Sonntag, 15. September 2019

Schlaf gut, träum schön!

Ausgabe 2015.12/2016.01

Verabschieden Sie sich von Ihrem schlimmsten Albtraum. Denn Träume kann man steuern und so auch das reale Leben verbessern.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - gromovataya

In der Nacht inszeniert die Seele bisweilen die seltsamsten Filme. „Jeder Mensch träumt Nacht für Nacht. Meist wissen wir nach dem Aufwachen von gar nichts, allenfalls bleibt eine besondere Stimmung zurück oder einzelne flüchtige Bilder“, weiß Dr. Michael Schredl. Der Experte der Traum- und Schlafforschung betont: „Unsere Träume sind kostbar: Sie bereichern unser Tag-Leben, wenn wir sie ernst nehmen und uns um sie bemühen.“ Oft weiß unser Unbewusstes nämlich besser als unser bewusstes Denken, was uns guttut oder was uns fehlt. Und unsere Träume – diese Melange aus Bildern des vergangenen Tages, alten Erinnerungen und surrealistisch anmutenden Inszenierungen – verraten bei näherer Betrachtung, an welchem Punkt des Lebens man sich gerade befindet. Und sie sind keine Schäume: In jedem Traum steckt eine gute Idee – man muss sich nur daran erinnern!

Wieso wir träumen. Eine Zeit lang vermutete man, dass elektrische Impulse aus dem Stammhirn die nächtlichen Traumbilder produzieren und dass diese „Nervengewitter“ nichts anderes sind als ein Zufallsprodukt. Mittlerweile haben Neurowissenschafter bewiesen, dass sich das Gehirn im Schlaf nicht einfach abschaltet. Verstand und Wahrnehmung arbeiten an unseren Träumen mit. „Seither streitet sich die Forschung immer wieder darüber, welche Funktion Träume für uns haben“, sagt Schredl. Dass sie, wie Sigmund Freud es einst vermutete, ausschließlich einen Ausgleich zum Alltag darstellen, gilt inzwischen jedoch als widerlegt. Bedeutende Vertreter der Traumfoschung gehen davon aus, dass man im Schlaf Erfahrungen aus dem Wachzustand verarbeitet und Anregungen für das reale Leben erhalten kann.

Was träumen wir?

Mein schlimmster Albtraum

Wovon handeln die häufigsten Albträume? Eine Frage, die überraschend schwierig zu beantworten ist. Eine der ersten Analyse zum Thema stammt aus dem Jahr 1935. Diese Pionierstudie nennt Angst vor Tieren, das Gefühl, gejagt zu werden, sowie Mord als häufige Inhalte. Eine aktuellere Untersuchung aus dem Jahr 1980 zählt die Angst vor einem Angriff, Angst vor dem Fallen und Angst vor dem Tod als vorangige Themen auf. Eine der umfangreichsten Arbeiten zum Thema stammt von Schlafforscher Michael Schredl aus dem Jahr 2010. Laut seinen Ergebnissen sind Fallen, Verfolgung, Lähmung, Zuspätkommen, der Tod bzw. das Verschwinden einer nahestehenden Person am häufigsten. Der Schlaf- und Traumforscher Antonio Zadra von der kanadischen Université de Montréal hat  2013 im Journal Sleep eine Analyse der Albträume von 331 Menschen veröffentlicht, die wiederum andere Ergebnisse brachte: Danach spielt in beinahe jedem zweiten Traum körperliche Gewalt eine Rolle, ebenfalls häufig sind zwischenmenschliche Konflikte, Hilflosigkeit, Tod und dunkle Vorahnungen.

