Sanfte Stiche

Ausgabe 2019.05

Die Akupunktur ist in Österreich beliebter denn je. Schließlich lassen sich zahlreiche Beschwerden mit der asiatischen Heilmethode effektiv behandeln. GESÜNDER LEBEN zeigt, welche Chancen Akupunktur bietet und wo sie an ihre Grenzen stößt.


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Sich freiwillig mit Nadeln stechen lassen? Klingt zunächst nicht besonders prickelnd. Doch das Kribbeln bringt´s und regt die Selbstheilungskräfte an – das hat man bereits vor etwa 3.000 Jahren in China erkannt. „Die Akupunktur ist eine Regulationstherapie und bei reversiblen Erkrankungen gut einsetzbar“, so Dr. Karin Stockert, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur. „Mehr als die Hälfte der Akupunktur-Patienten werden wegen Schmerzzuständen behandelt. Im Vordergrund stehen Kopfschmerzen unterschiedlicher Art sowie Schmerzen des Bewegungs- und Stützapparats.“ Darüber hinaus hat sich die Akupunktur, übrigens ein Teilgebiet der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), bei Bronchitis und Asthma, weiters bei Allergien und zur Geburtsvorbereitung, aber auch bei Darmerkrankungen, Hautkrankheiten, Wechselbeschwerden bzw. so mancher Befindlichkeitsstörung wie Konzentrationsschwäche, Nervosität, Müdigkeit, Übelkeit oder Schlafstörungen bewährt. Auch zur Therapie von Suchterkrankungen, beispielsweise zur Raucherentwöhnung, ist sie geeignet. Sie wirkt vor allem muskelentspannend, entzündungshemmend, durchblutungsverbessernd sowie immunstärkend und beeinflusst sowohl das somatische als auch das vegetative Nervensystem und ist nicht zuletzt für die Freisetzung bestimmter schmerzstillender Hormone verantwortlich.

Harmonisches Gleichgewicht
Nach Ansicht der TCM ist der Körper von dreidimensional verlaufenden Energiebahnen, den sogenannten Meridianen, durchzogen, durch welche die Lebensenergie – genannt „Qi“ – fließt. Sie verbinden die inneren Organe mit der Körperfläche und öffnen sich an mehreren Punkten – den Akupunkturpunkten – durch die Haut. „Dort, an über 360 Stellen auf dem gesamten Körper, versuchen ausgebildete Akupunkteure nun durch das Stechen von Nadeln auf den Energiefluss einzuwirken, um einen Überschuss oder Mangel an Qi harmonisch auszugleichen und Gesundheit zu gewährleisten“, erläutert Univ.-Prof. Ing. Dr. Andreas Schlager, der nicht nur Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Innsbruck ist, sondern auch u. a. das Diplom für Akupunktur besitzt – und als Diplomverantwortlicher für Akupunktur der Österreichischen Ärztekammer für die Einhaltung der diesbezüglichen Ausbildungsrichtlinien verantwortlich ist.

PUNKTGENAU TREFFEN

Beispiele für Akupunkturpunkte:

Pollenallergie
Dickdarm 4: am Handrücken auf dem Muskelwulst zwischen Daumen und Zeigefinger (auch wirksam beim akutem, viralem Schnupfen und Verstopfung)
Dickdarm 20: im Gesicht am Ende der Nasolabial-falte

Kopfschmerzen
Yin tang: an der Nasenwurzel, zwischen den medialen Enden der Augenbrauen – bei Stirnkopfschmerzen und Stirnhöhlenentzündungen
Leber 3: am Fußrücken zwischen 1. und 2. Mittelfußknochen – Fernpunkt bei Schläfenkopfschmerz, aber auch allgemein stark spannungslösend
Blase 62: Zwei Querfinger unter dem Außenknöchel, am Übergang zwischen Fußrücken- und Fußsohlenhaut (Fernpunkt bei Stirnkopfschmerzen, aber auch bei Schmerzen entlang der gesamten Wirbelsäule)

