den Kehlkopfbereich und in den Mundbereich gelangt“.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Schlemmen ohne Reue
Seite 2 Wie kann man dem Magen helfen?

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