Rheumatoide Arthritis

Ausgabe 2013/10

Noch gibt es kein Heilmittel für Rheumatoide Arthritis. Und auch vorbeugen ist eigentlich nicht möglich. Doch man kann damit leben – wir sagen, wie!


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Alles in allem gibt es etwa 450 verschiedene rheumatische Erkrankungen, wobei diese grob in drei Gruppen eingeteilt werden: In rund 60 Prozent der Fälle handelt es sich um degenerative Rheuma-
erkrankungen bzw. Arthrosen. Daneben gibt es den Weichteilrheumatismus und entzündlich rheumatische Gelenkerkrankungen, wobei die Rheumatoide Arthritis (RA) die häufigste Form darstellt. Etwa 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen – vorwiegend Frauen. Warum das so ist, ist noch nicht geklärt, es könnte allerdings mit den Hormonen zusammenhängen. Andrea Strommer aus Waldkirchen an der Thaya leidet seit über 20 Jahren unter chronischer Polyarthritis (wie RA auch genannt wird). Sie war gerade einmal 27 Jahre jung, als ihr Hausarzt einen Rheumafaktor feststellte, nachdem sie immer wieder von Gelenkschmerzen geplagt worden war. Danach begann eine wahre Odyssee. „Fast zehn Jahre lang bin ich alle drei oder sechs Monate zur Kontrolle nach Wien ins AKH gefahren, habe etliche Medikamente ausprobiert, die Rheumaschule gemacht und alternative Methoden versucht. Wirklich gebessert hat sich aber nichts. Außer während der Schwangerschaften mit meinen zwei Söhnen. Ich sage immer: Gäbe es Schwangerschaftshormone in Spritzen, würde ich das sofort nehmen“, so die Landwirtin, die mit ihrem Mann einen Nebenerwerbsbetrieb führt.

Rasch handeln. „Rheumatoide Arthritis entsteht durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems. Dadurch kommt es zur Entzündung, was wiederum zur Zerstörung der Gelenke führt, wobei Letzteres binnen weniger Wochen oder Monate eintreten und letztlich zur Invalidität führen kann“, erklärt Prim. Univ.- Prof. Dr. Ludwig Erlacher vom SMZ-Süd, Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Zwei Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit einer frühen Diagnose und eines raschen Therapiebeginns: Wird die Erkrankung nicht erkannt bzw. behandelt, können 20 Prozent der Betroffenen ihren Beruf nach zwei Jahren nicht mehr ausüben, nach zehn Jahren sind es bereits rund 50 Prozent. Die Diagnose ist im Frühstadium nicht einfach. Dennoch gibt es drei Symptome, die auf eine RA hindeuten können: geschwollene Gelenke (v. a. morgens), Schmerzen bei den Fingergrundgelenken (sprechen für eine Entzündung) und Morgensteifigkeit (wenn man z. B. eine halbe Stunde oder länger keine Faust machen kann). Trifft eines dieser drei Symptome zu, sollte man einen Termin beim Rheumatologen vereinbaren. Dieser untersucht sodann nicht nur den Patienten und seine Gelenke, sondern macht bei Verdacht auf RA zusätzlich eine Reihe von Labor- sowie Röntgenuntersuchungen und gegebenenfalls auch einen hochauflösenden Gelenksultraschall, da Gelenksentzündungen meist erst dadurch objektivierbar sind. Übrigens: Als Patient kann man seinen Arzt natürlich darum bitten, all diese Untersuchungen durchzuführen. Gleichwohl rät Rheumaspezialist Erlacher: „Wenn Ihr Arzt das nicht von selbst macht, sollten Sie sich einen anderen suchen.“ Ohnehin spielt das Verhältnis zwischen Arzt und Patient eine wesentliche Rolle. Ein Grund, warum Andrea Strommer seit 2000 bei Prim. Doz. Dr. Burkhard Leeb vom Landesklinikum Weinviertel Stockerau in Behandlung ist: „Am AKH hatte ich jedes Mal einen anderen Arzt. Das wollte ich nicht mehr.“