Individuelle Behandlung
Wem eine Akupunktur empfohlen wurde, sollte sich im Vorfeld ein wenig auf die bevorstehende Erstsitzung vorbereiten. Nehmen Sie sich Zeit und suchen Sie vorhandene Arztbefunde oder Röntgenberichte, ordnen Sie diese chronologisch und listen Sie kurz frühere Erkrankungen, die Einnahme etwaiger Medikamente und mögliche „Störherde“ wie zum Beispiel Narben, Zahnplomben oder chronisch entzündete Kieferhöhlen auf. Je genauer Ihre Angaben sind, desto besser kann der Akupunkteur auf Ihre Beschwerden eingehen. „So die Akupunktur nach den Richtlinien der TCM durchgeführt wird, erfolgt zunächst ein ausführliches Anamnesegespräch, bei dem sich der Akupunkteur u. a. nach der Art des Schmerzes erkundigt und wie es beispielsweise mit Schlafen, Appetit oder Stoffwechsel aussieht. Außerdem gibt die Zungen- und Pulsdiagnose Hinweise über den Gesundheits- bzw. Krankheitszustand des Patienten“, erläutert Schlager. „Dadurch wird eine ganzheitliche maßgeschneiderte Therapie möglich.“ Die Nadeln – im Regelfall dünne Einweg-Stahlnadeln – werden dann gerade oder schräg an genau festgelegten Punkten der Haut eingestochen, manchmal gedreht oder auf und ab bewegt, um den Reiz zu verstärken. „Vielfach befinden sich die Punkte weit entfernt von der eigentlich betroffenen Körperstelle“, weiß Schlager. „So werden Kopfschmerzen auch durch Stimulation von Punkten an den Füßen behandelt.“ Bei akuten Erkrankungen mit sogenannten Füllesymptomen wird die Nadel heftiger bewegt, während bei Beschwerden mit Leere-symptomen (oft bei chronischen Beschwerden) die Stimulation der Nadeln nur gering oder gar nicht erfolgt. Nach dem Einstich ist meist ein kribbelndes, leicht ziehendes oder auch ein Wärmegefühl spürbar; seine Stärke ist davon abhängig, wie gut der Akupunkturpunkt getroffen wurde und wie intensiv die Nadel bewegt wird. Danach macht sich oft ein angenehmes Entspannungsgefühl breit. „Eine Behandlung dauert durchschnittlich eine halbe Stunde und wird zumeist im Liegen durchgeführt“, so Schlager. „Je nachdem, um welche Beschwerden es sich handelt, sind durchschnittlich 8 bis 15 Einheiten notwendig.“ Wer sich vor Nadeln fürchtet, kann auch auf eine Behandlung durch Akupressur, die kleine Schwester der Akupunktur, ausweichen. „Dabei werden die Akupunkturpunkte mittels Druckes mit den Fingern oder Akupressurstiften aktiviert. Sie ist aber weit weniger effektiv“, meint Schlager. Eine andere Alternative stellt die Laserakupunktur dar; sie ist absolut schmerzlos und wird oft bei Kindern sehr erfolgreich angewandt.


 

Zweifelsohne effektiv
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen die Wirksamkeit der Akupunktur. „Sie ist die am besten evidenzbasierte, nicht medikamentöse und nebenwirksamsarme komplementärmedizinische Option – speziell für die Therapie von chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates“, betont Stockert. „Die Nadelung an echten Akupunkturpunkten erwies sich im Rahmen einer Meta-Analyse von 39 randomisiert kontrollierten Studien als effektiver als Placebo-Akupunktur; außerdem hielt die Wirkung sehr lange an.“ Zwölf Monate nach der Behandlung nahm der Gesamteffekt der Akupunktur lediglich um etwa 15 Prozent ab. Weitere Vorteile: Bei richtiger Anwendung entstehen minimale Nebenwirkungen wie kleine Hämatome und es gibt kaum Kontraindikationen. „Bei schlechtem energetischen Zustand, wie bei sehr auszehrenden Erkrankungen, oder Blutgerinnungsstörungen ist die Akupunktur allerdings nicht ratsam“, meint Schlager. „Bei Störungen der Blutgerinnung können jedoch Akupressur und Laserakupunktur problemlos eingesetzt werden.“ Hierzulande haben sich über 4.000 Ärzte (von insgesamt rund 40.000) dazu entschlossen, die Ausbildung für das Diplom in Akupunktur, welches von der Österreichischen Ärztekammer seit 1991 verliehen wird, zu absolvieren. „Es dürfen ausschließlich Ärzte die Akupunktur ausüben. Das ist auch sehr wichtig, da der Akupunkteur eine gute schulmedizinische Ausbildung haben muss“, so Schlager. „Zu Geburtsvorbereitungszwecken dürfen auch ausgebildete Hebammen zur Nadel greifen.“

Grenzen der Behandlung
„Akupunktur kann aber nichts gutmachen, was bereits zerstört ist – beispielsweise Gewebe wieder aufbauen –, und kann fehlende Substanzen wie etwa Insulin nicht zuführen“, erläutert Schlager. „Auch unheilbare Krankheiten wie Krebs oder Herzerkrankungen wie Herzinfarkt und Herzinsuffizienz, aber auch manifeste psychiatrische Erkrankungen sind nur mit schulmedizinischen Methoden in den Griff zu bekommen.“ Selbstredend ist weiters, dass auch chirurgische Indikationen keine Akupunktur erfordern. Nichtsdestotrotz: Sämtliche Neben- und Folgewirkungen der konventionellen Behandlung – z. B. Übelkeit nach einer Chemotherapie – können mit den Nadelstichen reduziert werden. Integriert in die moderne Medizin, stellt die Akupunktur eine Bereicherung dar. „Da die Akupunktur in Österreich nur von Ärzten durchgeführt wird, können diese immer abschätzen, wann die Akupunktur sinnvoll als Ergänzung zur konventionellen Therapie eingesetzt werden kann“, ist Stockert überzeugt. 

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