Was hinter Albträumen steckt. Jeder, der ab und zu unter Albträumen leidet, fragt sich, woher diese Szenarien kommen. Steckt eine psychische Erkrankung dahinter? Wollen die Träume vor etwas warnen? Oder verrät mein Unterbewusstsein etwas über mich selbst und meine Art der Problembewältigung? Auf diese Fragen hat die Traumforschung einige interessante Antworten gefunden. So weiß man heute zum Beispiel, dass Albträume auch genetisch beeinflusst sein können: „Eine groß angelegte Zwillingsstudie aus Finnland kam zu dem Schluss, dass eineiige Zwillinge häufiger übereinstimmende Albträume haben als zweieiige“, erklärt Schredl. Weiters weiß man, dass Menschen mit solchen Trauminhalten meist kreativ, sensibel und sehr einfühlsam sind, sich aber nur sehr schlecht gegenüber Stress abgrenzen können. Einer weiteren Studie aus Mannheim mit Studenten zufolge scheint auch das Stressniveau einen relativ großen Einfluss auf die Häufigkeit von Albträumen zu haben. Natürlich können auch traumatische Ereignisse – also z. B. Missbrauch, ein Autounfall oder andere bedrohliche Situationen – das Auftreten von Albträumen fördern. Schredl: „Haben solche Erlebnisse in der Kindheit stattgefunden, so können sie bis ins Erwachsenenalter hinein nachwirken.“

Verursachen Diäten Albträume? Aber es sind nicht immer schlimme Erlebnisse, die uns schlecht träumen lassen. Manchmal sind es auch körperliche Gegebenheiten: Diätärzte berichten, dass Patienten gerade am Anfang einer Diät häufig Albträume haben. Auch schnarchende Menschen, Personen mit Atemwegserkrankungen bzw. Asthma oder solche mit Schlafapnoe klagen öfters über negativ gefärbte Träume. Albträume können ebenso als Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten oder im Rahmen einer psychischen Erkrankung auftreten, z. B. bei Depressionen. Schredl: „Dabei ist es wichtig, dass die Grunderkrankung vorrangig behandelt wird bzw. eine Umstellung der Medikamente erfolgt.“ Aus der Therapie von Ängsten weiß man: Gerade die Vermeidung dieser Angst bewirkt, dass sie weiter aufrechterhalten wird. „Wenn sich jemand zum Beispiel vor Hunden fürchtet und den Kontakt mit Hunden vermeidet, kann diese Person nicht lernen, die Angst zu erleben und zu bewältigen. Es entsteht eine Angst vor der Angst. Auch im Falle der Albträume versuchen viele betroffene Personen, die erlebte Angst im Traum zu verdrängen, z. B. mit dem Ausspruch: Das war nur ein Traum“, sagt Schredl: „Daher ist ist ein bewusstes Auseinandersetzen mit der Albtraumangst die wirksamste Form der Therapie.“ Der Traumforscher geht davon aus, dass die Entstehung von Albträumen meist auf viele Faktoren zurückzuführen ist, die miteinander in Wechselwirkung stehen.

Albträume verhindern

Wie Kinder träumen

Der für Träume typische REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) lässt sich bereits bei Föten im 6. Schwangerschaftsmonat nachweisen. Wovon Kinder genau träumen, kann man ab ca. 2 Jahren feststellen bzw. sobald sie sich sprachlich ausdrücken können. Fest steht, dass Kinder mehr Albträume haben als Erwachsene. Das liegt daran, dass ihre Angstbewältigung nicht so gut funktioniert. In Umfragen geben fast alle Erwachsenen an, in ihrer Kindheit/Jugendzeit ab und zu Albträume erlebt zu haben. Wann stellen Albträume eine Belastung dar? Als Faustregel kann eine Häufigkeit von ca. 1-mal pro Woche oder öfter gelten. Das kommt bei ca. 5 % der Kinder vor. Am häufigsten treten Albträume zwischen dem 6. und 10. Lebensjahr auf. Eine „Zeichentherapie“ kann helfen, die Albträume wieder loszuwerden: Die Kinder werden dazu ermutigt, ihren Traum zu zeichnen. Dabei wird darauf geachtet, dass sich das Kind selbst (das Traum-Ich) auch zeichnet. Nach dem Zeichnen wird die Frage gestellt, was die Kinder zusätzlich ins Bild einzeichnen können, damit sie weniger Angst haben.