Enger Kontakt zum Arzt ist wichtig. Während Andrea Strommer schon eine lange „Rheuma-Reise“ hinter sich hat, stehen andere erst am Anfang. Und obwohl eine Heilung nicht möglich ist, sei es laut Ludwig Erlacher wichtig, „sofort mit der Basistherapie zu beginnen, immerhin besteht die Chance auf Remission, also einen beschwerdefreien Zustand, in dem die Erkrankung nicht fortschreitet“. Neben Schmerzmitteln und Kortison kommen vor allem langwirksame Antirheumatika und krankheitskontrollierende Medikamente zur Anwendung, wobei Letztere das fehlregulierte Immunsystem beeinflussen und gegen Entzündungen sowie Gelenkzerstörung wirken. In manchen Fällen reicht dies jedoch nicht aus und die Betroffenen bekommen zusätzlich sogenannte Biologika. Diese Präparate brachten einen Durchbruch in der medikamentösen Therapie von RA, da sie direkt in den immunologischen Ablauf der Entzündung eingreifen. Entscheidend sei ferner die enge Rücksprache mit dem behandelnden Rheumatologen und dass der Patient diesen alle drei Monate zur Kontrolle aufsucht, um abzuklären, ob die Medikamente wirken. „Nur so kann erreicht werden, dass es zu einem deutlichen Rückgang bzw. idealerweise dem kompletten Verschwinden der Entzündung kommt und dass die Gelenke nicht zerstört werden“, betont Erlacher. Bei Andrea Strommer ist es dafür bereits zu spät – zumindest was ihr rechtes Knie betrifft, bei dem es im Grunde nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis es operiert werden muss. Mit den Schmerzen habe die heute 49-Jährigen gelernt zu leben. Doch es gibt auch schöne Zeiten: „Ein Sommer wie dieses Jahr ist für mich herrlich. Mir kann es nicht heiß genug sein, weil die Gelenke dann deutlich weniger schmerzen als in der nasskalten Jahreszeit.“

Rheuma-Forschung

Generell wird in mehrere Richtungen geforscht: Neben der Suche nach neuen Medikamenten und alternativen Therapien, liegt der Fokus auf dem Bereich „Outcome Research“. Prim. Doz. Dr. Burkhard Leeb vom Karl Landsteiner Institut für Klinische Rheumatologie am Landesklinikum Weinviertel Stockerau erklärt: „Das Ziel besteht darin, die Krankheitsaktivität im Rahmen einer Behandlung und im Hinblick auf den Verlauf der Krankheit so gut wie möglich zu messen. Es geht also um Therapiekontrolle.“ Darüber hinaus befinde sich die Rheumaforschung laut Leeb in einer Umbruchphase, weist doch alles in Richtung individualisierte Therapie: Um die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten, wird die Therapie, vereinfacht gesagt, auf die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen des Patienten zugeschnitten. Österreichische Forschungseinrichtungen sind dabei übrigens durchaus führend.

Positive Einstellung. Und: Hören Sie zu rauchen auf! Sofern man zu den Menschen gehört, die den Glimmstängel trotz aller gesundheitlichen Warnungen nicht aus den Fingern geben können, ist mit der Diagnose Polyarthritis der Zeitpunkt gekommen, dem Nikotin endgültig abzuschwören. Rauchen gilt nämlich nicht nur als möglicher Auslöser für RA, Raucher sprechen zudem schlechter auf die Medikamente an. Und: „Physiotherapie ist“, so Erlacher, „sicher nicht falsch.“ Und wenngleich auch Andrea Strommer sich vorstellen kann, dass es ihr guttun würde, hat sie bislang keinen Physiotherapeuten aufgesucht. Doch es scheint, als würde sie sich von ihrer Krankheit ohnehin nicht unterkriegen lassen. Womöglich hat das mit ihrer Einstellung zu tun: „Ich bin ein positiver Mensch, habe nie aufgehört zu arbeiten und ich denke, das ist gut so. Man muss einfach weitermachen.

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