Freitag, 15. November 2019

Reine Kopfsache

Ausgabe 2019.10

95 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen leiden mindestens einmal im Leben an Haarausfall. Was sind die Ursachen – und was hilft tatsächlich dagegen? Eine Expertin klärt auf.


Foto: iStock-Tinatin1

 

Studien zufolge werden glatzköpfigen Männern eher Eigenschaften wie Dominanz, Fortpflanzungs- und Durchsetzungsfähigkeit zugeschrieben als Männern mit wallender Mähne. Trotzdem: Viele leiden darunter, wenn die Haarpracht zusehends weniger wird. Bei Frauen ist das Thema Haarausfall besonders heikel: „Für Frauen stellen Haarausfall und Glatzenbildung definitiv eine Stigmatisierung und emotional eine belastende Situation dar“, bestätigt Dr. Tamara Meissnitzer, Hautärztin in Niederösterreich.

Fast normal?
100.000 bis 150.000 Haare befinden sich auf unserem Kopf. Ein einzelnes Haupthaar wächst pro Tag etwa 0,3 Millimeter und kann bis zu sieben Jahre alt werden, so Meissnitzer. Täglich verlieren wir 100 bis 150 Haare – das sei ganz normal, betont die Expertin. „Dies fällt nicht weiter auf, zumal die ausgefallenen Haare ja laufend ersetzt werden. Erst wenn über einen längeren Zeitraum hinweg mehr Haare ausfallen als nachwachsen, gibt es Grund zur Besorgnis.“ Rund 95 Prozent aller Männer und circa die Hälfte aller Frauen leiden mindestens einmal im Leben unter Haarausfall. Betroffen sind vor allem ältere Männer (und Frauen) – ein herkömmlicher biologischer Prozess, so Meissnitzer: „Wird man älter, werden die vom Körper produzierten Wachstumshormone immer weniger. Entsprechend wachsen die Haare nicht mehr so schnell nach, am physiologischen Haarausfall ändert sich aber nichts. Eigentlich handelt es sich bei diesem Haarausfall im Alter lediglich um ein verlangsamtes Nachwachsen der Haare.“ Natürlich gibt es auch junge Glatzköpfe: Diese haben ihre fehlende Haarpracht im Normalfall ihrer Genetik zu verdanken.

Verschiedene Arten
Dieser sogenannte „erblich bedingte Haarausfall“ zeigt sich unter anderem durch Geheimratsecken, rundliche Glatzenbildung am Hinterkopf oder zurückgehenden Haaransatz auf der Stirn und ist mit über 90 Prozent der häufigste Haarausfall-Typ, klärt die Ärztin auf. Es gibt aber auch „diffusen“ sowie „kreisrunden“ Haarausfall. Vom diffusen Haarausfall spricht man dann, wenn die Haare auf dem Kopf gleichmäßig dünner werden und dadurch kahle Stellen erkennbar werden. Frauen sind hiervon sogar häufiger als Männer betroffen. Beim kreisrunden Haarausfall wiederum handelt es sich um die häufigste entzündliche Haarausfall-Erkrankung. Hier entstehen runde kahle Stellen an unterschiedlichen Stellen der Kopfhaut, die weder eine Schuppung noch eine andere Art von Hautveränderung aufzeigen. Die Erkrankung verläuft meist in Schüben und heilt oft spontan und ohne spezifische Therapie wieder ab.

Auslöser
Die Ursachen für Haarausfall können unterschiedlich ausfallen. „Grundvoraussetzung für ein normales Haarwachstum ist eine gesunde Kopfhaut“, betont Meissnitzer. „Dementsprechend können auch Erkrankungen der Kopfhaut, wie beispielsweise Ekzeme oder Infektionen durch Pilze oder Bakterien, ursächlich für Haarausfall sein.“ Auch eine übermäßige Belastung von Kopfhaut und Haaren, zum Beispiel durch häufiges Haarefärben, Föhnen oder eine Dauerwelle, kann zu einer Verminderung der Haaranzahl führen. Der mögliche Auslöser kann aber auch bereits einige Zeit zurückliegen, so die Expertin: „Schwere Erkrankungen, Traumata, Unfälle, Ereignisse, die einen Aufenthalt auf einer Intensivstation notwendig machen, aber auch psychische Belastungen können mit einer Verzögerung von Wochen bis Monaten Haarausfall auslösen.“ Prinzipiell sollten bei einem Haarausfall stets ernsthafte Erkrankungen wie Tumore, Autoimmun- oder Lebererkrankungen so bald als möglich ausgeschlossen werden. Auch Zahnprobleme, eine Schwangerschaft oder Medikamente können Haare ausfallen lassen.

Was hilft?
Erste Anlaufstelle sollte der Hautarzt sein. „Aber auch Hormonspezialisten und Gynäkologen liefern einen wertvollen Beitrag zur Diagnosefindung“, so Meissnitzer. Liegt dem Haarausfall keine organische Ursache zugrunde, ist die Behandlung „schwierig und meist unbefriedigend – für Patient und Arzt gleichermaßen“, betont Meissnitzer. Fakt ist dennoch: Die Ansprechrate von Haarwuchsmitteln liegt bei immerhin 20 bis 30 Prozent. Bei männlichem Haarausfall ist der Wirkstoff Finasterid, der auch bei gutartiger Prostatavergrößerung eingesetzt wird, in aller Munde. Dazu die Ärztin: „Die Ansprechraten liegen hier bei 80 bis 90 Prozent, jedoch geht der Wirkstoff mit einem hohen Risiko an unangenehmen Nebenwirkungen einher, wie einer verminderten Libido und Potenzstörungen.“

ACP-Behandlung
Einen relativ neuen Ansatz der Therapie des erblich bedingten Haarausfalls bietet die Behandlung mit autologem conditioniertem Plasma (ACP). Hier wird dem Patienten Blut in ein Spezialröhrchen abgenommen und zentrifugiert. Übrig bleibt ein Gemisch aus Plasma, Blutplättchen und weißen Blutkörperchen, das in die betroffene Kopfhaut injiziert wird. „Man macht sich hier den Reichtum an körpereigenen Wachstumsfaktoren in diesen Blutzellen und im Plasma zunutze, die, konzentriert in der Kopfhaut, eine Aktivierung des Haarwachstums bewirken. Auch hier erzielt man mit 80 Prozent sehr gute Ansprechraten, jedoch ohne Nebenwirkungen.“ Aber: „Die Ansprechraten bei der Behandlung von Frauen liegt deutlich unter jener der Männer.“ Natürlich ist auch eine Haartransplantation eine Behandlungsmöglichkeit, Meissnitzer gibt jedoch zu bedenken, dass „diese moderne, sehr aufwendige mikrochirurgische Prozedur natürlich ihren Preis hat“.

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