Samstag, 21. September 2019

Sand im Getriebe

Ausgabe 12/2009-01/2010
Draußen die Kälte, drinnen die trockene Heizungsluft, gearbeitet wird dann auch noch am PC. Kein Wunder also, dass die Augen trocken werden. Hier für Sie der Gesünder-Leben-Guide zu Ursachen & Therapie des trockenen Auges.

Foto: Comugnero Silvana - Fotolia.com
Ein brennendes Gefühl in den Augen, so als würden Sandkörner darin reiben oder Ameisen laufen, dazu ein Jucken und die Tränen laufen. Manche Menschen empfinden das so, als würden die Augen nicht mehr zu ihnen gehören: Das sind die typischen Symptome des trockenen Auges – in der Fachsprache Sicca-Syndrom genannt. Ungefähr jeder fünfte Patient, der zu einen Augenarzt geht, leidet darunter.

„Kennzeichnend ist eine unzureichende Benetzung der Augenoberfläche mit Tränen. Die Reizerscheinungen, die ein trockenes Auge hervorruft, können Sie leicht nachempfinden, wenn Sie die Augenlider ohne zu blinzeln längere Zeit offenhalten“, erklärt der Biochemiker und Augenspezialist Univ.-Prof. Mag. Dr. Otto Schmut von der Universitäts-Augenklinik der Medizinischen Universität Graz.

Immer mehr sind betroffen
In den letzten Jahren hat die Zahl der Patienten, die über trockene Augen klagen, beträchtlich zugenommen. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Zum einen werden wir immer älter, und im Alter nimmt die Tränenflüssigkeitsproduktion generell ab bzw. leiden viele dann an Erkrankungen, die das Sicca-Syndrom auslösen können. Zum anderen werden steigende Umweltbelastungen, verschiedene Medikamente wie etwa manche Antibabypillen, Psychopharmaka oder Blutdruck- und Schmerzmittel und nicht zuletzt Klimaanlagen und Computerarbeit für das Zunehmen des Sicca- Syndroms verantwortlich gemacht.

Frauen sind zudem wesentlich häufiger betroffen, vor allem zwischen dem 40. und dem 70. Lebensjahr, weshalb man vermutet, dass auch hormonelle Komponenten beim Auftreten dieser Erkrankung eine Rolle spielen.

Faszinierender Tränenfilm
Im Alltag ist uns die klare Sicht auf die Welt selbstverständlich, aber wir vergessen dabei oft, dass menschliche Augen pro Sekunde zehn Millionen Informationen aufnehmen und ans Gehirn weitergeben. Das Auge ist hochkomplex, funktioniert wie eine Hochleistungskamera und ist daher auch ebenso anfällig für Störungen. „Auch der Tränenfilm ist viel komplizierter aufgebaut als man vermutet“, betont Prof. Schmut. „Die Träne im Labor absolut identisch zur natürlichen Träne nachzuahmen, ist bis heute noch nicht gelungen.“ Die Funktionen des Tränenfilms aber sind bekannt: Er dient zur Benetzung, als Feuchtigkeitsspender, reinigt von Staub und Pollen, ernährt umliegende Gewebe und wehrt Krankheitserreger ab.

„Trockenes Auge bedeutet aber nicht nur“, erklärt Spezialist Schmut, „dass zu wenig Tränenflüssigkeit produziert wird oder dass Tränen zu rasch verdunsten. Vielmehr können auch Störungen in der Zusammensetzung der vielen Inhaltsstoffe der Tränenflüssigkeit dazu führen, dass sich kein stabiler Tränenfilm bildet.“

Zwei Formen des Sicca-Syndroms
Je nach Krankheitsursache unterscheiden die Experten zwei Formen des trockenen Auges:
  • Mangel an Tränenflüssigkeit: Wird das Sicca- Syndrom durch eine zu geringe Produktion von Tränenflüssigkeit verursacht, spricht man vom hypovolämisch bedingten trockenen Auge.
  • Die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit stimmt nicht: Beim hyperevaporativ bedingten trockene Auge sind zwar genug Tränen vorhanden, aber die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit oder die Augenoberfläche ist dahingehend verändert, dass die Tränenflüssigkeit zu rasch verdunstet. Ebenso sind Veränderungen der Blinzelfrequenz und Liderkrankungen, die zu einer gestörten Verteilung des Tränenfilms führen können, dafür verantwortlich.

Vorsicht vor Selbsttherapie!
So quälend auch die Beschwerden beim trockenen Auge sind, für Betroffene ist die Versuchung dennoch groß, die Therapie selbst in die Hand zu nehmen. Doch genau davon raten Ärzte dringend ab. Schmut: „Selbstmedikation und Hausmittel können beim Sicca-Syndrom regelrecht kontraproduktiv sein. Sie brauchen vor der Therapie eine präzise Diagnose durch den Facharzt. Dem Augenarzt stehen unterschiedlichste Möglichkeiten und Hilfsmittel wie z.B. die Spaltlampe zur Verfügung, die wichtige Hinweise zur Erkennung der Ursache und des Schweregrads der Tränenfilmstörung liefern. Gleichzeitig kann eine Abgrenzung zu anderen Erkrankungen der Binde- und Hornhaut gezogen werden.“ Wer nicht zum Arzt geht, riskiert, so der Experte, wiederkehrende Infektionen, die die Bindehautflora schwächen und in der Folge zu Sehschäden führen können.


