Montag, 18. Februar 2019

Ruhe bitte!

Ausgabe 2019.02
Seite 1 von 2

Egal ob daheim, im Supermarkt oder im Büro: Geräuschkulissen sind allgegenwärtig – und nerven. Doch nicht nur das: Lärm kann richtig krank machen. GESÜNDER LEBEN zeigt, warum das so ist, und gibt wertvolle Tipps, wie Sie wieder zur Ruhe kommen.

 


Foto: iStock-843526408_Pixsooz

Frühmorgens reißen uns Weckermusik, hupende Autos oder gar dröhnende Presslufthämmer der nahe gelegenen Baustelle aus dem Schlaf, in der U-Bahn werden wir von Handytönen beschallt und am Arbeitsplatz im Großraumbüro sitzen lautstark telefonierende Kollegen, die Tastaturengeklapper, Serverbrummen und Straßenbahngebimmel übertönen möchten. – Ruhezonen sind heutzutage rar geworden. Nahezu ständig sind wir von Geräuschkulissen umgeben, die den Wunsch nach „Ohren zu und durch“ größer werden lassen. Doch leider geht das nicht. Denn: Unser Gehör lässt sich nicht abschalten; es arbeitet in gesundem Zustand 24 Stunden am Tag – und das, solange wir leben. Zahlreiche Menschen in Österreich fühlen sich daher durch die unterschiedlichsten „Krachmacher“ belästigt. Einer Erhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2015 zufolge finden mehr als 49 Prozent der Bevölkerung, dass das Ausmaß der Lärmbelästigung in den letzten drei Jahren zugenommen hat. Knapp 50 Prozent geben an, sich durch Verkehrslärm, 39 Prozent durch Lärm in ihrer Wohnung und jeweils rund 17 Prozent durch Baustellen- oder Nachbarschaftslärm gestört zu fühlen. Warum, liegt auf der Hand. Lärm kann nicht nur unsere Ohren langfristig schädigen, er versetzt uns auch in eine Stresssituation – mit all ihren unerfreulichen Folgen für Organismus und Psyche.

Last und Belästigung
Lärm ist Schall, der uns ab einer bestimmten Stärke und Tonhöhe bzw. Dauer stören kann und unsere Gesundheit gefährdet. „Unsere Ohren sind äußerst sensible Organe. Jedes Geräusch wird über die feinen Haarzellen im Inneren der Ohren an unser Gehirn weitergeleitet und bewertet. Ob wir dieses Geräusch dann als Lärm empfinden, hängt neben der Höhe des Schallpegels, der Tonart und der Dauer der Belastung auch stark vom subjektiven Empfinden ab“, so Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Gstöttner, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie. Und Mag. Kristina Hutterer, Arbeitspsychologin am Wiener AKH ergänzt: „Eine Vielzahl individueller Faktoren und auch der persönliche Handlungsspielraum beeinflusst, ob wir Geräusche als neutral oder als störend bis belastend empfinden.“ Beispielsweise wird von Nachbarn verursachter Lärm meist als störender empfunden als jener von den eigenen Familienangehörigen. Bereits ab Schalldruckpegeln von 65 Dezibel – das entspricht einer etwas lauteren Unterhaltung zwischen zwei Menschen – kann die mentale Gesundheit leiden. Auch physiologische Reaktionen können auftreten. Prinzipiell unterscheidet man zwischen Schäden am Ohr selbst und Schäden, die den restlichen Körper betreffen. „Im Innenohr können Haarzellen aufgrund mechanischer Überbeanspruchung beschädigt werden oder sogar irreversibel absterben. Auslöser können entweder kurze heftige Schallereignisse ab etwa 100 Dezibel oder auch die lang anhaltende Einwirkung von geringeren Lärmquellen sein“, erklärt Gstöttner. Das kann zu unangenehmen Ohrgeräuschen, einem Druckgefühl oder sogar zu Schwindelattacken, Tinnitus und/oder einem plötzlichen Hörverlust führen, die eine fachärztliche Behandlung erforderlich machen. „Ob sich die Haarzellen nach einer Lärmattacke – und ausreichend Ruhephasen – wieder regenerieren, hängt von der Zeiteinwirkung, der genetischen Prädisposition und dem Alter ab. Jüngere Menschen erholen sich meist schneller“, so Gstöttner.

Hört sich nicht gut an!
Auf ganz plötzlichen Krach reagieren wir instinktiv mit einer Alarmreaktion: Das Herz pocht schneller, der Blutdruck steigt, die Blutgerinnung wird aktiviert, die Nebennieren produzieren Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol und bereiten den Körper – evolutionsbedingt – auf Flucht oder Angriff bestens vor. An sich äußerst clever, doch Lärm bedeutet heute nur noch selten eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben. Die biologische Reaktion findet daher kein geeignetes Ventil und verursacht vielmehr krank machenden Stress. „Durch oxidativen Stress werden vermehrt freie Sauerstoff-Radikale gebildet, die Entzündungen begünstigen und dadurch u. a. zur Plaquebildung führen. Im schlimmsten Fall drohen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das Schlaganfallrisiko steigt pro 10 dB(A) Lärmzunahme z. B. bei Straßenverkehr um etwa 14 Prozent, wobei hier natürlich auch noch weitere Lebensstilfaktoren berücksichtigt werden müssen“, so Univ.-Prof. Dr. Jutta Bergler-Klein, Leiterin der Allgemeinen Herzambulanz am Wiener AKH. Es konnte zudem nachgewiesen werden, dass dauerhafter Lärm, beispielsweise durch Autos, Züge oder Flugzeuge – vor allem des Nächtens – mit einem häufigeren Auftreten von Vorhofflimmern einhergeht. Die Entstehung von Herzkranzgefäß-Verengungen und Herzinfarkten wird begünstigt. „Bei nächtlichem Lärm und Schlafentzug kann außerdem ein anhaltender Bluthochdruck entstehen. Dieser konnte sehr eindrucksvoll auch in einem Mäusemodell gezeigt werden“, erläutert Bergler-Klein. Eine schlechte Schlafqualität wirkt sich wiederum negativ auf den Stoffwechsel, den Cholesterinspiegel und sogar auf das Immunsystem aus. Dauerlärm kann somit zu einer höheren Infekt- als auch Allergieanfälligkeit führen. Bergler-Klein: „Durch Lärm bedingter Stress führt zu einem Anstieg des Hormons Cortisol und des Blutzuckers. Dadurch wird die Insulinresistenz begünstigt, die wiederum zu Diabetes führt.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Ruhe bitte!
Seite 2 In der Ruhe liegt die Kraft.

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-02 130x173

Aktuelles Heft 02/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 8. März

 

Unsere Ausgabe 12/2018-01/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Sind Sie zu Ihrem Arzt immer ehrlich?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information