Sind Albträume häufiger? „Negative und positive Träume sind bei den meisten Menschen gleichwertig verteilt,“ so Schredl. Allerdings prägen sich die nächtlichen Schreckensbilder besser ins Gedächtnis ein. Wer ein Traumtagebuch führt, trainiert auch die Erinnerung an die schönen Bilder. Der Aufwand lohnt sich: „Schließlich reflektieren diese Traumgebilde, was im Alltag gut läuft.“ Manche Träume kehren immer wieder: „Sie spiegeln etwas wider, das eine wichtige Rolle in der Wachwelt des Träumenden spielt“, erklärt der Psychologe. Kehren angenehme Träume immer wieder, kann man sie als Anregung sehen, um zu erfahren, womit man sich gerade so wohlfühlt.

Der Weg aus dem Albtraum. „Zunächst ist es wichtig, sich klarzumachen, dass Albträume ein Angstphänomen darstellen“, betont Schlafforscher Schredl. Und zur Therapie von Ängsten bzw. Angststörungen liegen viele Erfahrungen vor: Eine häufig angewandte Behandlungsmethode ist die Vorstellungs-Wiederholungstherapie, auch Imagery Rehearsal Therapy (IRT) genannt. Schredl: „Das Therapieprinzip ist dabei denkbar einfach. Im ersten Schritt geht es um die Konfrontation mit der Angst und im zweiten Schritt um das Erlernen einer Bewältigungsstrategie.“ Für erwachsene Personen empfiehlt der Experte, ein Traumtagebuch zu führen: „Die Albträume werden nachts oder morgens aufgeschrieben.“ Dabei ist es wichtig, sich das Therapieprinzip klar vor Augen zu führen: „Auch wenn das Aufschreiben belastend sein kann, wird bei vielen betroffenen Personen die Albtraumhäufigkeit gesenkt. Wenn klar ist, dass es um das Erlernen von neuen Strategien geht, sind das Aufschreiben und das Wiedererleben der Angst leichter zu bewerkstelligen.“

Leistungsdruck vermiest den Schlaf

Stress lass nach!

Wer unter Stress steht, hat laut Schlafforscher Dr. Michael Schredl ein höheres Risiko, nachts unter Albträumen zu leiden. Das gilt auch für die harte Welt des Leistungssports. Am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg wurden mittels Fragebogen das Auftreten und die Inhalte von Albträumen vor sportlichen Wettkämpfen untersucht. Darin wurden 606 Sportler aus verschiedenen Sportarten und Leistungsklassen unter anderem auch gefragt, ob sie bereits vor sportlichen Wettkämpfen Albträume hatten, und wenn ja, welche. Das Ergebnis: Mehr als 13 % der Befragten hatten direkt vor einem Wettkampf einen Albtraum erlebt. Am häufigsten handelten die Träume von fehlerhaften Sportgeräten, körperlichem Versagen, Verletzungen und verlorenen Spielen.

Eine neue Lösung ausdenken. Für diesen zweiten Schritt wählt man einen seiner Albträume aus. Schredl: „Stellen Sie sich die Traumsituation nochmals vor, denken Sie darüber nach, wie Sie die Situation aktiv bewältigten können, und schreiben Sie die Strategie auf. Optimal sind Strategien wie Ansprechen einer bedrohlichen Traumfigur oder sich Helfer vorzustellen.“ Eher kontraproduktiv sind Fluchtreaktionen wie weglaufen, wegfliegen oder aufwachen, da diese eine Vermeidung darstellen. „Damit sich das neu erlernte Muster auf die Träume auswirkt, ist es wichtig, die persönliche Strategie einmal täglich durchzugehen und sich möglichst gut in der Vorstellung auszumalen, die neue Bewältigungsstrategie anzuwenden“, so Schredl. Dabei soll über zwei Wochen immer derselbe Traum mit derselben Lösung verwendet werden, wobei durchaus weitere Details hinzugefügt werden können. Sollte die erste Traumarbeit nicht den gewünschten Erfolg haben, ist es sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu suchen, z.B. von spezialisierten Psychologen, Verhaltenstherapeuten, Psychiatern oder in einem schlafmedizinischen Zentrum.

 

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