Hilfe durch künstliche Tränen
Eine Therapie mit sogenannten Tränenersatzmitteln sollte erst nach gründlicher medizinischer Abklärung eingesetzt werden. Oft werden dabei mehrere Substanzen in einem Präparat gemischt, um die Bandbreite und Wirksamkeit zu erhöhen. Zu den heute weltweit am häufigsten verwendeten Substanzen gehört die Hyaluronsäure. Dazu Schut: „Bei der künstlich hergestellten, hochgereinigten Säure sind keine Fremdeiweiße enthalten, und daher müssen Patienten auch Angst vor allergischen Reaktionen haben.“


Viele Behandlungsformen
Abgesehen davon stehen je nach individueller Ausprägung des Sicca-Syndroms noch andere Therapieformen zur Verfügung. Das Spektrum reicht z.B. von der Therapie des Lidrands bis zur Besprühung der geöff neten Augen mit einer Öl-in-Wasser- Emulsion oder der Behandlung der entzündlichen Komponente bis hin zur Botulinumtoxin-Behandlung, speziellen Eingriffen sowie operativen Methoden und Hormontherapie. „Wichtig ist zunächst, die Auslöser des Sicca-Syndroms zu behandeln“, sagt Schmut und betont: „Sämtliche Erkrankungen des Lidrands können in Verbindung mit Hauterkrankungen auftreten, und man sollte daher unbedingt auch einen Hautarzt aufsuchen.“


Alternative Methoden unterstützen
Auch komplementärmedizinische Methoden haben sich bei der Behandlung des trockenen Auges bewährt. Dazu zählen vor allem Ayurveda, Kampo, Homöopathie, Schüßler-Salze, Bachblüten, Magnetfeldtherapie und Akupunktur. Aber auch hier lautet der Rat von Spezialist Schmut: „Vertrauen Sie sich nur Spezialisten an, viele der Methoden werden von entsprechend ausgebildeten Ärzten angewendet.“


BUCHTIPP:
Trockenes Auge, Alles zum Sicca-Syndrom, Von Andreas Wedrich, Otto Schmut, Dieter Rabensteiner; Verlagshausder Ärzte, € 14,90


Machen Sie sich schlau

Zehn Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Sicca-Syndrom:

  • Kann man durch das trockene Auge blind werden?
In der Regel nein. In wenigen Ausnahmefällen können allerdings schwerste Verlaufformen zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Sehkraft führen.

  • Gibt es absolute Heilung?
Wenn das trockene Auge einmal chronisch geworden ist, gibt es bis auf Einzelfälle keine vollkommene Heilung mehr. Es gibt aber gute Behandlungsmöglichkeiten.

  • Muss ich meine Kontaktlinsen weglassen?
Wenn es beim Tragen der Kontaktlinsen bereits zu Beschwerden im Sinne eines trockenen Auges gekommen ist, sollten Sie einige Zeit darauf verzichten. Zusatztipp: Wenden Sie sich an einen Kontaktlinsenspezialisten, um die Linsenverträglichkeit zu testen und die optimale Linsenart zu erhalten.

  • Was kann man speziell gegen das Büro-Auge tun?
Bei langer Bildschirmarbeit wird zu selten geblinzelt; dadurch kann ein Büro-Auge entstehen, und dann ist der Einsatz eines Computerprogramms sinnvoll, das den Menschen durch ein optisches oder akustisches Signal an das Blinzeln erinnert.

  • Muss ich einen anderen Beruf ergreifen?
Bei schwerer Ausprägung des trockenen Auges ist lang andauernde Computertätigkeit oder staubintensive Arbeit nicht ratsam.

  • Warum kommen meine Beschwerden nach dem Absetzen von Kortison wieder?
Nach Absetzen kann es wieder zur Verstärkung der Beschwerden kommen, da zusätzlich zur Entzündungshemmung, die das Kortison bewirkt, auch die auslösenden Ursachen für ein trockenes Auge behandelt werden müssen.

  • Darf ich trotzdem noch Make-up verwenden?
Verwenden Sie Kosmetika mit so wenigen Zusatzstoffen wie möglich. Achten Sie bei der Pflege der Augenpartie vor allem darauf, Umweltschmutz und Kosmetikarückstände sorgfältig zu entfernen. Dazu können auch chlorfreies Leitungswasser oder verträgliche Reinigungstücher verwendet werden.

  • Darf ich meine Tränenersatzmittel auch während einer Schwangerschaft anwenden?
Ja, es gibt derzeit keinen Hinweis, dass Tränenersatzmittel eine Schwangerschaft negativ beeinflussen.

  • Muss ich meine Urlaubs- und Freizeitgestaltung ändern?
Wenn bei bestimmten Freizeitaktivitäten Beschwerden auftreten, verwenden Sie eine Schutzbrille, und nehmen Sie Ihr Tränenersatzmittel auch mit in den Urlaub.

  • Wird das trockene Auge mit dem Alter besser?
Leider nein, da Altersveränderungen ja als Auslöser für das trockene Auge angesehen werden. Wenn jedoch im Alter Stress wie z.B. Computerarbeit oder Schwankungen im Hormonhaushalt wegfallen, können sich die Beschwerden dennoch bessern.



Das tut den Augen gut
So helfen Sie, „trockene Augen“ zu vermeiden:

  • täglich mindestens 2 Liter trinken
  • ausreichend schlafen
  • möglichst häufig blinzeln
  • bei Bildschirmarbeit stündlich fünf Minuten Pause einlegen
  • täglich mehrmals lüften
  • ist die Raumluft zu trocken: Luftbefeuchter einsetzen
  • Einsatz von Klimaanlage und Gebläse im Auto vermeiden
  • vitaminreiches Essen
  • nicht rauchen

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